Frauendämmerung

Weibliche Heldinnen sind von den großen Leinwänden derzeit fast verschwunden

Frauendämmerung (c) FSF
Linda Holmes, eine Autorin des US-amerikanischen Hörfunks NPR, hat neulich eine interessante Rechnung aufgestellt. Sie hat im Kinoprogramm ihrer Umgebung nach Filmen mit Frauen gesucht. Nach etwas mit einer echten weiblichen Hauptheldin oder einem weiblichen Blickwinkel. Ergebnis: Nichts. Und das ist keine rhetorische Übertreibung. In sämtlichen Kinos der Umgebung von Washington D.C. waren 90 Prozent der gezeigten Filme mit Männern und über Männer. Die restlichen 10 Prozent enthielten maximal Frauen in Co-Hauptrollen. Keine einzige weibliche Heldin. Stattdessen, wie es die Autorin so schön ausdrückt: Typen in Umhängen, Typen in Autos, Typen im Weltall; Typen, die trinken; Typen, die fliegen … Die Originalaufzählung ist noch um einiges ergiebiger.

Auch das deutsche Kinoprogramm wird hauptsächlich von US-amerikanischen Filmimporten dominiert. Daher ein gezielter Blick in die deutschen Kinocharts und siehe da, da sind sie alle wieder: Man of Steel (Typ im Umhang), Afterearth (Typen im Weltall), Hangover 3 (Typen, die trinken), Typen in Autos? Na? Na? … Fast & Furious 6. (Nur mal so am Rande: SECHS!!!). Und so weiter und so fort.
Neulich wurde Joss Whedon, der den 90er und Nullerjahren zumindest eine der schlagkräftigsten TV-Heldinnen in Form von Buffy, der Vampirjägerin, beschert hat, gefragt, ob er eine solche Figur aus der jetzigen Zeit nennen kann. Der arme Mann guckte äußerst gequält drein und sagte: „And this is where it get’s depressing.“ („Und das ist der Punkt, an dem es deprimierend wird.“) In der Tat. Er fügte hinzu, dass im „Superheldengeschäft“, in dem er unterwegs ist, Leute immer scherzen, dass sie nie einen Film mit einer Frau machen würden, weil Jungs dieses Spielzeug nicht kaufen würden. Er persönlich fand das nicht witzig.
Die Frage, wo die Frauen in den Filmen hin sind, läuft also auf zwei Dinge hinaus: Genres und Geld. Obwohl, eigentlich … Geld. Denn die aufgezählten ‚Typenfilmtypen‘ korrespondieren mit einer Aufzählung, die Stephen Soderbergh jüngst formuliert hat. Heutzutage würden die großen Produktionsfirmen nämlich nur noch folgendes tun, sagte er: „action-adventure, science fiction, fantasy, spectacle, some animation thrown in“. Also genau genommen: Typen in Umhängen, Typen in Autos, Typen im Weltall, … na ihr wisst schon. Alles traditionell rein männliche Domänen. Die Studios drehen eben nur noch Blockbuster, bei denen man sich mehr oder weniger auf den Erfolg verlassen kann. Denn, der wird nicht nur durch die Filme selbst generiert, sondern auch durch das oben schon erwähnte Spielzeug. Man of Steel etwa hatte fast seine gesamten Produktionskosten vor dem Kinostart bereits durch Merchandise-Verkäufe wieder reingeholt.

Doch es gibt noch einen anderen Aspekt. Männer erzählen Männergeschichten, Frauen erzählen Frauengeschichten – nicht immer und hoffentlich in Zukunft immer weniger, aber dennoch. Doch auch hinter den Kulissen der Filmindustrie sind die Frauen eher spärlich gesät. Laut einer jährlichen Untersuchung zu Frauen in der US-amerikanischen Filmindustrie lag der Anteil von Frauen an sämtlichen Mitarbeitern der 250 gewinnbringendsten Filme des Jahres 2011 bei ‚stolzen‘ 18 Prozent. Und dabei sind alle Tätigkeiten mit einbezogen: Produzenten, Autoren, Kamerafrauen, etc. Der Anteil weiblicher Regisseure lag bei sage und schreibe 5 Prozent, der Anteil weiblicher Autoren bei 14 Prozent. Es verwundert also nicht, wenn keine weiblichen Heldinnen und Blickwinkel entstehen, wo keine Frauen sind. Linda Holmes hat die Antwort auf die Frage, was man da tun kann, eher auf der Rezipientenseite gesucht. Sie sagt, dass man eben noch mehr in Filme mit Frauen und von Frauen gehen müsste und dass Kritiker sich ausführlicher mit weiblichen Filmschaffenden und ihren Werken befassen sollten. Doch das eigentliche Problem liegt offenbar auf der Produzentenseite. Denn wenn in einer ohnehin schon männerdominierten Branche Geschichten über Frauen obendrein als nicht lukrativ genug angesehen werden, um sie umzusetzen, dann sieht die Zukunft für weibliche Hauptfiguren ziemlich finster aus. Da können auch alle Superhelden dieser Welt nicht helfen. Im Gegenteil: sie stehen im Weg.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

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