„Fernsehvisionen“ – Fernsehen bleibt „digitales Lagerfeuer“

Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus und wie entwickelt sich die Fernsehnutzung in den kommenden fünf Jahren?

Christian Heinkele im Gespräch mit Moderator Klaus Winkler (c) Medientage München
Christian Heinkele im Gespräch mit Moderator Klaus Winkler (c) Medientage München

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Satelliten- und Plattformbetreiber Eutelsat hat eine Studie in Auftrag gegeben, in der 40 Top-Experten aus der TV-Branche zur Zukunft des Fernsehens befragt wurden. Auf den Münchener Medientagen stellte Christian Heinkele, Director TV & Regulatory Affairs Eutelsat, im Gespräch mit Moderator Klaus Winkler, Partner Sumbiosis, die zentralen Ergebnisse vor:

  1. Die Fernsehgewohnheiten werden sich in den kommenden fünf Jahren verändern. Mit den erweiterten nonlinearen Angeboten wird auch deren Nutzung steigen – denn immer mehr Menschen möchten Fernsehinhalte unabhängig von Zeit und Ort wahrnehmen. Lineare Angebote werden aber auch in fünf Jahren noch den Markt bestimmen.
  2. Dass Smart-TV mehr bedeutet als Internet auf den großen Fernsehapparat zu bringen, ist bei den Konsumenten noch nicht angekommen. Die Nutzung programmbegleitender Angebote im Internet wird eher auf dem Second Screen stattfinden als auf dem großen Bildschirm.
  3. Die Nutzung von Fernsehen und Second Screen ist bereits heute bei 78% der jüngeren Zuschauer üblich und wird weiter zunehmen. Die mobile Nutzung mit Tablets und Smartphones findet allerdings überwiegend zuhause statt. Zweit- und Drittfernseher werden in Zukunft durch mobile Geräte abgelöst.
  4. Social TV ist ein Phänomen der Jüngeren und wird sich vorerst nicht auf breiter Ebene entwickeln. Beispiele wie Berlin – Tag & Nacht sind singulär. Für die Mehrheit der Zuschauer wird Fernsehen das „digitale Lagerfeuer“ bleiben.
  5. Die Herausforderung in Zukunft wird sein, attraktive Programmmarken wie GZSZ, Voice of Germany oder Galileo zu stärken. Blockbuster wie Breaking Bad, die auf vielen Kanälen und VoD-Plattformen verfügbar sind, werden zunehmend eine geringere Rolle spielen als etwa life events. Der Trend geht zu exklusiv angebotenen Inhalten, die auf den Second Screen verlängert werden und den Zuschauer an den Sender binden.
  6. Die Diversifizierung der TV-Landschaft wird weiter voranschreiten. Die Zielgruppen werden immer spitzer, die Inhalte immer stärker zugeschnitten. Neben vielen neuen Sendern, die heute von den großen Sendergruppen gelauncht werden, versuchen auch kleine Sender wie Joiz auf den Markt zu kommen. Gegen die Marketingmacht der Großen werden sie sich nur durchsetzen können, wenn sie mit einer klaren Programmmarke eine Nische erobern können.
  7. Pay TV wird sich vom Nischenprogramm zum Qualitätsgaranten entwickeln. Mit derzeit 77 lizensierten Pay-TV-Programmen in Deutschland ist das Bezahlfernsehen im Massenmarkt angekommen. Die Zahlungsbereitschaft der Nutzer hat sich erhöht. Unklar ist, ob sich das fixe Medienbudget im Haushalt verlagert hat oder ob insgesamt mehr für die Medien ausgegeben wird.
  8. Wie sich die Fernsehwerbung entwickelt, wird von der verfügbaren Werbetechnologie und adäquaten Messung von linearer und nonlinearer Werbung abhängen.

Fernsehen ist Wachstumsfeld

In der Diskussion waren sich die Experten auf dem Panel einig, dass das Fernsehen derzeit stark im Wandel ist. Fernsehen ist ein boomender Sektor, so Andre Prahl, Leiter Programmentwicklung Cologne Broadcasting Center (CBC). Jährlich würden 30 Millionen TV-fähige Endgeräte verkauft, Distributionswege und Angebote verfielfältigten sich. Trotzdem, so Arnd Benninghoff, Chief Digital Officer ProSiebenSat.1 Media, sei die Frage nach First- oder Second-Screen für den Zuschauer nebensächlich – relevant sei das Fernseherlebnis.

Münchener Medientage, 17.10.2013: 6.3 Fernsehvisionen - Ergebnisse & Diskussion einer aktuellen GfK Enigma-Studie Klaus Winkler, Arnd Benninghoff, Jürgen Brautmeier, Andre Prahl, Martina Rutenbeck (c) Münchener Medientage
Ergebnisse & Diskussion einer aktuellen GfK Enigma-Studie: Klaus Winkler, Arnd Benninghoff, Jürgen Brautmeier, Andre Prahl, Martina Rutenbeck (c) Münchener Medientage

Regulierung nicht zeitgemäß

Dass die Politik der rasanten Entwicklung hinterherhinkt, machte Dr. Jürgen Brautmeier, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) deutlich. Der Regulierungsrahmen sei längst nicht mehr zeitgemäß und auf die neuen Bedingungen nicht eingestellt. Es sei sinnlos, zwischen linearer und nonlinearer Welt zu unterscheiden und etwa zu diskutieren, ob die zweimal wöchentliche Übertragung der Lottozahlen im Internet Fernsehen oder Telemedien sei. Initiativen für einheitliche Regeln kämen aus der Branche selbst, die auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen sei. Es müsse ein Regulierungsrahmen neu definiert werden, der ein flexibles Handeln erlaube. Dabei müsse man auch realistisch einschätzen, was noch reguliert werden kann und muss – es gelte: So viel wie nötig und nicht so viel wie möglich.

Gute Ergebnisse für Eutelsat

Für den Plattformbetreiber Eutelsat seien die Ergebnisse der Studie vielversprechend, weil sie zeigten, dass der Markt stabil ist. Man müsse sich aber weiter auf die Bedürfnisse der Kunden einstellen, die beispielsweise Breaking Bad auf dem Fernsehgerät im Wohnzimmer anschauen und im Schlafzimmer auf dem Tablet weitersehen wollen. Der Wechsel vom linearen zum nonlinearen Medium müsse so gestaltet werden, dass der Bruch für den Zuschauer nicht spürbar ist. Eine gewisse lean-bach-Erwartung sei noch vorhanden.

Inwieweit die Studie zuverlässig ist und die Prognosen eintreffen, die die 40 Top-Entscheider bei Plattformbetreibern, Fernsehsendern und Geräteherstellern heute abgeben, wird die TV-Realität in 2018 zeigen.

Die GfK Enigma-Studie „Fernsehvisionen“ ist demnächst abrufbar unter www.eutelsat.de.

Über Claudia Mikat

Claudia Mikat ist seit 2015 Geschäftsführerin Programmprüfung und hauptamtliche Vorsitzende der FSF-Prüfausschüsse. Sie studierte Erziehungswissenschaften/Freizeit- und Medienpädagogik an der Universität Göttingen. Danach arbeitete sie als freiberufliche Medienpädagogin, als Dozentin und in der Erwachsenenbildung. Von 1994 bis 2001 leitete sie die Geschäftsstelle der FSF und wechselte dann in die Programmprüfung, die sie seit 2001 verantwortet.

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