Eine kleine Heldengeschichte

Als ich noch ein Schulkind war, hatte er schon was Faszinierendes für mich – der kleine Wikinger Wickie.

Trotz seiner Ängstlichkeit schließt er sich, in der gleichnamigen Zeichentrickserie, den „starken Männern“ seines Dorfes an, um sie bei ihren Raubzügen auf hoher See zu begleiten. Stets ist Wickies Vater Halvar mit von der Partie. Dabei passt der Vater jedoch nicht auf den Sohn auf, sondern umgekehrt. Denn die Gefolgschaft von Vater Halvar, die „starken Männer“, ist eher einfältig und gerät durch unüberlegten Übermut immer wieder in scheinbar ausweglose Situationen. Dann tritt der clevere Wickie auf den Plan und ersinnt die rettende Lösung.

Wickie braucht keine Waffen oder sonstigen Hilfsmittel, seine Waffe ist sein Verstand. Hat er einen Plan ausgeheckt, reibt er sich an seiner kleinen Nase und ruft: „Ich hab’s!“ Dann ist für alle klar – auch für uns Zuschauenden -, jetzt wird alles gut. Denn keiner der Erwachsenen kann der Schläue Wickies das Wasser reichen.

Für mich war damals der kleine Trickfilm-Wickie der 1970er Jahre schon irgendwie immersiv*. Zu der Zeit zog ich mit meinen Eltern aus dem Frankenland ins entfernt gelegene Nordrhein-Westfalen. Um meiner in Franken zurückgebliebenen Uroma, die uns Kindern immer Geschichten erzählt hat, einen Einblick in mein neues Leben zu geben, nahm ich ihr einen Tag auf Kassette auf. Ich sprach ihr aufs Band, wann ich morgens aufstehe, wann ich zur Schule gehe, was wir in der Schule gemacht haben und wann ich wieder nach Hause komme. Am Nachmittag lief eine neue Folge von Wickie im Fernsehen. Ich wollte ihr eigentlich nur den Anfang davon auf Kassette aufnehmen, um ihr einen kleinen Höreindruck zu verschaffen. Also stellte ich den Kassettenrecorder neben den Fernseher und drückte auf „record“. Doch Wickie zog mich so sehr in seinen Bann und ins nächste seiner Abenteuer, dass ich darüber den Kassettenrekorder völlig vergaß und somit aus Versehen die gesamte Episode aufnahm. Wickie musste immer wieder in neuen Situationen klar kommen, das beeindruckte mich. Denn ich musste versuchen, in meiner neuen Umgebung heimisch zu werden und das war damals gar nicht so einfach.

Ich schickte meiner Uroma schließlich die Kassette, so wie ich sie aufgenommen habe, mit der gesamten Wickie-Folge. Auf diese Weise lernte meine Uroma Wickie und damit auch meine neue Welt kennen. Und die Kassette – die gibt es immer noch. Kleine, immersive* Helden überleben eben Zeit und Raum. Auch wenn sich Technologien ändern mögen.

*Die Bezeichnung „immersive Medien“ stammt eigentlich aus den Nullerjahren. Damit verbindet man 180° Grad oder gar 360° Grad Kino und Leinwandprojektionen, 3D Produktionen sowie neueste Surround-Systeme. Auf der Website www.immersive-medien.de heißt es dazu: „Die Auflösung der Grenze zwischen Mensch und Medium, das Eintauchen in den Raum eines Bildes, das Gefühl von körperlicher oder geistiger Anwesenheit in der Welt eines Filmes oder Buches […]“.

In der aktuellen tv diskurs finden Sie den Artikel Celebrity als Star, Vorbild, Idol und Held. In diesem sollen die Begriffe „Celebrity“ und „Star“ sowie „Vorbild“, „Idol“ und „Held“ einer näheren Betrachtung unterzogen werden, da sie häufig synonym verwendet werden. Dabei geht es insbesondere darum, die Bedeutungen und daran geknüpfte Vorstellungen bzw. Zuschreibungen zu skizzieren und – soweit möglich – diese voneinander abzugrenzen, aber ebenso Wandlungen aufzuzeigen, die sich durch den Gebrauch vollzogen haben.

Über Martina Schuegraf

Studium der Dipl.-Pädagogik und Magisterstudium Musikwissenschaft/Auditive Kommunikation. Selbstständige Tätigkeit und Forschungsleitung in der Markt- und Medienforschung, bei Fernsehsendern und in der künstlerisch-wissenschaftlichen Forschung. Dr. Martina Schuegraf ist Vertretungsprofessorin an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg im Studiengang „Digitale Medienkultur“. Sie ist in der Endphase ihres Habilitationsprojekts „Celebritykonstruktionen – Strategien der Inszenierung als spezifische Technologien des Selbst“.

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