Neu: Qualität als Problem

Zum Auftakt der FSF-Prüferfortbildung „Jenseits von Gut und Böse“: Ambivalente Helden und ihre Orientierungsfunktion am 24. Oktober 2013 wurden Filme gesichtet, über die sich Zuschauer bei der FSF-Hotline beschwert hatten und die auch im Plenum kontrovers diskutiert wurden: Ist Rihannas Clip Pour It Up sexistisch und befeuert falsche Rollenbilder – oder reproduziert ihre Selbststilisierung in Pin-Up-Ästhetik nur gängige Klischees, die Kinder längst aus der Werbung kennen? Geht das freche Comedyformat Eye TV mit seinen lustigen Zyklopenpuppen („… mit dem Einen fickt man besser“) und sexfixierten Parodien zu weit – oder verstehen Kinder hier nur so viel, wie sie ohnehin wissen?

Zu diesen Fragen passte der anschließende Vortrag von Prof. Dagmar Hoffmann (Universität Siegen, FSF-Kuratorium), denn hier ging es um die Entwicklung von Moral und Urteilsvermögen, in die auch Medienerfahrungen einfließen. Tabubrüche und Abweichungen machen Moralvorstellungen greifbar und ihre Grenzen deutlich, die ständig neu austariert werden. Am Beispiel von Walter White, der in der Serie Breaking Bad als krebskranker Lehrer und Familienvater unter dem Decknamen Heisenberg eine atemberaubende Karriere als Drogenkoch startet, ging es dann um eine für den Jugendschutz eher neue Problematik: Um eine mögliche moralische Desorientierung durch intelligente, witzige Serien mit äußerst ambivalenten Helden.

Heisenberg-Fan-T-Shirt zur Serien Breaking Bad © Susanne Bergmann
Heisenberg-Fan-T-Shirt zur Serien Breaking Bad © Susanne Bergmann

Hoffmann konstatierte, dass ein Held nicht losgelöst von den Bedürfnissen und Entwicklungslagen der Zuschauer zu sehen ist. Zudem bedeute die Identifikation mit einem Helden nicht zwangsläufig, dass auch seine Werthaltungen übernommen oder seine Handlungen imitiert werden. Gute Serien bieten Jugendlichen Folien für die eigene Identitätsarbeit an, insbesondere für den Umgang mit grundlegenden Ängsten. Die muntere Rezeptionskultur im Internet bezeugt, wie intensiv und auch kreativ sie sich mit den Stärken und Schwächen ihrer Heldfiguren auseinandersetzen.

Nach der Sichtung einer Episode von Breaking Bad folgte ein Vortrag der Filmkritikerin und Publizistin Barbara Sichtermann. Sie lobte die epische Breite, die Charakterzeichnungen und den weiten Zeitrahmen der Serie, die einen Kontrapunkt zur gegenwärtig dominanten Häppchenkultur setze und plädierte dafür, Kindern Ambivalenz zuzumuten: Interessante Helden müssen ambivalent sein, und die Gut-Böse-Struktur eines Kasperletheaters ist auch für Kinder auf Dauer zu öde!

Sichtermann bewertete Breaking Bad als Spielvorlage und erkannte gerade in der Ambivalenz das Identifikationsangebot. Die Serie nutzt als Stilmittel das Zusammenspiel von Gewalt und Humor und schafft mit dem Humor ein Element der Distanz, das es ermöglicht, die Gewalt als dargestellt zu begreifen. Deutlich weniger abgewinnen konnte Sichtermann dem Serienhelden und Soziopathen „Dexter“, der seine Mordlust in den Dienst einer höheren Gerechtigkeit stellt. Für sie geht es hier nicht um Ambivalenz, sondern um eine konstruierte, gespaltene Persönlichkeit, die durch vordergründige Schockeffekte interessant gemacht wird. Schon den „Initialschock“, das Schlachtfest zum Auftakt der Serie, bewertete Sichtermann als Indiz für eine Freigabe ab 16 Jahren. Sie führte einen Begriff für Qualität in die Debatte ein, der bisher eher informell mitschwang: Wahrhaftigkeit – im philosophischen Sinne als das, was das Menschsein erklärt – und nicht zu verwechseln mit Wahrheit oder Wirklichkeit. Eine „wahrhaftige“ Geschichte könne Kinder weiterbringen und sei ihnen deshalb auch zuzumuten. Dennoch sah Sichtermann die Notwendigkeit, eine Konfrontation mit stark belastenden Bildern zu beschränken, da die Qualität und die Verfügbarkeit von Gewaltdarstellungen inzwischen so gut seien wie nie zuvor. Beide Referentinnen plädierten hier für den traditionellen Jugendschutz bei gleichzeitiger Stärkung von Selbstschutzmechanismen.

Linktipp: „Antihelden tun das Richtige aus den falschen Gründen und das Falsche aus den richtigen Gründen“ – zum Beitrag Im Killerzoo von Katja Dallmann geht es hier.

Fotos von der Prüferfortbildung gibt es auf unserer Facebookseite.

Über Susanne Bergmann

Staatsexamen als Kunsterzieherin und Master of Arts Biografisches und Kreatives Schreiben. Arbeitet als Dozentin, Medienpädagogin und freie Autorin u.a. für den Kinderfunk von RBB und DLR. Susanne Bergmann ist Mitglied der Auditorix-Jury, die das gleichnamige Qualitätssiegel für Kinderhörbücher vergibt und ist seit 2004 hauptamtliche Prüferin bei der FSF.

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