„Sarrazineske Weltuntergangspolemik“: Psychiater Manfred Spitzer warnt vor „digitaler Demenz“

Vor gut zwei Wochen wurde im Sonntagabendtalk bei Günther Jauch über die These des Ulmer Psychiatrieprofessors Manfred Spitzer diskutiert, dass die digitalen Medien – gleichgültig ob Internet, Spiele, Smartphones oder Navis – dumm machten, weil sie dazu dienten, Denken und Gedächtnisleistung quasi outzusourcen („Achtung, Computer! Macht uns das Internet dumm?“, Sendung am 02.09.2012).

Anlass für das Gespräch war die neueste Veröffentlichung Spitzers, „Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen“, die zurzeit die Spiegel-Bestsellerliste anführt. Darin empfiehlt der Autor, Kinder so spät wie möglich an die Computer- und Internetwelt heranzuführen, weil diese ihre körperliche und geistige Entwicklung massiv schädige.

Nun ist Spitzer kein Unbekannter. Der von der BILD-Zeitung zum berühmtesten Hirnforscher Deutschlands gekürte Psychiater ist für steile Thesen auf wissenschaftlich bröckeligem Boden bekannt, weshalb ihm der von Stefan Niggemeier (Spiegel online) gewählte Beiname anhaftet, so etwas wie der
Thilo Sarrazin“ der Computerkritik zu sein. Dass Spitzers Buch in der einflussreichsten deutschen Talksendung aufgegriffen und ‚geadelt‘ wird, ist insofern zwar ärgerlich, im Medienbetrieb aber nicht weiter ungewöhnlich. Bemerkenswert ist dagegen schon die fraglose Verquickung der Verblödungsthesen mit den Themen Internet- und Computerspielesucht und die durchgängige Schwarz-Weiß-Sicht und plakative Zuspitzung à la „Macht das Internet süchtig – wie Heroin“?

Wenn pauschale Fragen zu pauschal gestellt werden, stehen am Ende auch meist nur Allgemeinplätze, die MedienpädagogInnen und -wissenschaftlerInnen die Zornesröte ins Gesicht treiben dürften: Dass Medien die Zeit stehlen und nur in Maßen genutzt werden sollten; dass es darauf ankommt, Kinder zum `richtigen´ Umgang mit den Medien zu führen; dass die Medien zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen aber schon irgendwie dazugehören.

Muss man das alles im Jahr 2012 wirklich noch so sagen? Ist es nötig darauf hinzuweisen, dass der Umgang mit digitalen Medien zu den Kernkompetenzen der Gegenwart wie der Zukunft gehört? Muss man ernsthaft hervorheben, dass das Internet auch Chancen bietet? Muss man ausführen, dass es einen Unterschied macht, ob jemand drei Stunden lang am Rechner für eine Klassenarbeit recherchiert oder ein Ego-Shooter-Spiel spielt? Man muss, offensichtlich. Das ist das Traurige an Debatten wie diesen: Dass selbstverständlich Geglaubtes von Grund auf hinterfragt wird, als ob es vergleichbare Diskussionen und medienpädagogisches Bemühen nie gegeben hätte.

Das Erfreuliche ist, dass Überzeugungstäter wie Spitzer durch absurde Argumentationen (zum Beispiel die Gleichsetzung von Medienpädagogik mit ‚Alkoholpädagogik‘) so radikal und weltfremd vorgehen, dass in der letzten Konsequenz die Wenigsten noch folgen mögen. Entsprechend wurde das Buch in der Presse verrissen, wird vielfach dargelegt, dass und warum die kruden Thesen nicht ernst zu nehmen sind (besonders lesenswert: der sehr prägnante Beitrag von Werner Bartens und der Faktencheck von Christian Weber in der Süddeutschen Zeitung vom 9. September;
http://www.sueddeutsche.de/digital/bestseller-digitale-demenz-von-manfred-spitzer-krude-theorien-populistisch-montiert-1.1462115).

Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) nennt in einer Stellungnahme zwei Gründe, warum die Auseinandersetzung mit Spitzers Thesen sinnvoll sein kann – und acht Gründe, warum sich diese Auseinandersetzung kaum lohnt (Stellungsnahme des Bundesvorstandes der GMK vom 10.09.2012) und hat eine Linkliste erstellt, die Pressestimmen zur Jauch-Sendung und Beiträge mit wissenschaftlichem Blick auf die Demenz-Thesen versammelt (http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/linksammlung_kompetenz_statt_demenz.pdf). Unbedingt lesenswert: die Rezension des Buches von Prof. Dr. Bernward Hoffmann (http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/kommentar100912 bhoffmann digitale demez.pdf)!

Wer sich nach alldem ein eigenes Bild machen möchte, kann Spitzers Buch selbstverständlich trotzdem lesen – man muss es aber nicht; schließlich ist unstrittig, dass es Medieninhalte gibt, die wertvolle Zeit stehlen, welche für andere Dinge sinnvoller genutzt werden könnte.

Anregend erscheint eher die Lektüre der Kommentare zu Spitzers Thesen und ihrer Widerlegung
(z.B. unter http://carta.info/47569/zwischenbilanz-zu-spitzers-digitaledemenz/), die auf die eigentlichen Fragen verweisen:

„Warum haben wir, die Web 2.0-Fraktion, diese Leerstelle gelassen, in die er (Spitzer) sich jetzt so begeistert wirft? Warum kann ein ernsthaft besorgter Mensch sich kein Buch kaufen, in dem wir uns vernünftige Gedanken über all das machen: Werden Jugendliche, die (auch digitale) Schriftkultur nicht können, jetzt vollends abgehängt? Was machen faschistoide Ich-ballere-alles-ab-Stirb-langsam-Spiele und Überall-Porno in den Köpfen? Auch die Frage, was mit dem Selberschreiben wird, ist nicht von vornherein lächerlich“ (Martin Lindner in: Zwischenbilanz zu „Digitale Demenz“).

„Wer die Zahlen über den Medienkonsum ansieht (8, 10, 12, 14 Stunden am Tag!!), wird verstehen, warum Medienkritik in gebildeten Medien so gut ankommt“.

Wo bleibt die „Auseinandersetzung mit den schwierigen Seiten der Netz-Kulturrevolution: Was passiert mit den Leuten, die nicht … ins Internet schreiben? Was passiert mit Schreiben/Denken? Ist das nur ein Übergangsstadium, oder werden auf Dauer (neue Digital Divide) die einen als Modernisierungsverlierer wirklich in eine Entertainment-Schleife geschickt, ohne etwas zu gewinnen? Oder macht auch Popkultur (TV-Serien, Big Brother usw., und eben auch Computerspiele, und da wieder manche mehr als andere) schlauer?

Diesen Fragen müssen wir uns stellen, bevor ein neues Buch von Spitzer (oder sonstwem) erscheint und vermeintlich Antworten auf die Sorgen von Eltern liefert.

 

Über Claudia Mikat

Claudia Mikat ist seit 2015 Geschäftsführerin Programmprüfung und hauptamtliche Vorsitzende der FSF-Prüfausschüsse. Sie studierte Erziehungswissenschaften/Freizeit- und Medienpädagogik an der Universität Göttingen. Danach arbeitete sie als freiberufliche Medienpädagogin, als Dozentin und in der Erwachsenenbildung. Von 1994 bis 2001 leitete sie die Geschäftsstelle der FSF und wechselte dann in die Programmprüfung, die sie seit 2001 verantwortet.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *