Science-Fiction war gestern? Roland Emmerich dreht Zeitgeschichte

Der gebürtige Stuttgarter feierte am 10. November seinen 60. Geburtstag und erfüllte sich mit Stonewall einen Herzenswunsch

Roland Emmerich ‒ an was denken Sie da zuerst? Vermutlich an bildgewaltige Endzeitszenarien, eingebettet in dramatische Einzelschicksale mit ungewissem Ausgang. Und dazwischen wehen immer ein paar mehr „Star Spangled Banners“ als bei seinen US-amerikanischen Regiekollegen. The Day After Tomorrow, 2012, Independence Day, 10.000 B.C., Godzilla, Stargate ‒ alles Filme, in denen tiefgründige Handlungsstränge gerne mal von Visual Effects und Pyrotechnik 2.0 verdrängt werden. Da klingt ein Film über die amerikanische Homosexuellen-Bewegung vergleichsweise unspektakulär. Immerhin kann Emmerich dabei weder auf (oft menschengemachte) Naturkatastrophen zurückgreifen noch lässt sich sein neuestes Katastrophenszenario auf Monster oder Aliens abwälzen.

Denn ‒ und das ist die wohl größte Neuerung in 60 Jahren Roland Emmerich ‒ die Geschehnisse in Stonewall sind tatsächlich passiert; in der Nacht zum 28. Juni 1969 nämlich, als das NYPD eine willkürliche Razzia in der Bar Stonewall Inn veranstaltete. Dort, in der Christopher Street im In-Stadtteil Greenwich Village, treffen sich seit jeher Homosexuelle und Transgender.

Im Film bekommt der fiktive Charakter Danny Winters (Jeremy Irvine) Kontakt zur Queer-Szene, nachdem er aufgrund seines Lebensstils aus der elterlichen Wohnung geworfen wird und auf der Straße landet. Er wird Teil jener Bewegung, die in einer lauen Frühsommernacht ihren Ursprung nimmt.
Denn zur Verwunderung der Polizei ließen sich die Menschen im Stonewall Inn nicht länger diskriminieren. Sie wehrten sich gegen fadenscheinige Verhaftungen und unfreiwillige Outings mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen: Flaschen, Tischblockaden und vieles mehr. Die Nachricht verbreitete sich rasch im Stadtviertel und so schlugen am Ende der Nacht 2.000 Homosexuelle und Transgender 400 Polizisten gewalttätig in die Flucht. Der Legende nach waren viele noch aufgewühlt von der Beerdigung der Schwulenikone Judy Garland am Vortag.

Danny Winters entgeht einer Verhaftung. So wird er unmittelbar Teil der jungen Bewegung, aus der das Christopher Street Liberation Committee hervorging, das ab 1970 den Christopher Street Day organisierte. Bis heute erinnert die bunte Parade weltweit an die Unruhen von 1969. Noch immer brandaktuell in einer Zeit, in der man selbst im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ offenbar tatsächlich noch immer darüber diskutieren muss, ob Menschen mit einem etwas von der Norm abweichenden Lebensmodell heiraten oder Kinder adoptieren dürfen.

Für den offen homosexuell lebenden Emmerich, dessen Krawall-Inszenierungen so gar nicht in gängige Schwulen-Klischees passen, war Stonewall schon lange eine Herzensangelegenheit. Nun beschenkt er sich damit selbst zum 60. Geburtstag.

Allerdings lässt der Stuttgarter, der schon im Vorfeld für die Wahl eines heterosexuellen Hauptdarstellers kritisiert wurde, seinen Protagonisten allzu aalglatt daherkommen. Der Regisseur sieht ihn ‒ neben einigen realen Darstellern ‒ als Stellvertreter für die US-amerikanische Homosexuellen-Bewegung der 1970er-Jahre. Der gerade obdachlos gewordene Danny Winters wirkt hingegen, wie aus einem „H&M“-Katalog entsprungen. Denn ganz ohne Hollywood-Klischees funktioniert es eben offenbar doch nicht.

Dabei kommt der Film mit überraschend wenig Pyrotechnik aus. Schnell hätte Stonewall zu einer Art Wochenend-Produktion neben den Vorbereitungen zu Independence Day 2 verkommen können. Zwar wird deutlich, dass halbwegs realistische Nacherzählungen von Tatsachen nicht Emmerichs bevorzugtes Genre darstellen. Zu klischeehaft wird da mit Typen gespielt; als wäre der Protagonist nicht im New York City der späten 1960er-Jahre, sondern vielmehr in Asterix‘ gallischem Dorf gelandet, das sich mit aller Macht gegen den Vormarsch des Römischen Reiches wehrt.
Emmerich inszeniert sein Homosexuellen-Epos quasi als Kampf des schmächtigen (und hier: schwulen) David gegen einen übermächtigen Hetero-Goliath, jedoch perspektivisch mit ungewissem Ausgang. Dennoch überzeugt sein Plädoyer für eine „friedliche Koexistenz“ durch Authentizität und Ehrlichkeit. Und hier schließt sich der Kreis: Einmal mehr legt Roland Emmerich den Finger in eine humanitäre Wunde, so als wolle er sagen: „Schau‘ her, Menschheit! Das kannst du doch besser!“

Abgesehen vom (zugegeben signifikanten) wirtschaftlichen Faktor war Emmerichs Risiko, einen solchen Film zu drehen, ohnehin denkbar gering: ein Ausflug in ein anderes Genre, um einen persönlichen Herzenswunsch zu erfüllen. Was kann da schon passieren? Das wird man ihm allemal verzeihen. Herzlichen Glückwunsch zum neuen Lebensjahrzehnt, Mr. Emmerich! Und bitte halten Sie sich nicht an das gesetzlich vorgegebene Rentenalter!

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

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