Das Internet kennt keine Grenzen

Dass ein Selfie fatale Folgen haben kann, musste nicht nur der 19-jährige Anas Modamani erfahren, als er sich stolz mit der Bundeskanzlerin ablichtete. Schon bald wurde sein Bild kopiert und mit Straftaten in Verbindung gebracht, die er gar nicht begangen hatte und wurde gar in die Nähe von Terroristen gerückt.

Ganz so schlimm ergeht es der 16-jährigen Lara im anrührenden TV-Movie mit dem recht reißerischen Titel Nackt. Das Netz vergisst nie zwar nicht. Doch als ein Nacktbild von ihr auf einer „Fuck-my-Ex“-Internetplattform erscheint, muss auch sie Spott, Häme und Ausgrenzung erfahren. Dabei hatte sie das Bild, das ausschließlich für ihren Freund Basti gedacht war, noch nicht einmal leichtfertig gepostet, sondern es wurde aus der Cloud ihres Handys mittels Schadsoftware gehackt. Dass dieses überhaupt möglich ist, war nicht nur für Laras Mutter Charlotte „Neuland“ – fortan ist sie es aber, die sich ganz dem „Kampf gegen das Internet“ verschrieben hat, um ihre Tochter zu schützen.

Sehr anschaulich, vielleicht etwas übertrieben stellt der Film die Auswirkungen des Nacktpostings dar: Schulkameraden wenden sich ab, selbst Freund Basti geht zwischenzeitlich auf Abstand. Lara betäubt sich mit Alkohol und bleibt der Schule fern. Irgendwann legt sich die Aufregung und Lara kann wieder am Leben teilhaben. Mutter Charlotte hingegen nimmt den Kampf gegen die Windmühlen auf, rennt von Pontius zu Pilatus, trommelt weitere Betroffene zusammen, erwägt rechtliche Schritte, die zunächst sämtlich scheitern.

Das Wohl ihrer Tochter gerät dabei gar aus dem Blickfeld. Mit ihrer Hartnäckigkeit und der Unterstützung vieler Beteiligter (weiterer Opfer als auch Verfolgungsbehörden und auch einer leicht nerdigen PC-Freak-Gruppe) gelingt ihr schließlich das scheinbar Unmögliche: Der in den Niederlanden ansässige Betreiber der Plattform kann ausfindig und dingfest gemacht werden, das Portal wird geschlossen. Dass hiermit die Kriminalität im Netz nicht aus der Welt geschafft wird, zeigt das Schlussbild, in dem erneut ein Smartphone mit sensiblen Daten ausgespäht wird. Das etwas naiv und theatralisch daherkommende „Happy End“ wird insoweit ein Stück weit relativiert.

Der FSF-Prüfausschuss sah für das Hauptabendprogramm keine Probleme, diskutierte aber ausführlich eine weitergehende Freigabe für das Tagesprogramm. Trotz vieler Klischees und einiger Sexbildchen überwogen beim Ausschuss die positiven Aspekte, wenngleich der Film ansonsten keine medienpädagogischen Anspruch für die Behandlung von Themen wie „Cybermobbing“ und „Sexting“ erhebt: Der Film arbeitet gleichwohl die Schwierigkeiten bei der Verfolgung von Internetkriminalität auf und mahnt einen verantwortungsvollen Umgang mit sensiblen Daten an. Hierin liegt in erster Linie der Verdienst des Films.

Um unerwünschte Inhalte aus dem Netz zu verbannen, bedarf es künftig großer Anstrengungen auf vielen Ebenen. Das bisherige „Notice-and-take-down“-Verfahren – hierin können Plattformen nur nach vorheriger Inkenntnissetzung verpflichtet werden, konkrete Bilder zu löschen – muss weiterentwickelt und vor allem konsequent umgesetzt werden. Politik und Wirtschaft müssen hierfür noch stärker in die Verantwortung genommen werden, was medienkompetente Nutzerinnen und Nutzer voraussetzt. „Nackt. Das Netz vergisst nie“ leistet hier zweifellos einen Beitrag.

Der Sender Sat.1 strahlt den Film Nackt. Das Netz vergisst nie heute Abend um 20.15 Uhr aus. 

FSF-ProgrammInfo: freigegeben ab …
Der ruhig und linear inszenierte Film spricht mit den jugendlichen Protagonisten auch jüngere Zuschauer an und kann sie zum Nachdenken über das aktuelle Thema anregen. Die diskriminierenden Handlungsweisen der Mitschüler – das Mobbing gegenüber der 16-jährigen Lara – werden negativ gezeichnet und sind relativ bald beendet. Der Fokus des Films verlagert sich von Lara zur Mutter Charlotte. Im weiteren Verlauf des Films stehen Freunde und Familie füreinander ein und versuchen gemeinsam einen Ausweg zu finden. Thematisiert wird auch, dass nicht nur unbedarfte Jugendliche im Netz der Cyberkriminalität zum Opfer fallen, sondern auch Erwachsene. In diesem Zusammenhang wird der Selbstmord einer jungen muslimischen Frau dargestellt, bildlich aber sehr dezent und für Kinder kaum zu entschlüsseln inszeniert. Eine Freigabe für das Tagesprogramm ist möglich, da keine nachhaltigen Beeinträchtigungen für unter 12-Jährige vermutet werden.

Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehpramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Nils Brinkmann

Nils Brinkmann studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Soziologie (M.A.). In der Zeit von 1991 bis 2011 war er Prüfer bei der FSK. Seit 2002 ist er im Bereich Programmaufsicht und Telemedien der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) tätig. Ebenso prüft er im Beschwerde- und Gutachterausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM) und ist hauptamtlicher Prüfer bei der FSF.

04. April 2017 von Nils Brinkmann
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