Into the Storm

Sky Documentaries HD sendet Politdoku Q: Into the Storm

 

Für mich, das muss ich vorausschicken, bevor ich jemanden mit meiner Unkenntnis über die digitale Welt beleidige, ist ein Computer-Monitor so etwas wie ein elektronisches Brett vor dem Kopf. Eines, das einem bei der Arbeit hilft und mit dem man zweidimensionale Filme betrachten kann.
Ich bin ein Freund der guten alten Elemente, auch wenn sie kalt sind, dunkel, heiß oder gar stinken. Mir einen Baum vors Haus schmeißen, der wie ein Saurierskelett explodiert.
Ich bin niemand, der sich einen klobigen ergonomischen Bürostuhl kauft, um auf eine Wand von Monitoren zu glotzen, als wäre ich Kapitän in einem Atom-U-Boot. Die Signale aus den Monitoren haben allerdings die Kraft, Menschen und die äußere Welt zu beeinflussen.

Die rechtsradikale Bewegung QAnon, über die die HBO Miniserie Q: Into The Storm berichtet, bietet auf wechselnden Internetforen ein unglaublich effektives und wirklich innovatives Modell der Propaganda an: Posts werden vom Anonymos Q ins Netz gestellt und von Q-Tubern interpretiert und verbreitet. Ein Heer von Followern wird dadurch aktiviert. Aus der Miniserie kristallisiert sich folgende Arbeitsweise für kommende Diktatoren heraus:

Phase 1: „Question everything“ – Diskreditiere die klassischen Medien. Das ist leicht, denn sie alle sind, auch wenn eigentlich seriös, ein wenig tendenziös. Es braucht individuelle Medienkompetenz, um sich Wahrheit zu erarbeiten. Diejenigen, die sich wütend vom Informationsfluss abwenden, bleiben neugierig, brauchen andere Informationsquellen und finden sie auf entsprechenden Internetseiten, in Filterblasen oder am Stammtisch.

Phase 2: „Patriots are in control“ – Kreiere ein Feindbild und einen Retter. Trump z.B. wurde von besorgten Militärs eingesetzt, um US-amerikanische Patrioten vor den aggressiven Feinden zu beschützen, die nach dem Blut der Kinder dürsten. Hier ist die heftigste Lüge gerade eben stark genug. Mussten alte Lügner noch die Vergangenheit fälschen und sie mühsam der jeweiligen Gegenwart anpassen, kann so und ohne Quelle alles lanciert werden.

Phase 3:  „wwg1wga“ – Wiederhole schlichte Botschaften permanent auf allen Kanälen.  Eine „army of digital soldiers“ teilt die Lügen, verschickt und kommentiert sie. „Where we go one, we go all“ wird zur emotionalen Hymne.

Phase 4: „Everything has a meaning“ – Verstecke angeblich kryptische Informationen so schlecht, dass sie jeder selbst finden und entschlüsseln kann. Der Finder oder die Finderin halten sich für unglaublich schlau und glauben sogar, erleuchtet zu sein. Der Faktor, gefühlt die eigene Erkenntnis zu verteidigen, macht umso radikaler. Automatisch gehört der oder die Erleuchtete zu einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Phase 5: „Trust the plan“ ist die Devise. Die Erleuchteten gleichen Mitgliedern einer Sekte und sind gegen jede Art von Information, die gegen ihre frisch erworbene „religiöse“ Einstellung spricht, teflonbeschichtet. Auch gegen Einwände von Freunden und Verwandten.

Phase 6: Schaffe Verknüpfung mit der Wirklichkeit. Das vertieft die Wahrheitsbehauptung. Wenn etwa Trump auf ein Q zeigt, „Qou will find out“, sagt, oder, wie im Netz vorhergesagt, „tippie toppie“ vom Balkon ruft, wird dem Gefährdungsgeneigten suggeriert, auf dem richtigen Weg zu sein.

YouTube-Kanal HBO: Q: Into the Storm (2021) | Official Trailer HBO

Eingerahmt von Bildern der Erstürmung des Capitols in Washington geht eine Welle von Screenshots, Posts, Fotos, Handybildern und Talking Heads in der HBO Dokumentation der Frage nach, wie QAnon funktioniert. Außerhalb des Rahmens ihres Monitors in ihrem heimischen Biotop wirken die gezeigten Internet-Protagonisten deutlich banaler als frontal in ihren Kasten gesperrt. Man erlebt sie beim Waschen ihrer Schweine, schlecht gekleidet in ihren scheußlichen Einrichtungen, sieht ihren Frauen beim Kochen zu und findet sie mehr oder weniger sympathisch. Eher weniger. Das ist eine weitere aufklärerische Leistung der Dokumentation, die für ab 12-Jährige im Hauptabendprogramm sehr empfehlenswert ist. Da sie auch mit kurzen Bildbeispielen aus der „evil sickness“ des Netzes aufwartet, könnte sie auf Kinder im Tagesprogramm erschreckend oder desorientierend wirken, weshalb vom FSF-Prüfausschuss eine Altersfreigabe ab 12 Jahren entschieden wurde.
QAnon ist in Europa noch nicht so wirkmächtig wie in den USA. Daher erscheint die Dokumentation angesichts der katastrophalen gesellschaftlichen Auswirkungen im Ursprungsland, die die Politdoku teilweise ausklammert, tendenziell verharmlosend.

