Stefan Raab hat fertig

Stefan Raab war noch nie ein Freund der leisen Töne. Seinen Abschied vom Fernsehen gab er ausgerechnet am Abend des 17. Juni bekannt: ein Aufstand im Namen des Fernsehvolkes – oder gegen das Fernsehen?

Unbenannt

War ihm das Fernsehen langweilig geworden, weil es außer seinen eigenen Produktionen – von TV total über Schlag den Raab bis zu einer unüberschaubaren Menge an Spin-offs (Wok-WM, PokerStars, Bundesvision Song Contest u.v.m.) kaum noch etwas Aufregendes gibt? Die wirklichen Gründe sind bisher nicht bekannt, aber sie sind auch nicht weiter wichtig. Denn: Stefan Raab war ein Unikum, ist ein Unikum und wird auch in Zukunft ein Unikum bleiben.

Ein Unikum war er bereits mit seinen ersten eigenen Sendungen auf VIVA, ab 1993. Vivasion war einerseits noch zeittypisch quietschbuntes post-MTV-Fernsehen, andererseits schon typischer Raab. Sein Humor kannte bereits damals keine Grenzen, Geschmacksgrenzen noch weniger. Wenn es jemals in Deutschland einen Menschen gegeben hat, der den alten amerikanischen Comedy-Lehrsatz „Lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Pointe“ konsequent beherzigt hat, dann Stefan Raab. Schon bei Vivasion wirkte Raab wie das nie wirklich erwachsen gewordene Kind, das an seiner Modelleisenbahn nicht der geregelte Fahrbetrieb interessiert hatte, sondern geile Entgleisungen und Zusammenstöße.

Ein Unikum im Fernsehbetrieb ist Stefan Raab bis heute: kreativ, geschäftstüchtig und beharrlich. Verrückte Ideen haben beim Fernsehen viele – aber nur Stefan Raab schafft es immer wieder, sie umzusetzen. Und: Er hasst es, zu verlieren. Kann man mit einem Wok eine echte Bobbahn herunterfahren? Machen wir eine Wok-WM. Der amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt bei einem Wahlkampfauftritt etwas lustig Gemeintes, das sich reimt? Daraus lässt sich ein Musikstück machen: “Hol mir ma ne Flasche Bier“. Castingshows sind scheiße, also machen wir eine eigene: SSDSDSSWEMUGABRTLAD (Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf). Außerdem ist Raab nach Thomas Gottschalks Abschied von Wetten, dass…? der Einzige, dessen Sendungslängen – mit Schlag den Raab – alle Grenzen sprengen können.

Stefan Raab © ProSieben/Willi
Stefan Raab © ProSieben/Willi

Aber Raab wird auch ein Unikum bleiben. Es wird beispielsweise nie wieder eine Late-Night-Show wie TV total geben. Der Aufbau der Sendung entspricht zwar den Regeln des Genres, aber nur ein Stefan Raab konnte so deutlich zu verstehen geben, dass es ihm vor allem um Musik und Gäste aus dem Musikgeschäft geht – alles andere war und ist, naja, irgendwie Routine. Wichtiger ist jedoch etwas anderes: Raab war der originäre deutsche Fernsehstar der MTV-Generation. Die, die nach ihm kommen, werden mit Fernsehen nur noch bedingt zu tun haben, da das Fernsehen insgesamt an Bedeutung verliert. Nach ihm kommt der Teil der YouTube-Generation, die sich aus welchen Gründen auch immer noch für Fernsehen interessiert. Mach’s gut Stefan … Hallo Jan?

Über Gerd Hallenberger

Dr. phil. habil. Gerd Hallenberger forscht als freiberuflicher Medienwissenschaftler über Fernsehunterhaltung, allgemeine Medienentwicklung und Populärkultur. Er lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Mitglied des Kuratoriums der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

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