Inszenierte Realität oder realistische Inszenierung? Zur Diskussion über (scripted) Reality-TV

Realität oder Fiktion, Schauspieler oder echte Menschen, scripted oder dokumentarisch und inwieweit inszeniert? Die Formate, die derzeit in der Diskussion sind, vermischen Reales und Fiktionales so geschickt, dass die Unterscheidung zuweilen selbst geübten Zuschauern schwer fällt.

„Live ist live“

Es wurde gelacht. Jogi Loew schlendert während des brisanten EM-Spiels gegen die Niederlande lässig Kaugummi kauend in Richtung Spielfeld und kickt einem Jungen den Ball aus dem Arm – eine schöne Szene, aber ein Fake: Wie sich herausstellt, wurde die Situation vor dem Spiel aufgenommen und in die Live-Berichterstattung eingefügt.

ARD und ZDF sehen die eigenen journalistischen Standards verletzt und verweisen auf die UEFA, die für die Gestaltung des Weltbildes bei der EM verantwortlich sei: „Live ist live und muss live bleiben“1.

Was für die journalistischen Standards im Nachrichtenbereich gilt, hat sich im Unterhaltungsbereich des Fernsehens längst aufgelöst: Der Verstoß gegen das „traditionelle Reinheitsgebot“2, nach dem Reales und Fiktionales nicht zu vermischen sei, ist dem Reality-TV immanent. Gemeinsam ist allen Mischformen des Metagenres „Reality“ der Schein des „Echten“ bei gleichzeitig hohem Grad an dramaturgischer Konstruktion.

‚Echte’ Menschen mit ‚echten’ Geschichten?

Die Geschichten von ‚echten‘ Menschen, von Jugendlichen in Erziehungscamps oder Castingshows, von Frauen, die die Familie tauschen oder sich ihre Brust vergrößern lassen, haben einen realen Hintergrund. In der Aufbereitung sind sie aber komplett durchkomponiert. Erfundene Geschichten mit gecasteten Darstellern werden dagegen so nah wie möglich an der Wirklichkeit inszeniert. Hier sorgen dokumentarische Stilmittel für den Eindruck von realem Geschehen: Wenn die Privatermittler Verdächtige beschatten und belauschen, werden Bilder aus der ‚versteckten Kamera’ gezeigt. Bei Verfolgungen sind Autokennzeichen ‚aus Datenschutzgründen’ gepixelt. Bei Gesprächen mit den Schulermittlern muss das Fernsehteam auch mal draußen bleiben, bei turbulenten Szenen wackelt die Kamera wie in einer bewegten Reportage. Vor allem sind es die hölzern spielenden Laiendarsteller, die den Eindruck vermitteln, ‚echte‘ Menschen mit echten Geldsorgen, Beziehungskrisen oder Erziehungsproblemen zu sein.

„Vorsicht, Fernsehen!“

Es aus dramaturgischen Gründen mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, ist nicht neu. Neu ist bei heutigen Formen des Reality TV allerdings, gezielt Authentizität zu behaupten und die Inszenierungsmittel so weit wie möglich zu verbergen. Diskutiert wird über eine Kennzeichnungspflicht für das Segment der Scripted Reality, die den Zuschauer auf das Erfundene und Inszenierte hinweist. Für manche ist das nur die Lösung eines Teilproblems. Eine Kennzeichnung des Genres wird Zuschauer nicht davon befreien, beim Fernsehen immer wieder zu entscheiden, was echt und was erfunden ist. „Wie auch im politischen Diskurs, den der Wahlbürger nur angemessen dechiffrieren kann, wenn er über eine solide staatsbürgerkundliche Vorbildung und ausreichendes Erfahrungswissen verfügt, wird auf lange Sicht kein Weg daran vorbeiführen, aus naiven Zuschauern kritische Medienkonsumenten zu machen“3.

