Mit sieben übte er für den Oscar ‒ mit 23 kam die Goldene Kamera: Edin Hasanović

Ein verregneter Februarabend. Die Scheinwerfer im Saal strahlen mit den Preisträgern um die Wette. „Ich brenne für diesen Beruf! Ich hab‘ so Bock darauf! Manchmal verglühe ich für diesen Beruf!“, ruft Edin Hasanović in das Plenum der Hamburger Messehalle. Ein aufstrebender Schauspieler, auf den später selbst Helen Mirren in ihrer Rede Bezug nehmen wird. Er hat soeben die Goldene Kamera als bester Nachwuchsschauspieler gewonnen.

Doch da ist auch noch diese andere Seite, die Hasanović in der Stunde seines bisher größten Triumphes nicht vergisst und betont in seiner Rede. „Ich war Flüchtling. Ich frage mich, wie viele derer, die gerade in unser Land kommen, haben das Potenzial, hier zu stehen und Schauspielkollegen und Regisseure zu sein.“

Das Publikum springt auf, applaudiert begeistert. Ich gucke mir so ziemlich jede Preisverleihung an, aber so eine emotionale Rede habe ich seit Roberto Benignis Sprung über die Oscar-Bestuhlung 1999 nicht erlebt. Höchste Zeit, den Protagonisten mal näher unter die Lupe zu nehmen. Denn sein junges Leben war bisher recht turbulent. Gerade Mal drei Monate alt war er, als seine Mutter 1992 vor dem grausamen Krieg im ehemaligen Jugoslawien mit ihm nach Deutschland floh ‒ in eine ungewisse Zukunft. Sein Vater und zwei Brüder wurden kurz nach Hasanovićs Geburt von Serben verschleppt und kehrten nie zurück.

ARD/WDR AUF KURZE DISTANZ, Regie Philipp Kadelbach, Autor Holger Karsten Schmidt, am Mittwoch (02.03.16) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Als verdeckter Ermittler findet Klaus Roth (Tom Schilling) das Vertrauen und die Freundschaft des Wettbetrügers Luka Moravac (Edin Hasanovic, l). © WDR/UFA FICTION GmbH/Jakub Bejnarowicz, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter WDR-Sendung bei Nennung "Bild: WDR/UFA FICTION GmbH/Jakub Bejnarowicz" (S2). WDR Presse und Information/Bildkommunikation, Köln, Tel: 0221/220 -7132 oder -7133, Fax: -777132, bildkommunikation@wdr.de
Als verdeckter Ermittler findet Klaus Roth (Tom Schilling) das Vertrauen und die Freundschaft des Wettbetrügers Luka Moravac (Edin Hasanovic, l.) in AUF KURZE DISTANZ © WDR/UFA FICTION GmbH/Jakub Bejnarowicz (S2)

Im aktuellen Fernsehfilm Auf kurze Distanz, der heute zur Primetime bei der ARD läuft, spielt Hasanović ein Mitglied der Serbenmafia. Vielleicht eine Form der Bewältigung. In jedem Fall aber ein starker Auftritt. Wie in der Web-Serie Familie Braun, in der er einen Neonazi mimt, der mit seiner dunkelhäutigen Tochter konfrontiert wird. Hasanović versucht wohl notfalls auch mit drastischen Rollen, der Festlegung auf „den Flüchtling“ zu entkommen.

Dabei stand der Berufswunsch für ihn lange fest, bevor er am Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Berlin-Prenzlauer Berg sein Abitur bestand. Immerhin hielt er schon mit sieben seine erste Oscar-Rede vor der Verwandtschaft. Eine professionelle Castinagentur vermittelte ihm 2005 – schon nach einer Woche in der Schauspielerkartei – erste kleinere Rollen, etwa in der Inszenierung von Botho Straußʾ Die Schändung am Berliner Ensemble oder als (wie überraschend) bosnischer Flüchtling in der Serie KDD ‒ Kriminaldauerdienst, in der der damals erst 13-Jährige drei Staffeln lang mitspielte und die ihm den Weg für die weitere Karriere ebnete. Im Anschluss machte er erste Kinoerfahrungen, wenn auch nur in kleineren Rollen.

In den folgenden Fernsehstücken spielte er meistens das, worauf seine Herkunft ihn zu reduzieren schien ‒ einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Am besten noch gewalttätig, um das Klischee vollends auszuschöpfen. Etwa in Komissarin Lucas: Aus der Bahn (2010) oder im Ludwigshafener Tatort: Der Wald steht schwarz und schweiget (2012). Noch im selben Jahr landete Hasanović mit seiner ersten Kinohauptrolle einen Achtungserfolg ‒ mal wieder als cholerisch-krimineller Jugendlicher in Schuld sind immer die anderen. 19 Jahre, nachdem er in einem Berliner Flüchtlingsheim ankam, in denen er bis zur vierten Klasse lebte (Weißensee, Hellersdorf), zusammen mit Kroaten und Serben, die im ehemaligen Jugoslawien gegen Bosnier kämpften. Ein Paradoxon, aber gleichzeitig auch eine Zeit, die den Bosnier nachhaltig prägte. Doch warum gerade Deutschland als Zufluchtsort? „Das war meiner Mutter völlig egal, es hieß einfach: Bloß weg hier. Wie bei den Menschen, die jetzt kommen. Sie hatte einfach Angst vor Krieg, vor Vergewaltigung und Tod.“, sagt er.

Klar, Hasanović mag die Idealbesetzung als Flüchtling oder Gewalttäter mit Migrationshintergrund sein. Den Stempel wird er wohl noch lange nicht ganz los. Selbst beim Schreiben über das Nachwuchstalent droht man stetig ins Klischeehafte abzudriften. Doch spätestens der Gewinn der Goldenen Kamera sollte uns lehren, dass Edin Hasanović viel mehr kann als das. Gleichzeitig ist dieser Preis aber auch eine Chance, endlich wieder die Menschen hinter dem Prädikat „Flüchtling“ in den Vordergrund zu stellen, die in Todesangst Zuflucht bei uns suchen. Wie der preisgekrönte Schauspieler Edin Hasanović vor 23 gar nicht so langen Jahren.

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *