Die ultimative Dickens-Verfilmung

Womöglich ist Drei Haselnüsse für Aschenbrödel der meistgezeigte Spielfilm in der Weihnachtszeit, zumindest gefühlt ist aber Charles Dickens’ A Christmas Carol die meistadaptierte Weihnachtsgeschichte. Die erste bekannte Verfilmung stammt aus dem Jahr 1901 und ist ein britischer Kurzfilm. 34 Jahre später folgte der erste Tonfilm, wiederum drei Jahre später die erste US-Variante. Seither lässt sich die Liste der Verfilmungen beliebig fortsetzen, es gibt Varianten mit Mickey Maus, mit Fred Feuerstein, mit Barbie, eine Musical-Fassung und sogar eine Folge von Doctor Who, die auf der Geschichte basiert. Und wenngleich ich Adaptionen auch von Klassikern und bekannten Stoffen stets aufgeschlossen gegenüberstehe, da sie doch oft andere, interessante Akzente setzen, muss ich in diesem Fall sagen: Ich brauche seit 1992 keine weitere Verfilmung von Dickens’ Weihnachtsgeschichte mehr. Denn in diesem Jahr erschien die ultimative Adaption: Die Muppets Weihnachtsgeschichte präsentiert Michael Caine als geizigen Geschäftsmann Ebenezer Scrooge, der von seinen Mitmenschen aufgrund seiner Hartherzigkeit gefürchtet wird. Doch in der Nacht vor dem Weihnachtsfest erscheinen ihm die drei Geister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die ihm seine Fehler und Versäumnisse vor Augen führen. Und nach dieser Nacht – wir ahnen es – wird aus Scrooge ein liebenswerter Mensch, der die wahre Bedeutung von Weihnachten entdeckt hat.

Michael Caine als Ebenezer Scrooge (Mitte), Muppet Christmas Carol, The © 1992 WALT DISNEY PICTURES

Michael Caine als Ebenezer Scrooge (Mitte), Muppet Christmas Carol, The © 1992 WALT DISNEY PICTURES

Der menschliche Schauspieler Caine ist eine sehr gute Besetzung als Scrooge, aber auch bei den anderen Rollen hat Regisseur Brian Henson, Sohn von Jim Henson, ein gutes Händchen bewiesen: Bob Cratchit  wird von Kermit dem Frosch gespielt, den liebenswerten Buchhalter von Ebenezer Scrooge, seine Frau Emily Cratchit wird von Miss Piggy verkörpert.

Bob Cratchit (Kermit der Frosch) und seine Frau Emily Cratchit (Miss Piggy), Muppet Christmas Carol, The © 1992 WALT DISNEY PICTURES

Bob Cratchit (Kermit der Frosch) und seine Frau Emily Cratchit (Miss Piggy), Muppet Christmas Carol, The © 1992 WALT DISNEY PICTURES

Schon daran wird deutlich, dass die Besetzung der Rollen möglichst nah an die jeweiligen Charaktere in der Muppetshow angelehnt ist. Deshalb tritt Sam der Adler auch als strenger und fälschlicherweise amerikanisch patriotischer Lehrer des jungen Ebenezer auf und Fozzie Bär spielt den lebenslustigen Kaufmann Fezziwig, der für den Film kurzerhand in Fozziwig umgenannt wurde.

Dass in dem besten Muppet-Film aller Zeiten fast alles funktioniert, ist sehr stark auf die Arbeit der Drehbuchautoren zurückzuführen, die gegenüber der Vorlage einige kluge Änderungen vorgenommen haben, die großartige Auftrittsmöglichkeiten für die Muppets schaffen: Die Rolle von Jacob Marley wurde verdoppelt, so dass er einen Bruder namens Joe bekommen hat – und die stets nörgelnden Alten Waldorf und Statler als singende Untote einen Glanzauftritt hinlegen können. Außerdem hat die Geschichte in dem Film einen Erzähler bekommen: Gonzo spielt den Erzähler Mister Dickens, der von Rizzo die Ratte begleitet wird.

Gonzo und Rizzo die Ratte, Muppet Christmas Carol, The © 1992 WALT DISNEY PICTURES

Gonzo und Rizzo die Ratte, Muppet Christmas Carol, The © 1992 WALT DISNEY PICTURES

Sie schildern das Geschehen nicht einfach aus dem Off, sondern sind direkt daran beteiligt und verkörpern dadurch den auktorialen Erzählstil von Charles Dickens, der in seinen Romanen seine Leser ebenfalls direkt anspricht. Und durch diese freie Umsetzung erhält der Film eine weitere Erzählebene, die sowohl für viele komische Momente als auch Erklärungen sorgt – und nebenbei Kindern eine Erzählhaltung näher bringt.

Dabei wirken all diese Ideen nicht aufgesetzt und gewollt, sondern sind in den Film integriert. Es gibt Wortwitz, Ironie, sogar die Lieder dienen nicht nur der emotionalen Untermalung, sondern treiben die Handlung des Films voran. Mit singendem Gemüse auf dem Markt, rutschenden Pinguinen, lustigen Buchhalter-Ratten, Gastauftritten von Beaker und Doktor Honigtau Bunsen als Spendensammler wird ein buntes Treiben in dem liebevoll nachgebildeten viktorianischen London inszeniert, das bestens unterhält. Das ist eine hervorragende Synthese aus der bunten, überdrehten Welt der Muppets und der Dickens-Vorlage – die es sogar vermag, ein wenig Besinnlichkeit zu verbreiten. Deshalb: Dieser Film ist in der Weihnachtszeit Pflichtprogramm.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

12. Dezember 2016 von Sonja Hartl
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