Conan, der WunderBARBARe? Weihnachten im Actionrausch

Heiligabend, in so ziemlich jedem Jahr seit der Erfindung der Glühbirne: Langsam erlöschen die letzten Lichter am Weihnachtsbaum, die letzten Plätzchen sind gegessen, die letzten Geschenke ausgepackt. Bis hierher folgt der Ablauf des Christfests zumeist einem etablierten Muster. Und dann passiert es: Während die einen das Festtagsmahl bei Hostie und Wein in der Christmette verdauen, landen die anderen irgendwann vor dem Fernseher. Was sie da erwartet, erscheint auf den ersten Blick zumindest eigenwillig. Denn beim Versuch, dem obligatorischen medialen Festtagsreigen aus Sissi, dem Kleinen Lord und der Übertragung des päpstlichen „Urbi et orbi“ zu entgehen, bleibt eigentlich nur der Kontrast; die eindeutige Antithese in Gestalt von Blockbuster-Actionfilmen ab 16 Jahren. Ob Schwarzenegger, Willis oder Stallone: rasante Verfolgungsjagden in der 73. Wiederholung, spektakuläre Explosionen und blutige Nahkämpfe – angereichert mit spartanischen Dialogen im Spätprogramm der Free-TV-Sender – gehören mittlerweile zu Weihnachten wie Vanillekipferl und Spekulatius. „Das geht doch nicht!“, möchte man da als vermeintlich guter Christ den Programmmachern zurufen. Gewalthaltige Szenen dürfen doch am Christfest höchstens im Rahmen biblischer Monumentalverfilmungen stattfinden! Und dann möglichst auch nur in der Halbtotalen und ohne Blut. Sicher, in den meisten dieser Filme will sich so gar keine weihnachtliche Stimmung einstellen ‒ selbst, wenn einige im weihnachtlichen Gewand daherkommen. Doch haben nicht auch Schwarzenegger und Co. ihre Berechtigung im Festtagsritus?

© freshidea - Fotolia.com
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Eindringlinge im Weihnachtswunderland?

Fakt ist, eine große Anzahl dieser Filme enthalten gewalthaltige Szenen – das ganze Jahr über, aber an Weihnachten fällt es eben auf. Ein blutverschmierter Kriegsveteran zum Fest der Liebe geht vielen dann doch zu weit. Und tatsächlich ‒ vergleicht man die Fernsehprogramme vom Heiligen Abend und einem beliebigen anderen Abend, dann stellt man alljährlich ein überproportionales Actionfilm-Angebot an den Feiertagen fest. So wurden etwa 2012 zu Weihnachten 55 Stunden Filme mit Kunstblut im deutschen Free-TV gesendet. Aber vergessen wir im quietschebunten Weihnachtswunderland nicht, dass es auch Menschen gibt, die Weihnachten so gar nichts abgewinnen können? Vielleicht, weil sie nicht daran glauben können, oder weil sie niemanden (mehr) haben, der mit ihnen die Kerzen ausbläst. Das schmerzt in der besinnlichen Zeit vielleicht mehr als jedes Gladiatorengemetzel. So gesehen bestreiten Conan, John McClane, Rambo oder der Terminator womöglich einen Stellvertreterkrieg für all die Einsamen und Deillusionierten und von Weihnachten Genervten, damit sie nicht selbst rausgehen und am Weihnachtsabend jemandem eins auf die Mütze hauen.

Rambo und Co. als Antagonismus zum Weihnachtsprogramm

Und so leisten Actionfilme im Weihnachtsprogramm sicherlich keinen Beitrag zur besinnlichen Stimmung ‒ aber womöglich zu deren Verdrängung. Damit geht es beim etwas anderen Weihnachtsprogramm vielleicht gar nicht mal so sehr darum, wie viele Söldner John Rambo auf dem Gewissen hat, sondern darum, dass er nicht mit weißem Rauschebart durch den Kamin hüpft und Geschenke bringt. Betrachtet man Actionfilme an den Festtagen somit unter dem Aspekt der Nächstenliebe, wären Rambo, Conan und all die anderen vermutlich auch für einen bekennenden Christen mit weihnachtlichem Familienanschluss verkraftbar. Vielleicht nächstes Jahr, nach der Christmette…

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

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