Jim und Ron Watkins – die Betreiber der Internetforen 8kun und 8chin, die Q nutzt – lernt man im Laufe der sechs Episoden gut kennen. Locker und freundlich verteidigen sie die tödliche Hetze auf ihren Portalen als „Free Speech“. Die „Niederträchtigkeit umarmen“ nennt das der Regisseur Cullen Hoback.

Er dramatisiert die Bilderwelle seiner teilnehmenden Beobachtung mit der Frage, wer hinter all dem steckt und wer Q in der wirklichen Welt ist. Steve Bannon ist dabei mein persönlicher Champion. Er ist auch in Europa gut mit Rechtsradikalen vernetzt und gründete gerade in Collepardo/Italien eine „Academie for shit posting cultur warriors“. Aber es nützt letztlich nichts, sich eine eigene Gut-Böse-Zeichnung zu konstruieren. Die bösesten Bösen sind sowieso durchglüht vom Wissen, nur Gutes zu tun. Eine große Menschengruppe weiß offenbar überhaupt nicht mehr, worum es sich bei derart abstraktem Zeug wie Aufklärung, Demokratie, Humanismus und Rechtsstaatlichkeit handelt. Egozentrismus und fanatischer Patriotismus reichen ihnen.

Es war schön zu wissen, dass Star Wars und Matrix zum Kulturgut Amerikas wurden, aber die Erkenntnis, dass sie fast das einzige Kulturgut sind, ist eher ernüchternd. Auch Jared Holt von Right Wing Watch ist ratlos, wie man auf QAnon und folgende Phänomene reagieren soll: „Die Menschheit macht das zum ersten Mal“.

 

Sendetermine
Die sechsteilige Politdoku Q: Into the Storm läuft aktuell beim Sender Sky Documentaries HD. Die Episoden drei und vier sind morgen (11. Februar 2022) ab 20.15 Uhr zu sehen – es gibt weitere Ausstrahlungs- bzw. Wiederholungstermine. Die fünfte und sechste Episode folgen am 18. Februar 2022 ab 20.15 Uhr. Auch die ersten beiden Episoden Calm Before the Storm (1) und Do You Believe in Coincidences (2) werden am 21. und 22. Februar 2022 wiederholt. Alle Sendetermine sind bei sky.de abrufbar.

 

FSF: freigegeben ab ..?

FSF: freigegeben ab 12 Jahren | Hauptabendprogramm © FSF

Die US-amerikanische Dokumentation über die QAnon-Bewegung zeigt, welchen Einfluss die rechtsextreme Bewegung auf unsere Gesellschaft und Politik ausübt und geht der Frage nach, welche Folgen eine uneingeschränkt freie Meinungsäußerung nach sich zieht.
Die Dokumentation beleuchtet im sachlichen Stil den Verschwörungslügenkomplex im Internet; auf eine missverständliche Interpretationsweise wird dabei durchgehend verzichtet. Befragt werden u.a. Anhänger der Bewegung, sodass deren teilweise abstrusen, falschen und u.U. menschenverachtenden Behauptungen Eingang in die Reportage finden. Jedoch werden diese Antworten ausreichend kritisch eingeordnet, sodass nach einhelliger Ansicht des Prüfausschusses Zwölfjährigen zugetraut werden kann, die mehrteilige Dokumentation differenziert wahrzunehmen und adäquat einordnen zu können. Im Verlauf der Doku-Reihe werden Bilder von Attentaten und NS-Symbole eingeblendet – zu dokumentarischen Zwecken ist dies erlaubt. Jedoch grob anreißerisch präsentierte Bilder, um den Hintergrund eines QAnon-Mitglieds (ehemaliger Pornoproduzent) zu illustrieren, müssen für die Ausstrahlung im Hauptabendprogramm entfernt bzw. geblurrt werden. Nach Prüfung der ersten vier von sechs Episoden wird eine übermäßig ängstigende oder eine desorientierende Wirkung für ein Publikum ab 12 Jahren nicht vermutet, die Politdoku erhält – z.T. unter Auflagen – eine Freigabe ab 12 Jahren.

Diese sowie weitere ProgrammInfos sind auf der FSF-Website nachzulesen.

Hinweis: Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern und externen Antragstellern vorgelegt.

***

Weitere Texte aus der Rubrik Neues aus der Programmprüfung

Über Uli Wohlers

Uli Wohlers ist DiplSoz Päd. Prüfer bei FSK und FSF. Er studierte u.a. Publizistik und Filmwissenschaft in Dublin und Lüneburg und lebt nun als freier Autor in Hamburg, Berlin, Dänemark und on the road. Wohlers textet nicht nur für den fsf blog, sondern schreibt Romane und Drehbücher. Sein aktuelles Werk heißt Projekt Rahanna, 2011 ist der Krimimalroman Die Spur der Schweinebeides bei Braumüller/Wien erschienen.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.