Die Absurdität und Gefährlichkeit des Lebens

Zeig mir eine Sequenz und ich sage Dir, von welchem Regisseur sie stammt. Dieser Satz trifft auf einige Regisseure zu – David Lynch zum Beispiel, Wes Anderson oder aber auf Roy Andersson, dessen Stil so einzigartig ist, dass seine Filme auf den ersten Blick zu erkennen sind. Nicht jedem gefallen seine Filme, nicht jeder wird mit ihnen etwas anfangen können. Für mich jedoch gehört Andersson zu den Regisseuren, dessen Filme wie jedes gute Kunstwerk die Sichtweise auf das Leben ein wenig erweitert.

Anfänge

Geboren 1943 in Göteborg studierte Roy Andersson erst Literaturgeschichte und Philosophie, dann besuchte er ab 1967 die Hochschule des Schwedischen Filminstituts. Bereits sein Debütfilm Eine schwedische Liebesgeschichte (1970) war ein großer Erfolg sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern. Andersson erzählt mit wenigen Dialogen von der Liebe zwischen der Bürgerstochter Annika und dem Arbeiterkind Pär und traf damit einen Nerv bei den schwedischen Zuschauern. Sein Film wurde zum Mythos einer ganzen Generation und landete noch 2012 bei einer Umfrage nach dem besten schwedischen Film auf dem vierten Platz – vor dem ersten Bergman-Film Fanny und Alexander.

Nach diesem großen Erfolg mit seinem ersten Langfilm verspürte Andersson für seinen zweiten Film großen Druck – und das Drängen der Produktionsfirma, den Erfolg zu wiederholen, bedrückte ihn. Fünf Jahre später folgte dann Giliap, eine gnadenlose Persiflage auf den Kapitalismus. Dieser Film war ein deutlicher Gegenentwurf zu Eine schwedische Liebesgeschichte und fand weder bei den Zuschauern noch bei der Kritik Anklang. Da Andersson sein Gehalt ebenfalls in den Film gesteckt hatte, betraf der finanzielle Misserfolg auch ihn und er zog einen klaren Schnitt. In den nächsten 15 Jahren drehte er ausschließlich Werbefilme.

Ab in die Werbung

Diese Werbefilme u.a. für Kodak, SAP und Atari sind der perfekte Einstieg in Anderssons Werk. Sie zeigen bereits seinen ironischen Blick auf die Absurditäten des Lebens – und insbesondere die Spots für eine Versicherungsgesellschaft auch auf die Gefahren des Lebens.

Zugleich zeichnet sich hier Anderssons Stil ab: Die Kamera bleibt meist an einem Punkt und beobachtet die Szene. Dabei entsteht der Humor gerade durch den Verzicht auf Schnitte und Tempo – fast als wolle uns Andersson sagen, dass das Leben an sich absurd und schmerzlich genug sei, man müsse nur genau hinschauen.

Anderssons Werbefilme brachten Geld und Auszeichnungen, im Jahr 1981 gründete er mit dem Studio24 in Stockholm seine eigene Produktionsfirma und Werkstatt. Hier kann er seinen eigenen Stil verfolgen und seine künstlerischen Visionen verwirklichen. Nach Kurzfilmen kam daher nach einer fast 25-jährigen Pause im Jahr 2000 „Songs from the Second Floor“ in die Kinos.

Trilogie um das Menschsein

Charakteristisch für Andersson sind die weißen Gesichter des japanischen No-Theaters, die an einen Clown erinnern. Seine Figuren sind keine Individuen, sondern sie sind universell. Seine Filme bestehen aus einzelnen Sequenzen, deren Zusammenhang sich nur zum Teil offenbart, es sind erzählerische Vignetten über das Leben und Menschsein. Dabei sind die Sequenzen oft Tableaus, die Kulissen baut Andersson mit seinen Mitarbeitern selbst. Deshalb bewegen sich die Figuren tatsächlich in engen Räumen, manchmal ist das Pappmaschee noch zu erkennen. Diese Sequenzen verweisen auf die Akribie des Regisseurs, der oft tagelang winzige Veränderungen an einer Einstellung vornimmt.

Songs from the Second Floor ist eine Anderssons Vision von einer entmenschlichten Gesellschaft, in der ein kleines Mädchen der ewigen Jugend geopfert wird und die Toten die Lebenden verfolgen. Absurde Szenen stehen neben bitteren Momenten, in denen das Lachen nicht nur im Halse stecken bleibt, sondern man daran zu ersticken droht. Anderssons Filme sind nicht nur leicht, sie sind vielmehr machtvolle Kunstwerke über das Leben.

Sieben Jahre später folgte Das jüngste Gewitter, dessen Originaltitel Du levande – sinngemäß „Du Lebender“ – auf das Hauptanliegen aufmerksam macht. Nach Andersson sind wir alle schuldig, haben die Schuld geerbt, die Generationen vor uns aufgehäuft haben. Jeder Blick in die Kamera wirkt daher wie eine Anklage des Zuschauers. Haben in Songs from the Second Floor noch die Toten die Verfolgung aufgenommen, stürmen sie nun über die Lebenden hinein. Das Leben ist eine bittere Pille, wie der Psychiater in Das jüngste Gewitter sagt.

Songs from the Second Floor und Das jüngste Gewitter sind die ersten beiden Teile von Anderssons Trilogie um das Menschsein, die nun mit Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach abgeschlossen wird.

A pigeon Sat on a Branch © Photo NeueVisionen
A pigeon Sat on a Branch © Photo: NeueVisionen

In Venedig mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, ist dieser Film formal ebenso streng wie seine Vorgänger. In 39 erzählerischen Vignetten spürt Andersson der geringen Bedeutung der Worte nach, versinnbildlicht ein Leben, das immer mehr von Konsum und Besitz geprägt ist. Erstmals arbeitete er in diesem Film mit einer Digitalkamera, so dass seine ohnehin schon beeindruckende Tiefenschärfe noch stärker ausgeprägt ist. In Anderssons Filmen ist immer wichtig, was im Hintergrund geschieht. Die Figuren bewegen sich und sprechen kaum, vielmehr enthält das Bild alle wichtigen Informationen – die Position der Figuren sagt mehr aus als jede Dialogzeile.

Andersson beschreibt seinen Stil als „Trivialismus“, er will Triviales zu reizvollen Erfahrungen machen. Deshalb sind seine Bildkompositionen auf den ersten Blick banal, aber sie entfalten ihre ganz eigene Schönheit, in der der Mensch über seine Existenz nachdenken kann. Es ist die Aufgabe der Kunst, die Dinge sichtbar zu machen, die man nicht sieht – und genau das gelingt diesem Film. Anderssons Filme erfordern sehr viel Ruhe und genaues Hinsehen, aber dann offenbart sich die Weltsicht eines Regisseurs, die in ihrer Geschlossenheit und Kohärenz beeindruckt. Für mich ist er einer der Regisseure, die Filme noch als Kunst begreifen.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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