Ist Ello das Netzwerk der Zukunft?

Eine neue Sau wird durchs digitale Dorf getrieben: Ello ist der Name eines neuen sozialen Netzwerks, das mehr Privatsphäre und Datenschutz verspricht.

Bisher ist Twitter das soziale Netzwerk meiner Wahl. Es ist meine Teeküche, Nachrichtenquelle, schnelle Hilfe bei speziellen Fragen, mein Brainstorming-Assistent, konstanter Lieferant von Tierbabyfotos und meist lustigen Sprüchen. Ich bin dort mit Kollegen vernetzt, die hunderte Kilometer entfernt wohnen, habe Kontakte geknüpft, die rein virtuell bleiben oder bereits real geworden sind. Doch seit Twitter an die Börse gegangen ist, musste ich einige Kröten schlucken: Gesponserte Tweets in der Timeline, mein Tweet-Verhalten wird ausgewertet, bald will Twitter Tweets von Leuten, denen ich nicht folge, dennoch in meine Timeline spülen, sofern es denkt, es könnte mich interessieren. Jedoch ist Twitter gerade deshalb mein soziales Netzwerk, weil ich dort im Gegensatz zu Facebook noch selbst entscheide, wem ich folge und wessen Tweets ich lese. Nerven mich Marketing-Gedöns, permanentes Genörgel oder Katzenbilder (was mir natürlich nie passieren würde!), kann ich denjenigen für eine gewisse Zeit ausblenden („muten“) oder sogar entfolgen. Damit wäre es dann vorbei, Twitter greift in die Blase ein, die ich mir mit liebevoller Sorgfalt selbst geschaffen habe.

Doch nun gibt es Ello.
Ausschnitt der Startseite auf Ello
Bereits im Frühjahr 2014 haben die Macher ein Manifest mit der markanten Überschrift „You are not a product“ veröffentlicht, in dem erste Leitgedanken formuliert wurden: Meine Konversationen sollen privat sein, sie sollen nicht getrackt oder aufgezeichnet werden, es sollen keine persönlichen Daten erhoben werden – und Ello soll werbefrei sein. Damit trifft Ello einen Nerv. Seit August ist nun die Betaversion in Betrieb, zu der man mit einer Einladung Zugang bekommt. Dadurch kontrollieren die Macher das Wachstum der Plattform, vor allem aber entfachen sie wie der fast vergessene Social-Bookmarking-Dienst Mammoth, Posterous oder das filmaffine Letterboxd einen zwei- bis dreitägigen Hype, schließlich wollen die meisten früh dabei sein. Fraglich ist indes, ob Ello weiterhin erfolgreich wie Letterboxd bleibt – oder wie Posterous vergessen sein wird.

Mit dem Code in der Einladung konnte ich mir einen Account mitsamt Benutzernamen anlegen und mich umsehen. Ello hat ein schönes, schlichtes Design, in dem man sich schnell zurechtfindet.
Ello_Profilseite
Das Grundprinzip ist wie bei Twitter: Ich folge anderen Nutzern, und mir kann gefolgt werden. Neu ist hingegen die Unterteilung in „Friends“ und „Noise“: Die Nutzer, zu denen ich engen Kontakt halte möchte, sind „Friends“, alles andere wird als Umgebungsrauschen – „Noise“ – einsortiert. Dadurch kann ich mehr Leuten folgen, die Updates meiner „Friends“ gehen jedoch nicht im chronologischen Strom unter.
Ello_Friends
Noch ist Ello eine Betaversion, daher kommen noch weitere Funktionen wie das Versenden privater Nachrichten, eine Benachrichtigungszentrale und ein Bookmarking-Dienst hinzu. Am meisten vermisse ich indes eine App, denn die mobile Anwendung von Ello im Browser ist derzeit nicht sonderlich gut gelöst. Das Versprechen der Werbefreiheit will Ello einhalten, indem manche Funktionen kostenpflichtig freigeschaltet werden. Aber ich bezahle lieber mit einer festgelegten Geldsumme für bestimmte Dienste als mit meinen Daten.

Bisher ist es bei Ello noch sehr ruhig, auch ist es schwierig, andere interessante Nutzer zu finden. Sollten aber zumindest die Twitterati, zu denen ich engeren Kontakt habe, auch zu Ello abwandern, ist es eine vielversprechende Alternative. Hier wird sich dann zeigen, ob die Bequemlichkeit des Altbekannten zu verführerisch ist – oder aber Twitter in seinem Bemühen, Geld zu verdienen, nicht nur mich allmählich vergrätzt. Denn ganz ehrlich: Hätte Twitter mich gefragt, hätte ich für die Nutzung des Dienstes auch gezahlt.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

24. September 2014 von Sonja Hartl
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