YouNow: Think before you stream!

Teil 1

Seit Anfang des Jahres sorgt die Streaming-Plattform YouNow für erheblichen Diskussionsbedarf. Während jahrelang der Satz „Think before you post“ das Credo war, sollte es wohl zukünftig heißen „Think before you stream“. Denn viele schalten beim Klick auf YouNow ihren Kopf aus.

YouNow

YouNow – Wie funktionierts?

Eigentlich ist das Prinzip einfach: Mithilfe der Plattform YouNow kann man sich live – also in Echtzeit – im Netz präsentieren. Alles, was zur Nutzung von YouNow benötigt wird, sind eine Kamera und ein internetfähiges Gerät – ein gängiges Smartphone ist also bestens geeignet. „YouNow“ stammt aus den USA und existiert bereits seit 2011. Das Angebot wurde ursprünglich für YouTube-Künstler entwickelt, die ihre Videos wie bisher nur zeitversetzt auf YouTube hochladen, sondern auch in Echtzeit mit ihren Fans in Verbindung treten und sich präsentieren wollten. Der eigene „Stream“ kann mit Schlagwörtern, sogenannten „Hashtags“ versehen und so auch bestimmten Themen, z.B. Gesang, Tanz usw. oder einem Land, z.B. #Deutsch-Girl, zugeordnet werden. Die Zuschauer können den „YouNowern“ in ihrem Livestream Fragen stellen und kommentieren.
Streamen darf man bei YouNow ab 13 Jahren, das wird allerdings nicht kontrolliert.  Seit Ende 2014 ist das Interesse an YouNow in Deutschland vor allem bei Jugendlichen enorm rasant gestiegen. Immer mehr junge Menschen, so scheint es, streamen aus dem Kinderzimmer, in der Schule, auf dem Schulhof, unterwegs. Sie zeigen wie (und z.T. auch wo) sie leben, was sie beim Lümmeln auf der Couch tragen, welche Musik sie hören, sie streamen, wenn sie krank im Bett liegen und beantworten bereitwillig jede erdenkliche Frage, die ihnen wildfremde Menschen stellen. YouNow und seine Dynamik einfach so zu erklären, fällt mir schwer. YouNow ist eine neue Ebene. Man muss es selbst mal erleben. Also: Gesagt, getan.

Der Reiz von YouNow: Anerkennung, Komplimente, endlich gesehen werden

Von YouNow geht eine hohe, wenn auch unheimliche Faszination aus, das nehme auch ich sofort beim Öffnen der App war. Man ist schnell dabei: App runterladen, los gehts, gleich erscheint der erste Stream von einer 12-Jährigen. Um mitzugucken muss man sich nicht mal anmelden, erst wenn man Fragen stellen will, ist eine Anmeldung nötig. Das Besondere an YouNow , so mein Eindruck, ist neben dem Echtzeitformat die Möglichkeit, „endlich mal“ gesehen und wahrgenommen zu werden – ein Wunsch, der in der Pubertät bei vielen ausgeprägt ist, aber oft unerfüllt bleibt. Bei YouNow wird Selbstdarstellung noch mal neu erfunden: Hier kann man sogar in Echtzeit sehen, wer gerade zuschaut und erhält sofortige Rückmeldung zu sich selbst und dem Gezeigten – von „Du bist so hübsch“ oder „I became a Fan“ bis zu „Bor, Du siehst so eklig aus“ über „Laberst Du ‘nen Scheiß“ ist alles dabei, und zwar in rasanter Geschwindigkeit. Zuschauer können wie in der Facebook-Welt „Fan“ werden oder liken. Diese Währung hat auch bei YouNow enorm viel Macht. Die ursprüngliche Idee übrigens, hier seine Talente zu demonstrieren, tritt bei vielen jungen YouNower völlig in den Hintergrund. Die meisten jungen Streamer „labern“ vor sich hin bzw. versuchen die Flut an Fragen zu beantworten, was selten gut gelingt. Zu schnell kommen neue Fragen „reingeflattert“, so dass bei vielen ein hektisches Hin-und Herwippen des Kopfes und monotones Antworten Kern der Aktivitäten sind.

