Frauen im Film: Gesellschaftliche Umbrüche in den 1970er-Jahren

Bitte legen Sie mal kurz das Handy aus der Hand und schalten Ihren neuen Tablet-PC auf lautlos ‒ und dann stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein kleines, dunkles Zimmer irgendwo in einem anonymen Gebäude in Hollywood. Im tatsächlichen Hollywood, das man auch auf der Landkarte ‒ oder bei Google Maps ‒ findet. Der Glamour der vergangenen Jahrzehnte lässt sich nur anhand der Fotos an den Wänden erahnen; vielleicht steht hier und da eine Pflanze vor dem Fenster. Ansonsten gleicht das Zimmer so ziemlich allen anderen in diesem Gebäude ‒ wahrscheinlich sogar vielen anderen in Los Angeles. Das reicht schon.

Was in Ihrer Vorstellung wie eine Szene aus einem Krimi klingen mag, ist spätestens seit den 1970er-Jahren für viele Schauspieler in der US-amerikanischen Filmmetropole Realität. Den großen Filmstudios war es zu Beginn der 1970er-Jahre nämlich nicht mehr erlaubt, Kinoketten zu betreiben. Unabhängige Produzenten gewannen an Relevanz und das Fernsehen tat mit seinem nun ebenfalls bunten Programm sein Übriges. Das Studiosystem konnte diesen Entwicklungen nicht mehr standhalten: Ein „Major“ nach dem anderen kapitulierte, bis 1969 selbst das Flaggschiff MGM auf Sand lief.

Der "Hollywood"-Schriftzug der siebziger Jahre. Heruntergekommen spiegelte es die damalige Krise in der Filmmetropole wieder (cc) Bob Beecher
Der „Hollywood“-Schriftzug der siebziger Jahre. Heruntergekommen spiegelte es die damalige Krise in der Filmmetropole wieder (cc) Bob Beecher

Für die Schauspieler bedeutete dies vollständig neue Arbeitsbedingungen. Sie waren nicht mehr an ein bestimmtes Studio gebunden, mussten Filmprojekte nun einzeln verhandeln. Gerade für Frauen war das oft Fluch und Segen zugleich. Zum einen waren sie im Studiosystem nur allzu oft auf eine bestimmte Rolle abonniert; die Spannbreite lag zumeist irgendwo zwischen treusorgender, aufopfernder Mutter und sexy Vamp. Marilyn Monroe etwa wurde ihre stetige Festlegung auf die dümmliche Blondine und der Wunsch, im Filmgeschäft ernstgenommen zu werden, letztendlich zum Verhängnis. Zum anderen bot das Ende des Studiosystems Frauen aber die Chance, eben jenem Rollenklischee zu entkommen ‒ selbst wenn dies mit dem Verlust eines gewissen Schutzes einherging. Zwar mussten Gagen für jeden Film neu ausgehandelt werden, doch war dies zumeist äußert lukrativ.

Und hier kommt unsere Szene vom Beginn ins Spiel: Denn das anonyme Zimmer gehört einem Agenten, der sich von nun an um die Belange seiner Klienten kümmerte. So begann der exorbitante Anstieg der Gagen (übrigens auch für die Agenten selbst). Zwar betraf dies vor allem männliche Schauspieler, doch ließen sich auch die Honorare der Star-Schauspielerinnen sehen.

In Deutschland war diese Entwicklung weitaus weniger wahrnehmbar. In der Nachkriegszeit hatten die Alliierten zwar verfügt, dass Produktionslizenzen in der Bundesrepublik Deutschland lediglich an kleinere und mittlere Unternehmen vergeben werden, um einen erneuten Großkonzern wie die UFA zu vermeiden. Die vielen, so entstandenen Studios lehnten ihre Arbeit jedoch nicht an das Hollywood-System an. Dennoch waren auch hier die Nachwehen der Kinokrise spürbar.

Die Autorenfilme des Neuen Deutschen Films reagierten auf die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung. Filme wie Eine Prämie für Irene (1971) von Helke Sander oder Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta entstanden vor dem Hintergrund der zweiten Welle der Frauenbewegung. Solche „Frauenfilme“ setzten gezielt weibliche Protagonistinnen ein und beleuchteten frauenspezifische Perspektiven und Problemstellungen. Schauspielerinnen wie Hahha Schygulla und Angela Winkler versuchten durch ihre Darstellungen, die bis dahin dominierende Eindimensionalität des medialen Frauenbildes zu durchbrechen und den Zuschauerinnen identitätsstiftend zur Seite zu stehen ‒ mit Erfolg! Zwar unterschied sich die Ursache für das sich wandelnde Verständnis von Frauen im Film in der US-amerikanischen und deutschen Filmindustrie; die Wirkung war aber ähnlich: Das Frauenbild im Film veränderte sich durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche in der Gegenwart. Und dorthin dürfen Sie jetzt auch gerne wieder zurückkehren.

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

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