„Türkisch für Anfänger“ – von der Kultserie zum Kultfilm?

Nach seinem Kinostart im März hat „Türkisch für Anfänger“ schon über zwei Millionen Besucher ins Kino locken können. Nun steht der Film vor seiner internationalen Festival-Auswertung und geht diesbezüglich in diesem Monat an den Start.

Bora Dagtekin, Hauptautor der Kultserie „Türkisch für Anfänger“, liefert mit dem gleichnamigen Kinofilm sein Regiedebüt ab. Für das Kino hat Dagtekin „Türkisch für Anfänger“ neu erzählt und als Prequel konzipiert. Die Geschichte der deutsch-türkischen Patchwork-Familie „Schneider-Öztürk“ ist vor der ersten TV-Folge angesiedelt, setzt also keine Serienkenntnis voraus. Die Ereignisse werden aus der Perspektive der 19-jährigen Lena erzählt. Mit bissigem Off-Kommentar beschreibt die von antiautoritärer Erziehung traumatisierte und vom Leben frustrierte Jugendliche das Geschehen.

©2012 Rat Pack / Constantin Film
Lena und Cem – O-Ton der Szene: “Nenn mich noch einmal Schlampe, und du bekommst von mir einen Abschiebestempel direkt zwischen deine Beine.”

Zum Inhalt: Von ihrer Mutter – Psychologin, die auf jugendlich macht und sich für sexy hält – wird Lena  zum gemeinsamen Asien-Urlaub verdonnert. Als das Flugzeug abstürzt, strandet Lena mit drei anderen Jugendlichen: dem türkischen Macho Cem, deren Muslim-Schwester Yagmur und dem griechischstämmigen Berliner Costa auf einer einsamen Insel. In dieser aussichtslosen Lage ist die Konfrontation mit dem testosterongeladenen Cem die größte Katastrophe für die schwer emanzipierte Lena. Sie streitet sich mit dem Macho, dass die Fetzen fliegen. In der Extremsituation lernen sich die beiden aber auch von anderer Seite kennen und verlieben sich ineinander. Parallel dazu entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Yagmur und dem verklemmten Costa. Den Absturz ebenfalls überlebt und in einer Luxusanlage gestrandet, kommen sich Lenas Mutter und Vater Öztürk in der Sorge um die Kinder näher. Als Lena erfährt, dass die Mutter den türkischen Polizeibeamten zu heiraten gedenkt, rastet sie aus und versucht dies zu verhindern. Aber die Liebe ist stärker – Lena sieht ein, dass es für die Mutter nur gut sein kann, wenn sie trotz Cellulitis noch einen Mann abbekommt. Mit drei Liebespaaren ist das Happy End schließlich perfekt.

Als ich von der die Einladung zur Berlin-Premiere von „Türkisch für Anfänger“ bekam, bin ich dieser mit Skepsis gefolgt. Der Trailer zum Film wirkte schrill auf mich. Ich dachte, mich erwartet Klamauk und ich hatte die Befürchtung, unter Niveau unterhalten zu werden.

Ich sollte mich irren – die Jugendkomödie hat mich letztlich wirklich amüsiert. Vor allem Mimik und Spiel von Josefine Preuß in der Rolle der Lena sind überzeugend. Darüber hinaus lebt die temporeiche Inszenierung von Situationskomik und frechen, pointierten Dialogen. Türkisch für Anfänger ist in meinen Augen eine gelungene Comedy.

Regisseur Dagtekin ist Türke und stammt selbst aus einer Multikulti-Familie.

In seiner Mischung aus Family Entertainment und Teenager-Comedy begegnen sich die Protagonisten mit Vorurteilen und warten mit allen denkbaren Klischees auf. Dagtekin behandelt auf witzig-böse Weise Themen wie Integration, weibliche Emanzipation, Männlichkeitswahn, übertriebene Religiosität und Sexualität. Die sexbetonten Szenen und Dialoge sind überhöht und eindeutig komisch dargebracht. Der Film lebt von Anspielungen und hat keine ausgespielten Sexszenen. Die Charaktere sind allesamt überzeichnet, erleben im Verlauf der Handlung eine Entwicklung und wirken trotz ihrer Macken sympathisch – sie wachsen dem Zuschauer ans Herz. Die Liebesgeständnisse der Protagonisten am Schluss sind rührend, was den Film nicht zuletzt auch zur Romantikkomödie macht.

„Türkisch für Anfänger“ ist sicherlich auch schon von Kindern als Komödie lesbar. Dennoch ist die Freigabe-Entscheidung der FSK „ab 12“ nach meinem Verständnis absolut richtig und nachvollziehbar. Ich nehme an, dass die sexualisierte Sprache maßgebend für die FSK- Entscheidung war.

Die Produktion kann mit dieser Altersfreigabe zufrieden sein. Die eigentliche Zielgruppe sehe ich in den 16- bis 22-Jährigen. Jugendlichen dieser Altersgruppe werden sich alle verpackten Botschaften und jeder Wortwitz, wie sie der Film in derartiger Geschwindigkeit bereithält, erschließen.

Als Kinogängerin und Festival-Agentin hat mich Dagtekins Regiedebüt begeistert. Ich werde versuchen, auch „Türkisch für Anfänger“ zu einer internationalen Festivalkarriere zu verhelfen. Eine erste Möglichkeit zeichnet sich ab, das Comedy Festival Montreux hat Interesse gezeigt.

Ob der Kinofilm „Türkisch für Anfänger“ so viel Anerkennung erfahren wird wie die gleichnamige ARD-Serie (Deutscher Fernsehpreis 2006, Adolf-Grimme-Preis 2007, Preisträger des weltweit wichtigsten TV-Festival World Media Festival im kanadischen Banff 2008), wird sich zeigen.

Eines ist klar, der Film ist bereits ein Hit in den deutschen Kinos.

Selbstironisch, ungeniert, lustig – damit erfüllt er meiner Meinung nach alle Vorrausetzungen um sich vom Kinohit zum Kultfilm zu entwickeln.

 

Über Renate Zylla

Renate Zylla war Sozialarbeiterin und leitete Projekte für ausländische Kinder und Jugendliche. Im Anschluss studierte sie Diplompädagogik. Seit 1994 ist sie Prüferin für die FSF und war viele Jahre Prüferin bei der FSK. Schon früh widmete sie sich dem Kinderfilm. Von 1985 bis 2002 leitete sie das Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele Berlin, von 2003 bis 2010 war sie Direktorin des Kinderfilmfestivals Tokio. Mehrfach wurde sie in Jurys internationaler Filmfestivals berufen, war Lektorin für Kinderprogramme der ARD und berät nun Kinderfilmfestivals auf der ganzen Welt. 2009 hat sie für sich die Rolle der Festival Agentin entwickelt. In dieser Position vermittelt sie ausgewählte Kinderfilme an internationale Filmfestivals weltweit. Weitere Infos: http://www.ecfaweb.org/projects/festivals/zylla.htm

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