Gefährdungsgeneigt

Der Begriff „gefährdungsgeneigte Jugendliche“ taucht in den Diskussionen der FSF-Prüfausschüsse immer mal wieder auf, vor allem dann, wenn sich der Ausschuss uneins und unsicher darüber ist, wie er die Wirkung eines Films oder einer Sendung auf Kinder und Jugendliche einzuschätzen hat. In solchen Momenten, in denen das Urteil noch schwebt, noch nicht konsistent ist und sich das Meinungsbild in den Köpfen noch im Fluss befindet, betritt der „gefährdungsgeneigte Jugendliche“ die Bühne. Immer wenn er auftaucht, ist die Entscheidung nicht mehr weit und zumeist – so mein subjektives Urteil – wird dann der restriktivere Beschluss gefasst. Warum mobilisiert dieser Begriff – wenn es denn so ist – eher eine bewahrende und abwehrende Haltung? Warum lässt er eine Meinungsbildung gleichsam gerinnen und bannt sie ins Urteil? Das Kompositum „gefährdungsgeneigt“ zwingt ja zwei Wörter zusammen, die widerstreiten. Die „Gefährdung“ ist negativ besetzt, eine „Gefährdung“ zielt auf etwas, das einer Gefahr ausgesetzt ist, das kann eine Person sein, eine Landschaft, ein Ding, eine Sprache. Immer wenn etwas oder jemand gefährdet ist, steht ein Wert, etwas Positives auf dem Spiel und droht, sich zu verschlechtern, unterzugehen. Dagegen ist das Wort „geneigt“ fast durchgängig positiv besetzt. Wenn jemand geneigt ist, etwas zu tun, dann meint er damit in der Regel, dass er ein Angebot annimmt oder dass er einem Ruf folgt oder dass er eine bestimmte Entscheidung getroffen hat. Die eher antiquiert wirkende Formel „ich bin geneigt, das oder jenes zu tun“ hat einen humorvollen Unterton und zeigt an, dass der Sprecher Herr seiner Entscheidung ist. Wenn man diese Begriffe also zusammensetzt und zusammen denkt, dann klingt es so, als würden sich die „Gefährdungsgeneigten“ aus freien Stücken, ja mit einiger Lust und Vorsatz den Gefährdungen hingeben, ja, als würden sie die Gefährdungen lustvoll auskosten. So schürt dieses Kompositum untergründig ein Ressentiment gegen Jugendliche, die als „gefährdungsgeneigte“ bezeichnet werden. Man wird verleitet, den „gefährdungsgeneigten Jugendlichen“ als schon einmal gefallenen Engel und potenziellen Delinquenten zu betrachten.Weil von ihm eine Gefahr ausgeht – er ist geneigt, den Gefährdungen zuzusprechen – verstärkt er die Gefahr, die in einem Film oder einer Sendung steckt. Der „gefährdungsgeneigte Jugendliche“ wird somit selbst zur vierten Risikodimension, die wie trockenes Holz nur auf den Funken wartet, der es zum Brennen bringt. Ich bin nicht sicher, aber ich nehme an, dass der Terminus in erster Linie dann ins Spiel kommt, wenn es um die Risikodimension der Gewaltbefürwortung und die Risikodimension der sozial-ethischen Desorientierung geht, bei der Frage nach der möglichen Ängstigung hingegen spielt der Begriff keine Rolle. Denn zur Ängstigung neigt man sich nicht, sondern wird von ihr ergriffen, in Besitz genommen, ganz und gar passivisch. Vom „gefährdungsgeneigten Jugendlichen“ hingegen erwarten wir einen gewissen Aktivismus in Richtung Gefährdung und auch in Hinsicht auf die Gesellschaft. Denn auch dieser Gedanke schwingt mit: Nicht nur der „Gefährdungsgeneigte“ muss vor bestimmten Sendungen, nein, die Gesellschaft muss vor dem Zusammentreffen des „Gefährdungsgeneigten“ mit der problematischen Sendung bewahrt werden, damit der „Gefährdungsgeneigte“ seine Lust an den Gefährdungen nicht gemeingefährlich auslebt.

©FSF
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Mir scheint der Begriff schafft keine Klarheit, sondern Ruhe. Er kürzt Diskussionen ab, er verhindert differenziertes Abwägen. Er ist – und das ist sein Plus – ein ökonomischer Begriff, denn er verhindert das Ausufern imaginärer Risikoabwägungen, die ja immer um die Frage kreisen, wie das empirische Kind beschaffen ist: Seine Psyche, das Milieu, in dem es lebt, seine sozial-ethische Konstitution, seine familiäre Position, seine Bildung, seine mediale Kompetenz etc. Kann es sein, dass der FSF-Prüfer „gefährdungsgeneigt“ ist, wenn er zu diesem Begriff greift?

 

 

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

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