Wer waren die Vorbilder/Helden Ihrer Kindheit und Jugend, Herr Felsmann?
Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo Vorbilder konstruiert worden sind, an denen sich dann alle orientieren sollten. Das hat mir schon als Kind intuitiv nicht besonders gefallen. Einmal sollten wir im Ferienlager ein Lied über das “Großvorbild” Ernst Thälmann, einen ehemaligen KPD-Führer, lernen. Da heißt es in der zweiten Zeile: „Kühn und beflaggt ist das Jahr.“ Mir kam über die Lippen: „Kühn und bekackt ist das Jahr.“ Das nahmen dann die anderen auf und der Gruppenleiter wurde immer wütender. Wir mussten daraufhin immer wieder das Lied singen. Erst hat es mächtig Spaß gemacht, doch dann merkten wir, irgendwie versauen wir uns so einen ganzen Ferientag. Wir haben also schließlich klein beigegeben. Für mich war aber seither klar: Vorbildkult ist humorlos und von daher eher nichts für mich.
Wer war für Sie in Ihrer Kindheit ein reales und/oder mediales Vorbild? Hatten Sie vielleicht sogar eine Figur, die Sie als Ihren Helden bezeichnen würden?
Ich denke, Heranwachsende suchen sich immer Vorbilder, die als Orientierungspunkte wahrgenommen werden. Für mich war das als reale Figur ein Radrennfahrer namens „Täve“ Schur. Mediale Vorbilder wurden zunächst der rote Kosaken-Haudegen Wanja Kotschubej aus dem gleichnamigen sowjetischen Film von Juri Oserow und dann Yul Brynner als Chris in John Sturges’ Western Die glorreichen Sieben.
Wie alt waren Sie, als diese Vorbilder in Ihr Leben „traten“? Was hat Ihnen an diesen Figuren/diesen Menschen gefallen?
Bei „Täve“ war ich neun Jahre alt. Auf dem Sachsenring fand 1960 die Weltmeisterschaft im Straßenradsport statt. Kurz vor Schluss des Rennens gab es eine Spitzengruppe mit dem starken Belgier Eric Vandenberghen und den beiden DDR-Fahrern „Täve“ Schur und Bernhard Eckstein. Vandenberghen achtete nur auf „Täve“, weil der schon zweimal Weltmeister geworden war. Doch der stellte seinen Ehrgeiz zurück, lenkte den Belgier ab und ließ Eckstein zum Titel fahren.
Die Filmhelden lernte ich mit zwölf Jahren kennen. Beim Western musste ich im Kino dafür sogar den damals geltenden Jugendschutz (14 Jahre) umgehen. Kotschubej und Chris alias Yul Brynner waren harte Typen, die sich für andere einsetzten, ohne sich selbst allzu sehr an geltende Konventionen anzupassen.
Wollten Sie so sein wie Ihre Vorbilder? Wie weit ging die Begeisterung?
Nach dem Weltmeisterschaftsrennen von 1960 wollte ich sofort ein richtiges Fahrrad haben. Meine Frisur habe ich im Verlaufe des Lebens ganz gut an Brynner angepasst, und an der Strahlkraft der Augen von Kotschubej-Darsteller Nikolai Rybnikow arbeite ich noch.
Waren diese Figuren/diese Menschen auch für andere ein Vorbild/Held?
Ja, das waren sie ganz gewiss.
Gab es auch Negativvorbilder – mediale oder reale Figuren –, denen Sie auf keinen Fall ähnlich sein wollten?
Die gab es sicher, doch ich habe sie, wahrscheinlich weil mit ihnen Negatives verbunden war, vergessen.
Seit Ihrer Kindheit/Jugend sind einige Jahre vergangen. Denken Sie manchmal noch an Ihre Begeisterung von damals? Wenn ja, würden Sie uns verraten, wer es ist und was diese Figur/diesen Menschen für Sie dazu macht?
Die beiden Filme stehen in meinem DVD-Regal, und bis zu dieser Veröffentlichung war es ein Geheimnis, dass ich sie mir immer mal wieder ansehe. „Täve“ tauchte nach 1990 als PDS-Abgeordneter im Bundestag auf. Da war ich eher enttäuscht ob des, wie ich fand, ziemlich schlichten Gemüts. Ich versuche ihn als Legende in Erinnerung zu behalten.
Herr Felsmann, vielen herzlichen Dank für das Interview!
In der aktuellen tv diskurs finden Sie den Beitrag Mutterkreuz im Nachttischkasten von Klaus-Dieter Felsmann.
