In den Schuhen der Frauen

Wer wissen will, wie es ist, eine Frau im Filmgeschäft zu sein, der hat dazu viel Gelegenheit. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein namhafter weiblicher Star sich zu seinen Arbeitsbedingungen äußert. So erzählte Maggie Gyllenhaal, dass sie eine Rolle nicht bekommen habe, weil sie mit 37 angeblich zu alt sei, um die Geliebte eines 55-Jährigen zu spielen. Anna Kendrick erzählte, dass sie einen Vertrag endgültig erst unterschreiben könne, wenn alle männlichen Figuren eines Films besetzt seien. Selma Hayek erläuterte, dass die meisten männlichen Stars sogar vertraglich zugesicherte Mitspracherechte an der Besetzung ihrer weiblichen Co-Stars hätten. Kristen Steward bezeichnete Hollywood als „widerlich sexistisch“, und jüngst wurde ein Blog lanciert, der anonym Erfahrungen von Regisseurinnen und anderen Filmfrauen sammelt – „Shit People Say To Women Directors (& Other Women In Film)“. Der Blog ist eine schöne Ergänzung zu „Casting Call Woe“, wo teils wirklich absurdeste und vor allem extrem frauenfeindliche Casting-Aufrufe gesammelt werden. Meist weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man Sätze liest wie „She’s past her prime. Aged 23 – 30“. Und auch Männer haben sich zu dem Thema zu Wort gemeldet: Julian Fellowes, Autor von Downton Abbey, wird zitiert mit der Aussage, dass Frauen in Hollywood mit 32 aufhören, sexuelle Wesen zu sein, während Männer weitermachen dürfen, bis sie 78 sind. Und der Australier Geoffrey Rush hat unlängst angeprangert, dass es auch in seinem Heimatland Australien zu wenige Frauen hinter der Kamera gibt.

Für Frauen gelten nach wie vor andere Regeln, auch hinter der Kamera. Filmprojekte von Frauen etwa werden eher von kleinen Verleihern aufgegriffen, die großen haben wenig Interesse daran. Im Gegensatz zu Projekten von Männern, wo das Verhältnis von kleinen zu großen Verleihern ungefähr bei 50:50 liegt. Das zeigt eine Studie des Female Film-makers Institute. Die Studie fand außerdem eine Reihe von Vorurteilen weiblichen Regisseuren gegenüber, wie z.B. dass deren Filme für das Publikum weniger interessant seien, es zu wenige Regisseurinnen gäbe oder auch, dass Frauen kein Interesse an großen Produktionen hätten. Auf RogerEbert.com gibt es einen wunderbaren Artikel, der sich mit dem Phänomen befasst, dass Männern nach einem Low-Budget-Erstlingserfolg gern mal ein großes Folgeprojekt übertragen wird, aber Frauen und Vertretern von Minderheiten so gut wie nie. Gareth Edwards etwa bekam nach seinem beeindruckenden ersten Film Monsters gleich die Neuverfilmung von Godzilla übertragen. Und sprang damit von einem kammerspielartigen Film, bei dem er die Special Effects am Rechner in seinem Schlafzimmer gemacht hatte, zu einer Multimillionen-Dollar-Produktion mit einer Armee von Darstellern und aufwendigsten CGI- und Actionsequenzen.

Die Autorin des oben genannten Artikels fordert außerdem eine Quote für weibliche Regisseure, auch wenn das unweigerlich zum „Job-nur-wegen-der-Quote-bekommen“-Argument führen würde. In Deutschland stellt diese Forderung vor allem die Initiative Pro Quote Regie auf. Denn hierzulande ist es um Frauen im Filmgeschäft nicht anders bestellt. Nach Angaben der Initiative gingen 2014 von 59,5 Millionen Euro Fördergeldern des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) nur 7,5 Millionen an weibliche Regisseure. 2013 waren es 6 Millionen von 62,5. Einen eher systemischen Ansatz verfolgt in den USA die American Civil Liberties Union (A.C.L.U.). Sie prangert an, dass nicht nur für Frauen in Hollywood andere Regeln herrschen, sondern auch für die Filmindustrie im Allgemeinen, und verlangt, dass der eklatante Sexismus am Arbeitsplatz in Hollywood von den zuständigen Behörden untersucht wird. Denn schließlich sei Diskriminierung auf Grundlage des Geschlechts in allen anderen Branchen illegal. Da könnte es nicht sein, dass die Filmindustrie dafür einen Freifahrtschein bekäme. Die Anheuerungsprozesse müssten transparenter werden, damit Frauen hinter den Kulissen nicht von bestimmten Projekten aufgrund von Vorurteilen ausgeschlossen würden.

Was jedoch auch in aller Munde ist, sind die Namen der Frauen, die genau das tun, wonach verlangt wird: erfolgreiche Arbeit vor und hinter der Kamera leisten. Pitch Perfect 2 verdrängte in Großbritannien Mad Max von Platz 1 der Kinocharts (und dabei ist Letzterer selbst ein Paradebeispiel für grandiose weibliche Helden), die Hunger-Games-Trilogie und die Twilight-Saga haben Filme populär gemacht, die weibliche Teenager ansprechen, Regisseurinnen wie Ava DuVernay (Selma), Comedians wie Melissa McCarthy und Amy Schumer sind extrem erfolgreich und von Fifty Shades of Grey mag man halten, was man will, aber es ist ein Multimillionen-Dollar-Erfolg, der von einer Frau gedreht wurde. Dennoch sprechen die Zahlen auch der letzten Jahre eine andere Sprache. Seit 1998 hat sich fast nichts an der Tatsache geändert, dass es immer gut 80 Prozent Männer und nur knapp 20 Prozent Frauen sind, die sich in den Produktionen der Top-250-Filme (nach Einnahmen) tummeln. 2014 waren nur 17 Prozent der Schlüsselpositionen (Regisseure, Autoren, Produzenten, Cutter, Kameraleute) der 250 finanziell erfolgreichsten Filme mit Frauen besetzt.

Doch vielleicht werden wir die Auswirkungen des Umstandes, dass dieses Thema im Moment so unübersehbar ist wie ein testosterongetriebener Blockbuster erst nächstes Jahr in den Statistiken ablesen können. Und auch dann wird es noch ein langer Weg sein. Denn wenn man hört, dass in Cannes Frauen der Zutritt zu einer Filmpremiere verweigert wurde, weil sie flache Schuhe trugen, und offenbar erwartet wird, dass alle in High Heels über den roten Teppich stolpern, dann zeigt das, dass es in den Schuhen der Frauen nach wie vor verdammt unbequem ist.

Photographer Ryan McGuire

Photographer: Ryan McGuire

 

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

03. Juli 2015 von Katja Dallmann
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