Hitchcock für Kinder – geht das?

Wenn ich an Hitchcock denke, gruselt es mich. Unweigerlich habe ich Szenen aus „Psycho“ vor Augen. „Ein Hitchcock für Kinder“ – so bewirbt die Constantin den Kinofilm „Das Haus der Krokodile“. Der Kinofilm für Kinder beruht auf der gleichnamigen TV-Serie, die bereits 1976 Kinder das Gruseln lehrte. Grundlage ist ein Jugendroman von Helmut Ballot. Als Festival Agentin für diesen Film war ich fasziniert von der verheißungsvollen Ankündigung. Als Prüferin der FSF mit dem „Jugendschutzblick“ fragte ich mich allerdings, ob ̵ jenseits aller Werbetexte ̵ ein Film mit Hitchcock-Qualitäten für ein Kinderpublikum geeignet sein kann.

Ich habe mir „Das Haus der Krokodile“ mit meinen 10-jährigen, medienerfahrenen Patenkindern Johanna und Maximilian angesehen. Die beiden sind echte Kinofans. Von Anfang an waren die Zwillinge vom Film in den Bann gezogen und die gesamte Zeit über angespannt. Johanna hat sich fest an mich gedrückt und ihre Angst geäußert. Auch bei Maximilian, der sich sonst eher cool gibt, waren die Hände feucht. Im Film wird eine gruselige Atmosphäre erzeugt. Die Ereignisse werden aus der Perspektive des 11-jährigen Viktor beschrieben, der versucht, das Rätsel um Cäcilie zu lösen. Die verstarb vor vielen Jahren in der alten Villa, in die Viktor und seine Familie gerade eingezogen sind.

© Rat Pack/ Constantin Film
© Rat Pack/ Constantin Film

Wie in „Psycho“ ist auch in diesem Film das Haus ein „Hauptdarsteller“. Bei mir weckt „Das Haus der Krokodile“ durch Stimmung und Bilder noch weitere Assoziationen an Hitchcock: Die Inszenierung ist von lang anhaltender Spannung, die Auflösung kommt spät. Aber es gibt ein gutes Ende. Das muss ein guter Kinderfilm auch garantieren!

Ich werde oft gefragt, was einen guten Kinderfilm ausmacht. Meine Antwort:

Eine gute Geschichte, überzeugende Darsteller, mit denen sich Kinder identifizieren können, eine klare Erzählstruktur und letztlich auch eine Botschaft. Gelungen ist ein Kinderfilm erst, wenn er mit der Professionalität von Regie, Kamera, Schnitt usw. auch eine künstlerisch wertvolle Ebene erreicht. „Das Haus der Krokodile“ hat eine FSK-Freigabe ab 6 Jahren – eine kluge Entscheidung, allerdings sollte ein FSK-Kennzeichen nicht mit einer Altersempfehlung verwechselt werden. Mein Rat an Eltern und Begleiter: Kinder sollten mindestens 10 Jahre alt sein und sich für spannende Abenteuer interessieren. Johanna und Maximilian hat der Film gefallen – aber sie hatten doch ganz schön Angst und waren nicht so gesprächig wie sonst nach einem Kinoerlebnis.

Schließlich wollte Maximilian wissen: „Und was wollte der Film uns nun sagen?“ Meine Antwort: „Das Zurückziehen in eine Phantasiewelt kann zu einer alptraumhaften Wahrnehmung führen. So hat auch Viktor die Welt um sich herum als düster und bedrohlich empfunden und sich in Gespenstergeschichten hineingesteigert. Am Schluss zeigt uns der Film Viktors Wandlung – der Junge geht nun zum Spielen raus und sucht sich Freunde in der Wirklichkeit.“

http://www.constantin-film.de/kino/das-haus-der-krokodile
www.trailerseite.de/film/12/backstage/kristo-ferkic-interview-zu-das-haus-der-krokodile-22738.html

Über Renate Zylla

Renate Zylla war Sozialarbeiterin und leitete Projekte für ausländische Kinder und Jugendliche. Im Anschluss studierte sie Diplompädagogik. Seit 1994 ist sie Prüferin für die FSF und war viele Jahre Prüferin bei der FSK. Schon früh widmete sie sich dem Kinderfilm. Von 1985 bis 2002 leitete sie das Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele Berlin, von 2003 bis 2010 war sie Direktorin des Kinderfilmfestivals Tokio. Mehrfach wurde sie in Jurys internationaler Filmfestivals berufen, war Lektorin für Kinderprogramme der ARD und berät nun Kinderfilmfestivals auf der ganzen Welt. 2009 hat sie für sich die Rolle der Festival Agentin entwickelt. In dieser Position vermittelt sie ausgewählte Kinderfilme an internationale Filmfestivals weltweit. Weitere Infos: http://www.ecfaweb.org/projects/festivals/zylla.htm

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