Toleranz und Intoleranz

… vom Gemüseacker aus gesehen

Die Dokumentation Die Kinder von Golzow, von Winfried und Barbara Junge gehört zu den herausgehobenen Werken deutscher Filmgeschichte. Was 1961 mit dem Porträt von Schülern einer 1. Klasse begann, entwickelte sich bis zum Jahr 2007 zu einem Langzeitprojekt über die Lebenswege der Protagonisten. Subjektiv gebrochen entfaltet sich eine einmalige zeitgeschichtliche Chronik, die vielfach zitiert und gelobt wurde und wird.

Golzow ist ein recht großes Dorf im Oderbruch. Einst gab es hier eine nahezu menschenleere Sumpflandschaft. In unzähligen Flussarmen mäanderte die Oder durch das 15 Kilometer breite und 60 Kilometer lange Gebiet. Dann verfügte Preußens König Friedrich II., dass das Land trockengelegt werden sollte. Besiedelt wurde die Region danach von Kolonisten aus allen Himmelsrichtungen Europas. Oftmals wegen ihrer religiösen Haltung in der früheren Heimat verfolgt, wurden sie hier Nutznießer preußischer Glaubenstoleranz und fanden gleichzeitig auf dem neu erschlossenen fruchtbaren Land ein erfreuliches Auskommen. „Man streute aus und war der Ernte gewiss. Es wuchs ihnen zu. Alles wurde reich über Nacht“ – so schrieb Theodor Fontane über die Bauern im Oderbruch. Hier war der üppige Gemüsegarten Berlins entstanden und so blieb es mehr als 250 Jahre lang. In diesem Jahr nun verkündete mit Beginn des Frühlings die Regionalzeitung, dass der Golzower Landwirtschaftsbetrieb die Gemüseproduktion einstellt. Vormals 600 Hektar Anbaufläche werden nicht mehr bestellt, da die anstehenden Mehrkosten durch den Mindestlohn nicht über die zu erzielenden Preise gedeckt werden könnten.
Am letzten Sonnabend im Februar hatte ich einen Kurs zum Gehölzschnitt an der Volkshochschule in der Kreisstadt des Oderbruchs gebucht. Nach zwei Theoriestunden konnten wir nach Herzenslust auf der Obstplantage eines nahe gelegenen Ökoagrarbetriebs üben. Streuobstwiese (c) FSF