Probleme bei YouNow

Mit der Anerkennungskultur bei YouNow gehen auch die Probleme einher: Das wahrgenommene Interesse der Zuschauer verleitet viele junge Nutzer dazu, auf wirklich jede Frage zu antworten und sehr bereitwillig Informationen preiszugeben, zu kokettieren, mehr zu zeigen und zu erzählen, als im echten Leben intuitiv richtig wäre („Bist du noch Jungfrau?“, wird die 12-Jährige bei meiner ersten YouNow-Erfahrung mehrmals gefragt. „Ja, ich bin noch Jungfrau“, antwortet sie wie selbstverständlich immer wieder). Nicht selten erfragen die Nutzer Handynummer, Adresse, Alter und wichtige personenbezogene Daten der Minderjährigen.  Viele Kommentare sind darüber hinaus gemein, verletzend oder unter der Gürtellinie. Viele haben eindeutig pädosexuellen Charakter und klingen so gar nicht nach Teenie-Slang. Es tummeln sich ganz offensichtlich auch viele Erwachsene bei den jungen YouNowern, die nun tiefe Einblicke in die Kinderzimmer bekommen – gratis. Jeder ist willkommen. Viele YouNower ignorieren außerdem bestehende Urheberrechte, während im Hintergrund die Musik der Lieblingsband läuft. Andere wiederum streamen fleißig und filmen dabei die halbe Klasse mit, die ihr Einverständnis nicht gegeben hat – das Recht am eigenen Bild lässt grüßen.

Und jetzt? Nicht weggucken oder verbieten, sondern hinschauen!

Viele Jugendschützer fordern – wie einfallsreich – ein Verbot von YouNow. Dabei kommt hier etwas zum Ausdruck, worüber viel dringender geredet werden muss. Nämlich: Was zum Teufel ist mit den Teenies los, die sich auf YouNow derart die Blöße geben? Und was noch viel wichtiger ist: Wo sind ihre Eltern und Lehrer, während sie stundenlang tagein, tagaus, nachts und sogar in der Schule streamen? YouNow ist meines Erachtens eine große pädagogische Herausforderung, die wir gemeinsam angehen müssen – als Medienpädagogen, als Eltern und Lehrer. YouNow ist zwar komplexer, aber nicht etwa schlimmer oder böser als andere Phänomene vorher. Dieses Portal verdeutlicht nur wieder einmal, dass wir in Sachen Medienkompetenzförderung noch viel mehr machen müssen. Dass die Regeln und das Wissen – die „Medienkompetenz“ – bei vielen eben noch lange nicht internalisiert ist und intuitiv zur Anwendung kommt. Wir wollen nicht jedes Mal wieder bei null anfangen müssen, wenn ein neues Angebot auf den Markt sprudelt. Und deswegen bringt es nichts, wenn wir es ganz schnell wieder verbieten, sondern wir müssen endlich hinschauen. Vor allem müssen wir aufklären. Wie das aussehen kann und mit wem wir worüber ins Gespräch kommen müssen, folgt in Teil 2 Umgang mit YouNow in der Praxis am Mittwoch!

Über Eva Borries

Eva Borries ist Diplom-Medienpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Landau. Außerdem arbeitet sie deutschlandweit als Referentin für Medienkompetenz. Sie entwickelt individuelle medienpädagogische Fortbildungen, Vorträge und Workshops.

23. Februar 2015 von Eva Borries
Kategorien: Medienpädagogik | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

2 Kommentare

  1. HALLO,
    Ich wurde ohne Grund von einez Person reportet. ich habe gestreamz,alles war super und dann wurde ich einfach so reportet. Ich weiß nicht warum,aber kann man das irgendwie wegmachen oder so? Wäre nett wenn sie schnell antworten.
    Mit freundlichen grüßen
    Dorina Balog

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