Gestrandet in Ludwigslust

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle einen Beitrag über das Filmfest Hamburg schreiben …

Dafür hätte ich dort aber erst einmal ankommen müssen. Ich machte mich also am Donnerstag auf den Weg – von Berlin nach Hamburg. Und womöglich werden Sie jetzt schon ahnen, was kommen wird: Ich stieg um 13:23 Uhr in Berlin am Südkreuz in den ICE 1712, der um 15:30 Uhr in Hamburg-Dammtor ankommen sollte. Rund eine Stunde nach Abfahrt kam eine Durchsage, dass der Zug außerplanmäßig in Ludwigslust halten würde. Die Strecke nach Hamburg sei wegen des Sturmtiefs Xavier gesperrt, man wolle nun abwarten, bis das Wetter besser wird. Tatsächlich wurde es in Ludwigslust immer dunkler, windiger und regnerischer. Auf dem Weg von Berlin nach Hamburg - gestrandet in Ludwigslust © Sonja HartlAlso machte ich das einzig Sinnvolle in so einer Situation: Ich machte ein Foto aus dem Zugfenster, twitterte über dieses Ereignis und postete es bei Facebook.

Ein anscheinend sturmhalterfahrener Mitreisender sagte, dass so etwas immer mindestens drei Stunden dauere. Also griff ich nach meinem Buch und freute mich, dass ich für zweieinhalb Stunden Fahrt zwei Bücher eingepackt hatte. Das musste ich natürlich ebenfalls twittern. Wir warteten. Ich sagte meine erste Nachmittagsverabredung in Hamburg ab. Dann kam die Durchsage, dass nun die Batterie des Zuges ausgestellt werde, was ich wiederum twitterte. Auf dem Weg von Berlin nach Hamburg - gestrandet in Ludwigslust © Sonja HartlEs ist ein Verhaltensmechanismus, etwas passiert, ich sehe etwas, erlebe etwas und teile es in den sozialen Netzwerken. Es ist fast schon eine Selbstverständlichkeit, gerade wenn ich beruflich unterwegs bin. In der Rückschau auf diesen Tag wurde mir aber bewusst, wie wichtig das Internet in dieser Situation war.

Die sozialen Netzwerke boten mir drei Dinge:

Erstens Anteilnahme an meiner Situation. Es kamen Scherze, Anfeuerungsrufe und schlichtweg Interesse für meine Situation. Ich bin in sozialen Situationen schüchtern, deshalb suche ich nicht den Kontakt zu Mitreisenden, vielmehr finde ich es erstaunlich, wie schnell sich in solchen Situationen Gruppen aus Fremden zusammenfinden. Ich stehe da aber immer eher abwartend am Rand.
Zweitens fand ich konkrete Hilfestellungen – Links zu Artikeln und Informationen über die Situation in Norddeutschland wurden mir zugeschickt. Als sich abzeichnete, dass der Zug über Nacht Halt machen würde, wurde ich mehrfach gefragt, wo genau ich sei – es gab sogar Überlegungen, aus Hamburg zu kommen und mich abzuholen. Von Menschen, die ich über soziale Netzwerke kenne. Und zwar nicht nur bei mir. Als eine Kollegin auf Facebook fragte, ob jemand eventuell ihrer Mutter eine Übernachtungsmöglichkeit in Hannover bieten könnte, habe nicht nur ich schnell den Kontakt zu einer dort lebenden Freundin hergestellt, sondern es trudelten weitere Hilfsangebote ein.
Und das führt zum dritten Aspekt: Soziale Netzwerke helfen, mit der Welt in Kontakt zu bleiben. In diesem Fall schon fast existenziell: Denn der Zug stand zwischen Berlin und Hamburg und es gab kaum Informationen seitens der Bahn. Erst nach ca. fünf Stunden Warten ging ein Zugbegleiter, zumindest durch meinen Zugabschnitt, und sagte, was getan wird und wie es weitergehen wird. Vorher gab es Gerüchte und Informationen, die man sich selbst besorgte. Der sturmhalterfahrene Mitreisende versorgte uns nach einem Ausflug zum örtlichen Kiosk mit der Information, wie lange es wohl noch dauern würde und dass am Bahnhof Taxischeine ausgegeben werden, es aber fast unmöglich sei, ein Taxi zu bekommen. Auch dieses Informationsvakuum konnte ich ein wenig durch soziale Netzwerke füllen. Als ich allerdings auf Twitter direkt bei der Bahn fragte – ein Service, der sonst wirklich vorbildlich und sehr schnell funktioniert – wurde mir in dieser Situation leider nicht geholfen. Dafür trudelten weitere private Nachrichten von FreundInnen und KollegInnen ein, die mitbekommen hatten, was bei mir los war – und fragten, wie sie helfen können.

In diesen acht Stunden in Ludwigslust erlebte ich daher einen Aspekt von sozialen Netzwerken, von dem ich vorher immer nur hörte: dass sich in Ausnahmesituationen sehr viele hilfsbereite Menschen dort finden, die versuchen, etwas dazu beizutragen, dass die Situation besser wird. Mich und einige Mitreisende hat dann mein Mann aus Ludwigslust mit einem geliehenen Wagen abgeholt. Um halb zwei nachts waren wir wieder in Berlin. Und noch am nächsten Tag fragten mich Menschen in sozialen Netzwerken, wie ich meine Reise verkraftet habe. (Meine Reise lässt sich unter #zugsteht nachlesen.)

 

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

09. Oktober 2017 von Sonja Hartl
Kategorien: Digitale Welt | Schlagwörter: , | Schreiben Sie einen Kommentar

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