Blut und Büro

Die Kehle wird aufgeschlitzt, das Blut schießt wie eine Fontäne heraus. Dort fliegt ein Kopf, hier quillt Gedärm, links und rechts fallen abgeschlagene Extremitäten in den Sand. Gerne in Zeitlupe und mit Rockpop-Soundtrack. Das ist „Spartacus“, eine Gladiatorenserie, die viel Unmut auslöst. Ist das nicht schon Gewaltpornografie? Gewaltverherrlichung? Wird hier ein menschenverachtendes Gewaltmaß zelebriert? Was hat dieses telegen-aufgemotzte Sterben mit dem realen Sterben zu tun?

Wer „Spartacus“ sieht, sieht sich selbst ins Gesicht, denn in jeder Folge ist auch ein mordgeiles, blutlüsternes Publikum zu sehen, das im Zirkus tobt, jault und orgiastisch johlt. Die Frauen sind gern leicht bekleidet und die Kamera kost erst einen Busen, ehe sie zusieht, wie jemandem in Zeitlupe der Schädel gespalten wird. Ja, ja, so ging es zu im alten Rom. Ist der Blick auf den Blick des Arena-Publikums auch ein Blick auf unseren Blick? Blicken wir uns selbst beim Blicken zu? Immer mal wieder schwappt das Blut auf die Ränge, manchmal fliegt auch ein Torso zwischen die Zuschauer, ein Schwert haut einem Zuschauer ein paar Finger ab, und wieder heult die Meute entsetzt-begeistert auf. Die Serie führt uns vor Augen, wie schizophren unsere Rezeptionssituation ist. Unsere Empathie gehört den Gladiatoren, wir hoffen für sie, aber wir sitzen auf der Tribüne und heben den Daumen. Schönes Gemetzel hier, oder? Daumen rauf! Der Kampf geht weiter, wenn auch dieser oder jener in den Staub sinkt.

Der Gladiator ist nicht erst seit Ridley Scotts „Gladiator“ eine universelle Figur im populären Mythenschatz der Unterhaltungsindustrie. Was verführt uns bürosesselwunde Mitteleuropäer dazu, mit dem Gladiator zu paktieren? Fühlen wir uns, im Kompromiss-Gespinst der Demokratie, im Netz der Globalisierung, im digitalen Webstuhl, ihm verwandt? Glauben wir uns gefangen, gefesselt und entrechtet in der besten aller Welten? Wollen wir auch einmal alles mit dem Schwert zerschlagen, um zu prüfen, ob es lebt, bevor es stirbt? Ist unser Blutrausch der Wunsch nach Authentizität? Hat dieser Authentizitätswahn nicht auch die „Piraten“ in die Parlamente gespült, jene Jungs und paar Mädels, die zwar keine Schwerter schwingen, dafür aber reden, als ob ihnen das Herz mit blutwarmer Tinte diktiert? Mehr als nach Blut sehnen wir uns nach Freiheit. Aber weil unser „Dominus“ immer ein anderer ist, etwas anderes und alle anderen sowieso auch, lassen wir den TV-Gladiator antreten und Blut vergießen, bis einer ihm die Freiheit schenkt. Wir hingegen warten vergeblich, dass einer uns die Ketten löst.

Spartacus auf Pro Sieben: www.prosieben.de/tv/spartacus/

YouTube: Trailer Spartacus: Blood and Sand

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

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