Die 1960er-Jahre – Aufbruch zu einem neuen Frauenbild

Mal ehrlich: Welche historischen Ereignisse kommen uns zuerst in den Sinn, wenn wir an die Dekade zwischen 1960 und 1969 denken? Woodstock vielleicht, oder die Mondlandung? Sicherlich auch die Attentate auf John F. Kennedy und Dr. Martin Luther King Jr. oder der Bau der Berliner Mauer. Zugegebenermaßen alles keine Ereignisse, bei denen Frauen eine überaus prominente Rolle gespielt hätten. Und doch ist wohl kein Jahrzehnt so sehr mit der Frauenbewegung verbunden, wie die 1960er-Jahre.

Spätestens mit den 68er-Studentenprotesten rollte die zweite Feminismuswelle auf Deutschland zu. Beanstandet wurden Diskriminierung und Ungerechtigkeit ‒ vor allem im Hinblick auf Bildung, Erwerbstätigkeit und Rechtsprechung. So benötigten Frauen etwa die Erlaubnis des Ehemannes für die Ausübung der eigenen Berufstätigkeit. Auch wurde eine Vergewaltigung in der Ehe als „eheliche Pflicht“ verharmlost. Die Frauenbewegung warb für die Gleichstellung von Mann und Frau in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ‒ und damit auch im Film. Sicherlich war es da kein Zufall, dass dieses Jahrzehnt des Umbruchs einige Filme hervorbrachte, die starke Frauen der Historie thematisierten. Cleopatra (1963) etwa, ein Monumentalfilm, der Liz Taylor zum Starruhm verhalf und sein Filmstudio 20th Century Fox fast in den Ruin getrieben hätte. Der Hollywoodfilm erzählt das Leben der ägyptischen Pharaonin Kleopatra VII. Im Historiendrama Königin für tausend Tage (1969) erinnert sich König Heinrich VIII. in einer Rückblende an die gemeinsame Zeit mit seiner zweiten Ehefrau Anne Boleyn, deren Todesurteil wegen Ehebruchs und Hochverrates er unterschreiben soll. Doch boomten auch zeitgenössische Filme über starke Frauen. In Mike Nicholsʾ Die Reifeprüfung (1967) etwa verführt die deutlich ältere Mrs. Robinson den jungen Benjamin Braddock, der gerade erst das College absolviert hat.

Mike Nichols` Die Reifeprüfung mit Anne Bancroft als Mrs. Robinson und Dustin Hoffman, 1967 (c) dpa

Mike Nichols` Die Reifeprüfung mit Anne Bancroft als Mrs. Robinson und Dustin Hoffman, 1967 (c) dpa

In Das Mädchen Irma la Douce (1963) mimt Shirley MacLaine eine Prostituierte im Pariser Rotlichtmilieu, in die sich ein suspendierter Polizist verliebt. Mit vielen weiblichen Filmrollen wurden nun bewusst althergebrachte Rollenmuster durchbrochen: Statt den häufig auftretenden unterwürfigen, zumeist etwas biederen Muttertypus verkörperten Schauspielerinnen nun verstärkt jene Frauen, die ‒ ähnlich der Jugendrevolte ein Jahrzehnt zuvor ‒ diesem Bild entgegenstanden. Diese Frauen wählten bewusst einen alternativen Lebensweg und instrumentalisierten Männer nicht selten für ihre Zwecke.

Auch im europäischen Film veränderte sich die Frauenrolle langsam, aber bestimmt. Für seinen letzten Film und zugleich einzigen Farbfilm Die Gräfin von Hongkong engagierte der Brite Charles Chaplin 1966 die italienische Schauspielerin Sophia Loren, die ebenfalls eine Prostituierte verkörperte. Der französische Regisseur Jean-Luc Godard drehte bereits 1961 den Nouvelle-Vague-Film Eine Frau ist eine Frau, in der sich Anna Karenina als Stripperin Angela in einer Ménage-à-trois wiederfindet. Immer deutlicher wandelte sich auch im deutschen Film die bis dato eher eindimensional erlebte Frauenrolle ‒ zumeist Mutter oder Femme fatale ‒ zur eigenständigen, identitätsbewussten Persönlichkeit. Allerdings entstanden hierzulande seit 1961 überwiegend Schlager, Krimis, Heimat- und Sexfilme, die kaum nennenswerte Filme über weibliche Persönlichkeiten hervorbrachten. Bekannte Schauspielerinnen gab es allemal. Hanna Schygulla und Angela Winkler avancierten zu den Ikonen des feministischen Films. Neben inhaltlichen Schwachstellen war die schwere Filmkrise der frühen 1960er-Jahre in Deutschland sicherlich auch der Einführung des Farbfernsehens 1967 geschuldet. Das Kino hierzulande und anderswo reagierte darauf mit einer großen Vielfalt neuer Genres. Zwar veranlassten die Studentenproteste und die damit verbundene Frauenbewegung von 1968 deutsche Regisseur/-innen anspruchsvollere Filme ‒ auch über frauenspezifische Themen zu drehen, doch sollte die klischeebesetzte Rolle der Frau in einigen Genres noch viele Jahrzehnte weiterexistieren.

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

08. Januar 2014 von Cornelia Klein
Kategorien: Diskurs | Schlagwörter: , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Nur eine kurze Korrektur zu diesem interessanten Beitrag:
    Anna Karenina hatte sicher viele Probleme, aber Stripperin war sie meines Wissens nie – schon gar nicht für Jean-Luc Godard. Das war dann wohl eher Anna Karina … ;)

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