Bored to Death – komisch, kautzig – Knaller!

Als ich ernsthaft überlegte, nebenberuflich ein Detektivbüro zu führen, war ich neun. Damals lag ich meist im Bett und las Die drei ???. Am liebsten mochte ich Justus Jonas, weil der ein bißchen dicklich war, in meiner Vorstellung ausschließlich Pullis aus Nickistoff trug, aufregende Fälle löste und immer so konzentriert auf seiner Lippe herumkaute. Aber Hausaufgaben, Klavierunterricht, Freizeitstress machten einen Strich durch meine Privatdetektei, ich fand nicht einmal Zeit, mir das Lippen kauen anzugewöhnen.

Anlass zu dieser Wehmut gibt das Ende der Serie Bored to Death (2009-2011), die Wiederentdeckung der drei ??? – angepasst an die Bedürfnisse einer Zielgruppe über 18 Jahren. Den kalifornischen Schrottplatz tauscht Erfinder Jonathan Ames mit Brooklyn, die Telefonlawine mit „Craigslist“ und Alfred Hitchcock mit Raymond Chandler. Ansonsten ähneln sich die Ideen, geht es doch schließlich um das zentrale Thema Freundschaft – gewürzt mit guter Musik, kalorienarmen Weißwein und einen exzellent bestückten Comichelden. Mehr oder minder undurchsichtige Fälle lösen sich nebenbei.

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Bored to Death (c) HBO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gleich zu Beginn wird der mittelmäßig erfolgreiche Schriftsteller Jonathan Ames wegen genau jener Mittelmäßigkeit von seiner Freundin verlassen. Dieser Schock bringt den Stein ins Rollen: Ames arbeitet ab sofort als nicht lizenzierter Hobby-Detektiv. Jason Schwartzmans Brit-Pop-Frisur, die abgetragenen Cordjacketts und vor allem sein abonnierter Dackelblick perfektionieren Jonathan Ames Friendly-Loser-Attitüde. Dank Schwartzman ist Ames ein Mann, der selbst dann noch putzig ist, wenn er eine schwarze SM-Maske trägt, die seinen Mund mit grobem Reißverschluss versiegelt.

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Bored to Death, Jason Schwartzman als Jonathan Ames (c) HBO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weil ein Detektiv in ausweglosen Situationen nicht ohne Sidekicks auskommt, spielen neben Schwartzman nicht weniger als zwei meiner komödiantischen Lieblinge mit. Nummer eins: Zach Galifianakis.

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Bored to Death, re. Zach Galifianakis als Ray Hueston (c) HBO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der trägt zwar keine Nickipullis, ist aber immerhin schön mopsig und tut, was er am besten kann: Er spielt sich selbst. Als Ray Hueston zeichnet er abends Comics und hält sich tagsüber in nicht von Schwaben, sondern von Müttern gentrifizierten Brooklyner-Cafés auf. Der Held seiner Comics, Alter Ego „Super Ray“, besticht vor allem durch seine Geheimwaffe: einen Riesenpenis. Wer das nicht witzig findet, muss sich von Galifianakis überzeugen lassen: Verlässlich veredelt der nämlich fade Herrenwitze in phallischen Feinsinn, der so daneben ist, dass auch intellektuelle Langweiler heimlich mal schmunzeln dürfen. Der spezielle Feinsinn offenbart sich auch, wenn Galifianakis in ein grellgelbes, hautenges „Super Ray“-Ganzkörperkostüm aus Latex gezwängt in seiner Wohnung stolziert, wenn er Eiskaffee in einen Kinderwagen schüttet oder er seiner Affäre einfühlsam den Trennungsgrund darlegt: „Es liegt nicht an mir, es liegt an dir.“

Bei Liebling Nummer zwei handelt es sich um Ted Danson. Der spielt, wenn nicht die Rolle seines, dann zumindest die Rolle meines Lebens: den exzentrischen George Christopher. Dieser gepflegte Womanizer ist reich, charismatisch und selbst dann stilsicher, wenn er sich auf der Herrentoilette wiederholt eine Ration Gras aus dem Vaporizer genehmigt. Um Georges kokettem Spitzbubencharme zu erliegen, reicht sein Augenaufschlag, zuzusehen wie anmutig er seine Beine auf einen urologischen Behandlungsstuhl setzen kann, hilft auch.

Bored to Death - Staffel 1 EP4 - The Case of the Stolen Skateboard
Bored to Death, li. Ted Danson als George Chrostopher (c) HBO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inmitten dieses Trio Infernal sind die detektivischen Aufgaben eine so vergnügliche Nebensache wie die Gaststars: Da drückt Jim Jarmusch seinen Hintern in den Bananensattel eines Bonanzarads, Kevin Bacon sitzt „nur“ an der Bar.

Zugegeben, der Humor entwickelt sich in Bored to Death vergleichsweise langsam, dafür zielsicher, weswegen man aufpassen muss, dass man vor Lachen nicht mit dem Weißwein kleckert. Und mal ehrlich: zwischen den schwer verdaulichen Ernsthaftigkeiten von Homeland (2011) oder Breaking Bad (2008) kommt einem Jonathan Ames‘ Witz mehr als gelegen. Leider bieten die drei existenten Staffeln vergleichsweise wenig Serienstoff. Da trifft es sich gut, dass die Szene von einem Bored-to-Death-Spielfilm munkelt. Bis der anläuft, guckt man eben die DVDs, lacht, wenn Ted Danson sein komödiantisches Talent bei Curb Your Enthusiasm (2000) zeigt – oder man leiht einfach mal wieder eine Drei-Fragezeichen-Folge aus der Stadtbibliothek aus.

2011 verkündete HBO die Serie Bored to Death nicht weiter zu verlängern. Ab dem 23.10.2013 zeigt Sky die Wiederholung der ersten Staffel – jeweils zwei Folgen werden ab ab 22.00 Uhr gezeigt.

Über Lena Ackermann

Lena Ackermann teilt sich ihren Geburtstag mit Michael Jackson und hoffte jahrelang auf eine Einladung nach Neverland. Sie hat in Köln Geschichte studiert, in Hamburg bei einer Filmproduktionsfirma gearbeitet und in Berlin ein Volontariat beim Rolling Stone gemacht. Sie schreibt für Erwachsene und Kinder. Mittlerweile hat sie Graceland besucht – auf die Einladung nach Neverland wartet sie weiterhin.

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