Jugendschutzaspekte

In der Bewertung aus Jugendschutzsicht ist die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion nachrangig. Allerdings wird davon ausgegangen, dass bedrohliche Situationen oder desorientierende Aussagen in ihrer Wirkung verstärkt werden können, wenn der Eindruck entsteht, es handele sich um ein reales Geschehen. Die Fähigkeit, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, entwickelt sich erst im Grundschulalter. Es ist also nicht davon auszugehen, dass Kinder die Genrekompetenz und Lebenserfahrung besitzen, um die Inszenierungsstrategien von Reality-Formaten zu durchschauen. Entscheidend ist daher – im Fiktionalen, Non-Fiktionalen und den verschiedenen Mischformen – die erzählte Geschichte: Was lernen Kinder, wenn sie das Geschehen für bare Münze nehmen?

„Das sind Schauspieler, aber egal!“

RTL 2 hat mit einer Facebook-Seite zu der real anmutenden Telenovela Berlin Tag & Nacht, („der geilsten WG Deutschlands“) die Strategie der Authentisierung ins Internet verlängert.

Hier posten die Darsteller in ihren Rollen – „stellvertretend und unterstützend für die WG-Bewohner“ spricht die RTL2-Online-Redaktion – und kommentieren die aktuellen Begebenheiten in der Serie. 1.928.004 Menschen gefällt das, und 272.227 Menschen sprechen darüber (http://www.facebook.com/BerlinTN/likes, Abruf 03.07.2012). Das Spiel mit Realität und Fiktion kommt an. „Etikettenschwindel kann Spaß machen“, meint Hallenberger, „so lange man weiß, dass geschwindelt wird“ – wann das der Fall ist, wird immer schwieriger zu entscheiden.

Immer weniger Leute scheinen sich am Etikettenschwindel selbst zu stören: Daran, dass Dieter Bohlen einen Kandidaten ‚zusammenfaltet’, die Abfuhr in Wirklichkeit aber gar nicht stattgefunden hat; dass der Balljunge beim EM-Spiel gar nicht in Loews Nähe war. Wie die Medien funktionieren, mit welchen Strategien sie arbeiten und wie sie sich finanzieren, wie Geschichten aufbereitet werden und wer am Entstehen von Inhalten beteiligt ist, müssen Kinder und Jugendliche lernen. Sie müssen erkennen, wie Realitäten – und damit sie selbst – manipuliert werden können. Die Forderung nach Medienkompetenz hat heute mehr Bedeutung denn je.

Fernsehen und Realität ist Titelthema der nächsten Ausgabe von tv diskurs: Alles nur Theater? Fernsehen zwischen Bühne und Realität. Darin unter anderem:
– Bild oder Abbild? Das Fernsehen und die Realität
– Aktuelle Scripted Reality-Formate: Eine Inhaltsanalyse
– Wie erzählt man lebensnahe Geschichten?
Interview mit der Produktionsfirma filmpool
– Innenansichten: Interview mit einer Laiendarstellerin

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Quellen
1 kress.de, 15.06.2012, zu Loew und dem Balljungen:
http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/116610-zdf-zu-bilderstreit-loew-und-der-balljunge-entspricht-nicht-unseren-journalistischen-standards.html

2 Gerd Hallenberger: Dichtung und Wahrheit: Das Verhältnis von Medien und Wirklichkeit. Vortrag, gehalten auf dem Sommerforum Medienkompetenz Alles nur Theater? Fernsehen zwischen Bühne und Wirklichkeit, eine Veranstaltung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) am 7. Juni 2012 in Potsdam.

3 Klaudia Wick: Leben und leben lassen. Das Fernsehen und sein Begriff von Wirklichkeit. In: Programmbericht Fernsehen in Deutschland 2011.Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 2012, S. 210.

Über Claudia Mikat

Claudia Mikat ist seit 2015 Geschäftsführerin Programmprüfung und hauptamtliche Vorsitzende der FSF-Prüfausschüsse. Sie studierte Erziehungswissenschaften/Freizeit- und Medienpädagogik an der Universität Göttingen. Danach arbeitete sie als freiberufliche Medienpädagogin, als Dozentin und in der Erwachsenenbildung. Von 1994 bis 2001 leitete sie die Geschäftsstelle der FSF und wechselte dann in die Programmprüfung, die sie seit 2001 verantwortet.

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