Einschaltquoten im Zeitalter des Internets

Als die erste Folge der neuen Staffel von Twin Peaks in den USA ausgestrahlt wurde, meldete die New York Times, dass 506.000 Zuschauer eingeschaltet hatten. Zum Vergleich: die erste Folge der ersten Staffel im Jahr 1990 sahen 35 Millionen. Besser lässt sich das geänderte Nutzungsverhalten und die Entwicklung weg vom linearen Fernsehen in Zahlen wohl kaum ausdrücken. Über den tatsächlichen Erfolg der Sendung sagt die Zahl indes weitaus weniger aus. Denn zum einen läuft Twin Peaks nun bei Showtime – und damit einem Bezahlsender – und nicht, wie die erste Staffel, bei ABC. Und zum anderen umfasst diese Zahl lediglich die Zuschauer, die die Folgen zum Ausstrahlungszeitpunkt gesehen haben. Also nicht die, die sie über das On-Demand-Angebot genutzt haben.

Seit der Zunahme des „Onlineguckens“ wird viel über Einschaltquoten und Zuschauerzahlen geredet – denn es gibt nur wenige Zahlen, sei es von Mediatheknutzungen oder Amazon-Video-Aufrufen. Es wird immer wieder kritisiert, dass Netflix und Amazon Video aus den Zahlen so ein großes Geheimnis machen und nur sehr selten Einschaltquoten veröffentlichen. Als Netflix einmal eine Ausnahme machte und in Zusammenarbeit mit Nielsen die Zahlen für Orange Is The New Black veröffentlichte, gab es sofort einige Artikel, die sich fragten, warum sich Netflix zu diesem Schritt entschlossen hat. Die am weitesten verbreitete Vermutung: Netflix wollte beweisen, dass es mit etablierten Sendern wie HBO mithalten kann.

Nun liefern Einschaltquoten fragliche Informationen. Sie sind wichtig, wenn man Werbezeiten verkaufen will. Sie sind wichtig, wenn man über Produktionsbudgets nachdenkt. Aber wie viel Aussagekraft haben sie tatsächlich bei Pay-TV-Sendern und Streamingdiensten? Sicherlich lässt sich damit die Popularität einer Sendung messen, aber sind für Pay-TV-Sender und Streamingdienste nicht die Entwicklung der Abonnentenzahlen weitaus aussagekräftiger als die Einschaltquoten einzelner Serienfolgen? Und die kann ich beispielsweise für Netflix USA im Jahresbericht nachlesen.

Damit will ich nicht sagen, dass Einschaltquoten unerheblich sind. Sie sorgen für Transparenz, an ihnen lassen sich Tendenzen und Präferenzen ablesen. Deshalb ist auch die Neugier an diesen Zahlen und dem Nutzungsverhalten ungebrochen. Mitte Juni wurde in der Wirtschaftswoche ein Artikel veröffentlicht, der Einblicke in die Nutzung von Streamingdiensten verspricht – auf der Basis von Zuschauerumfragen. Demnach lassen sich bei Netflix, Amazon und Sky Unterschiede in der Altersstruktur der Nutzer  festmachen, aber auch in der  dem Vorzug/der Präferenz  von Serien: Erfolgreichste Serie bei Netflix soll demnach The Big Bang Theory sein, danach folgt mit House of Cards die erste Eigenproduktion. Und abgesehen von dieser Serie sowie Orange is the new black findet sich keine weitere Eigenproduktion unter den zehn beliebtesten Serien.
Bei Amazon sind drei Eigenproduktionen unter den zehn beliebtesten Serien (The Man in the High Castle, Lucifer, The Grand Tour).

Aber hier zeigt sich sofort eine Einschränkung: Netflix und Amazon sind globale Angebote – hier bekomme ich aber maximal Einblicke in ein regional begrenztes Gebiet, die sich offenbar stark von den USA zum Beispiel unterscheiden.

Daher glaube ich, wir müssen unsere Definition von erfolgreichen Sendungen bei Streamingdiensten und Pay-TV-Anbietern erweitern. Sind nicht die Sendungen erfolgreich, die viele neue Abonnenten hinzugewinnen und alte bei der Stange halten? Denn darum geht es doch: die Watchlists sollen niemals leer sein, es soll immer die nächste Sendung geben, die geguckt werden muss. Und innerhalb dieses Überangebots werden die Zahlen der einzelnen Sendungen auch interessant. Aber weitaus aussagekräftiger als die Anzahl der Klicks, die die erste Folge der neuen Staffel von House of Cards bekommt, ist die Anzahl derer, die die Folge zu Ende gucken und auch die nächste Folge aufrufen. Deshalb müssen wir andere Zahlen haben, die tatsächliche Einblicke in das Nutzungsverhalten geben – aber das ist dann auch ein anderes Thema als der Erfolg einer Sendung. Denn mal ehrlich – auch ohne obige Zahlen war mir klar, dass The Big Bang Theory weiterhin eine beliebte Serie ist.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

11. Juli 2017 von Sonja Hartl
Kategorien: Digitale Welt | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Kleine Korrektur: „Lucifer“ ist KEINE Amazon-Eigenproduktion.

Schreiben Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


+ 6 = zwölf