„Einen Beliebtheitspreis gewinne ich dabei nicht unbedingt, aber mein Job ist kreativer als vermutet“

Aus dem Alltag eines Jugendschützers bei BEATE-UHSE.TV

Ein Mann fürs Grobe?

Auf den ersten Blick sehen meine Aufgaben als Jugendschutzbeauftragter von BEATE-UHSE.TV im Vergleich zu denen meiner Kollegen bei anderen Sendern relativ übersichtlich aus. Mit vielen Problemen muss ich mich gar nicht erst herumschlagen: Tages-, Vorabend- oder Hauptabendprogramm, kinderaffines Umfeld, Trailer mit Bewegtbildern in einer anderen Sendezeitschiene etc. Da wir ausschließlich im Nachtprogramm senden, geht es „nur“ um die Frage: Pornografie oder nicht? Erstens ist Pornografie im Fernsehen verboten, zweitens ist bekanntlich auch nicht ohne Weiteres zu beantworten, was Pornografie nun genau ist und was nicht. Wie wir alle wissen, muss der Einzelfall und die Gesamtwirkung geprüft werden. Die endgültige Entscheidung nimmt mir in vielen Fällen die FSF ab. Doch geht jeder FSF-Vorlage ein langer redaktioneller Bearbeitungsaufwand voraus.blogbeitrag

Harte Fälle

Entgegen landläufiger Vermutungen sitze ich dabei nicht mit dem Geodreieck vor dem Bildschirm und messe Erektionswinkel von Darstellern nach. Vielmehr überlege ich, ob die betreffende Erektion nicht doch handlungsrelevant sein könnte oder ob sie nur selbstzweckhaft zur anreißerischen Anmutung des Gezeigten beiträgt. Im ersten Fall wäre dieselbe Erektion eventuell nicht pornografisch, im zweiten Fall aber schon! Falls es nun eine Erektion mit hohen Schauwerten ist und ich der Meinung bin, man sollte sie dem Zuschauer durchaus präsentieren, erwäge ich, ob man ihr nicht ausreichende Handlungsrelevanz verleihen könnte, indem man etwa in der deutschen Synchronisation etwas herumbastelt. Mit genau dieser Überlegung begann mein heutiger Arbeitstag. Leider musste ich zur Schere greifen.

Genau hinsehen

Aber der Reihe nach. Bevor ich einen Film bearbeite, muss ich zunächst aus einem Berg von Filmen diejenigen Produktionen auswählen, die für BEATE-UHSE.TV infrage kommen. Neben den üblichen redaktionellen Kriterien wie Programmvielfalt, Zuschaueraffinität, Programmfarbe etc. steht die Pornografiefrage ganz oben. Ist der Film pornografisch oder kann ich ihn so bearbeiten, dass er nicht mehr pornografisch ist?
Habe ich mich aber für einen Film entschieden, obliegt mir nun die redaktionelle Aufbereitung bis zur Ausstrahlung. Ich schreibe Vorgaben für die Autoren des Synchronbuches, nehme das Buch ab, mache Schnittlisten und organisiere die FSF-Vorlage. Und im Falle einer FSF-Ablehnung halte ich auch mal ein flammendes Plädoyer vor dem Berufungsausschuss.

So saß ich heute an einem zwar sehr schönen Film, der aber 35 zusätzliche Schnitte nötig hatte. Schon bei der Auswahl des Filmes stand ich vor einem Problem, mit dem ich öfter konfrontiert bin: Zwei Darstellerinnen waren dermaßen gleich gestylt, dass ich sie beim besten Willen nicht unterscheiden konnte. Verzweifelt suchte ich nach einem Tattoo, einem Piercing oder Cellulite. Schließlich rief ich einen Kollegen zu Hilfe. Gemeinsam kamen wir zu dem Entschluss, dass es sich um zwei verschiedene Damen handelt. Ich war erleichtert! Was nebensächlich klingt, ist nämlich durchaus wichtig: Falls dieselbe Darstellerin in zwei Sexszenen zu sehen ist, muss ich mir oft mühsam eine Begründung ausdenken, warum sie einfach so nacheinander mit zwei verschiedenen Partnern Sex hat (… Reduzierung des Menschen auf ein jederzeit austauschbares Sexobjekt …) und warum sich die Paare jeweils wirklich lieb haben (… Darstellung von Sex ohne emotionalen Beziehungszusammenhang …) – beides Pornografiekriterien. Oft ändere ich die Handlung des Originals recht kreativ und hoffe, die Text-Bild-Schere bzw. der Prüfausschuss hält das noch aus.

Auch berate ich Produzenten im Vorfeld, lese Scripts und Konzepte oder bin bei Dreharbeiten dabei. Beispielsweise saß ich neulich beim Dreh eines Sexratgebers am Set. Eigentlich sollte ich darauf achten, dass die Produktion zwar nicht pornografisch, aber etwas expliziter als gewohnt wird. Bei Programmen, die nicht zur Stimulation, sondern zum Lernen da sind, kann man auch mal etwas mehr zeigen. Hauptsächlich musste ich dann aber die Darstellerinnen ständig nach wenigen Sekunden ausbremsen, nicht sofort ein lüstern-laszives „Porno-Gesicht“ aufzusetzen, sondern einfach mal ganz normal zu schauen. Wenn auch der Zuschauer nicht in die Gesichter kuckt, der Prüfausschuss tut es sicher.

Wie man`s macht …

…, macht man`s verkehrt. Natürlich bin ich auch nach der Ausstrahlung für das Programm zuständig, erläutere enttäuschten Zuschauern, warum sie nicht „mehr“ sehen können, erkläre der Redaktion, warum ich so viel rausgeschnitten habe und schreibe Berufungsbegründungen für die FSF, warum ich so wenig rausgeschnitten habe. Oft freue ich mich, wenn wir einen ambitionierten, intelligenten Film im Programm haben, und ärgere mich, dass die Zuschauer dann irgendeinen „Swingerclubreport “ doch viel lieber sehen.
Einen Beliebtheitspreis gewinne ich dabei nicht unbedingt, aber mein Job ist kreativer als vermutet. Sonst würde ich ihn nicht seit elf Jahren machen.

Über Manfred Rauch

Studium der Germanistik, Anglistik und Linguistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2000 bei BEATE-UHSE. TV tätig, seit 2004 als Jugendschutzbeauftragter des Senders.

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