2001 hatte das Unternehmen auf fast drei Hektar Land Streuobstwiesen angelegt und Intensivobst gepflanzt. Inzwischen musste man erkennen, dass die Pflege der Bäume in keinem vertretbaren Verhältnis zu dem steht, was sich mit den geernteten Früchten erwirtschaften lässt. So erfreuen sich nunmehr an den vorbildlich angelegten, jetzt aber etwas verwahrlosten Obstkulturen Volkshochschüler, Vögel und Ausflügler aus Berlin, die mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause fahren, dass die Welt zumindest partiell doch noch in Ordnung ist. Weder in den Regalen gewöhnlicher Supermärkte noch im Biohandel merken sie, dass etwas fehlt, wenn im Umland der Stadt tendenziell immer weniger von den angebotenen Produkten geerntet wird. Allerdings bekommen sie von gewieften Marketingexperten suggeriert, dass das, was da vor ihnen liegt, nachhaltig angebaut und umweltverträglich in den Handel gebracht worden sei. Alles sei so, als käme es direkt aus Omas Garten – oder zumindest von solchen Obstwiesen, wie man sie am Wochenende gesehen hat. Ergänzt werden die Stippvisiten ins Ländliche durch die Lektüre von Zeitschriften wie „Landlust“, „My Harmony – Das Magazin für gute Ideen und schöne Gedanken“. Wer selbst aktiv werden will, sucht sein Glück im Schrebergarten, bei Häkelkursen oder beim Zusammenstellen von Kräuterteevariationen oder Marmeladekreationen. Jede in diesem Umfeld noch so abwegig erscheinende Idee wird medial auf allen möglichen Plattformen enthusiastisch aufgegriffen. Es gibt entsprechende Erbauungsliteratur im Überfluss und Ratgebersendungen jeglicher Couleur versuchen dem Einzelnen aufzuzeigen, wie er sein persönliches Glück im Einklang mit der Umwelt finden kann.
Nicht erst, seitdem ich selbst auf dem Land lebe, verstehe ich die Motive, die sich hinter der Sehnsucht nach einer irgendwie gearteten realen Verbindung zwischen der eigenen Existenz und dem, was diese Existenz ermöglicht, verbergen. Für mich selbst versuche ich, solchen Gedankenspielen partiell zu folgen. Ich baue ein paar Kartoffeln an, gestalte eine Streuobstwiese und seit geraumer Zeit habe ich sogar fünf Hühner und einen Hahn. Das macht Freude und ist geradezu Balsam für das Gemüt, nur kann ich damit natürlich nicht meinen Lebensunterhalt sichern. Das hatte ich allerdings im Gegensatz zu anderen in meiner Umgebung auch nie vor. Wie viele Raumpioniere habe ich inzwischen allein in meinem Umfeld erlebt, die daran geglaubt haben, durch bodenständige Wertschöpfung alternativ wirtschaften zu können. 1.000 frei laufende Hühner, zehn Hektar Wald und ein kleines Sägewerk, ein paar Tonnen Jungkarpfen und ein See, Ideen für schöne Möbel und eine geerbte Tischlerei – so oder so ähnlich lauteten die Konzepte. Viel zu oft folgte auf den optimistischen Beginn aber ein tragisches Scheitern mit den entsprechend tief sitzenden Enttäuschungen. Aktuell steht im Oderbruch ein Gebäude zum Verkauf, wo es im Herbst noch einen regional beliebten Landhandel mit angegliederter Mosterei gegeben hat. All diese Unternehmungen haben durchaus eine relevante Menge an Gütern produziert, doch sie fanden damit keinen Zugang zu einem Markt, der imperativ eine industrielle Massenproduktion erzwingt. So werden regionale Obstbäume zu Zierpflanzen, währenddessen auf der nahen Bundesstraße polnische Lastzüge Äpfel
vorbeifahren, die weit entfernt ohne Mindestlohnklausel vom Stamm kommen. 600 Hektar Oderbruchland, bestellt mit der Energiepflanze Mais, bringt dem Bodeneigentümer eine ganz andere Dividende, als würden dort mühsam Tomaten oder Gurken gepflanzt und gepflegt. Das Gemüse produzieren Saisonarbeiter aus Marokko oder Lateinamerika in Spanien so effizient nach EU-Norm, dass bei der Preisgestaltung selbst die Energiekosten für den Transport nicht wirklich ins Gewicht fallen.
Winfried Junges Zyklus über eine Generation Golzower Bauernkinder lässt sich durchaus auch als ein Dokument der fortlaufenden Entfremdung des Menschen von seinem natürlichen Lebensraum lesen. Den damit verbundenen Mentalitätswandel kann ich in meiner Nachbarschaft gut beobachten. Zivilgesellschaftliches Engagement nimmt ab, die Wahlbeteiligung ist deutlich unter 50 % gesunken und weil man sich den Großinvestoren gegenüber ohnmächtig fühlt, richtet sich aufgestauter Zorn gegen bescheidene Naturschutzprogramme, die ersatzweise für den Verlust einstiger Arbeitsmöglichkeiten verantwortlich gemacht werden. Mediale Informationsangebote bleiben zunehmend links liegen. Wenn es dort heißt, die Energiewende sei gut, wirdvor Ort nur erlebt, dass die Preise steigen und die Landschaft ruiniert wird. Wenn Unternehmensgewinne und DAX-Kurse bejubelt werden, dann fragt man sich in den Dörfern, warum in der Gemeinde kein Geld für die Straßen reparatur vorhanden ist. Hier ist differenzierte, politisch motivierte Publizistik gefordert. Nicht nur als toleranter Fürsprecher für jegliche Facetten der Unterhaltungskultur, sondern zuerst als Hilfe zum Verstehen von Zusammenhängen. Dabei braucht es dann auch ein ordentliches Maß an Intoleranz – etwa gegenüber bestimmten Marktmechanismen, die nur den Erfolg einiger weniger im Blick haben.

Die Kolumne von Klaus-Dieter Felsmann ist in der aktuellen tv diskurs Toleranz. Medien und die Akzeptanz des anderen erschienen und steht auf unserer Website als Download zur Verfügung.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

11. Mai 2015 von Klaus-Dieter Felsmann
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