Verrückte Geschichten und Pintxos

Das Filmfestival von San Sebastian präsentierte einem sehr gut gelaunten Publikum einen durchwachsenen Wettbewerb

Müsste ich das Filmfestival von San Sebastian mit zwei Worten charakterisieren, würde ich es als laut und liebenswert bezeichnen. Hier laufen die Menschen in Badehose und locker übergeworfenem T-Shirt an die Festivalkassen, um sich Karten für die Filme zu kaufen, zwischen den Filmen begegneten mir Surfer mit ihren Brettern unter den Armen, und im Pressezentrum gibt es zwar kein stabiles WLAN, aber Behälter mit Kondomen.

Überall stehen und reden die Menschen, und beim Festivaltrailer wird sogar in Pressevorführungen ab dem dritten Tag begeistert mitgeklatscht. Ohnehin scheinen das spanische Publikum und die spanischen Kollegen sehr begeisterungsfähig zu sein – ein einziger Film wurde ausgebuht, ansonsten gab es bei fast jedem Abspann mehr als nur höflichen Applaus. Und das kann nicht allein an den Filmen gelegen haben, denn die waren in diesem Jahr in der Mehrheit mittelmäßig.

Teatro Victoria Eugenia, San Sebastian 62. International Film Festival (c) Sonja Hartl
Teatro Victoria Eugenia, San Sebastian 62. International Film Festival

Highlights bei den „Perlen“

Das Programm in San Sebastian ist ein wenig unübersichtlich. Es gibt 17 Reihen, unter anderem zum kulinarischen und spanischen Kino. Außerdem laufen bei den „Perlas“ – wie der Name schon sagt – die Perlen von anderen Festivals. Hier gab es den Berlinale-Gewinner Bai Ri Yan Huo/ Black Coal, Thin Ice und den Cannes-Gewinner Kis Uykusu/Winter Sleep zu sehen, aber auch den großartigen schwarzhumorigen Film Relatos salvajes/Wild Tales aus Argentinien, der mir zum Ende des Festivals wirklich den Tag rettete – tagelang (unter-)durchschnittliche Filme zu sehen, zerrt nämlich an der Energie. In Relatos salvajes erzählt Damián Szifrón episodisch von Menschen, die aus verschiedensten Gründen ausflippen: Ein junger Mann lädt alle Menschen, die ihm seiner Meinung nach das Leben versaut haben, zu einer Reise ein und lässt das Flugzeug abstürzen, in dem sie sitzen; ein Ingenieur plant explosive Rache an einem Abschleppunternehmen; eine Frau rastet bei ihrer Hochzeit aus, als sie erfährt, dass ihr Bräutigam sie betrogen hat; und bei zwei Autofahrern eskaliert die übliche Drängelei auf einer Straße. Dabei findet Szifrón bei jeder Episode eine gute und überraschende Wendung, eine kleine Änderung in der Inszenierung, sodass sich keinerlei Redundanz einstellt und die bitterbösen Relatos salvajes bis zuletzt unterhalten. Deshalb freut es mich umso mehr, dass der Film am 8. Januar 2015 in den deutschen Kinos starten wird.

Licht und Schatten im Wettbewerb

Die Hauptreihe des Festivals ist aber der Wettbewerb, in dem die Filme laufen, die mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet werden können. Bei manchen Produktionen habe ich mich schon gefragt, wie sie in dieser Sektion gelandet sind. Insbesondere Murieron por encima de sus posibilidades ist wohl einer der schlechtesten Filme, die ich jemals gesehen habe. Er soll eine Satire über die Wirtschaftskrise sein, jedoch ist der Humor brachial, die Charaktere bemüht skurril und die Erzählweise platt. Weitaus besser macht es Magical Girl von Carlos Vermut, einer der besseren spanischen Filme im Wettbewerb, der dann am Sonntag auch mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet wurde. Vermut entwirft eine sehr eigene Welt voller beschädigter Figuren und sieht in Sadomaso-Sex eine Antwort auf die spanische Wirtschaftskrise. Mein Lieblingsfilm im Wettbewerb war indes The Drop von Michaël R. Roskam, der hierzulande vermutlich als letzter Film mit James Gandolfini vermarktet werden wird. Darüber hinaus ist er aber eine kluge, atmosphärisch dichte, toll gespielte und brillant fotografierte Adaption einer Kurzgeschichte von Dennis Lehane.

Deutsche Filme in San Sebastian

Im Wettbewerb und bei den „New Directors“ waren zudem zwei deutsche Filme zu sehen: Christian Petzolds Phoenix, der seit letztem Donnerstag in den deutschen Kinos läuft, und Limbo von Anna Sofie Hartmann – einer Dänin, die auch in Dänisch drehte. Da sie Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie ist, zählte ihr Langfilmdebüt als deutscher Beitrag. Phoenix ist ein grandioses Konstrukt und großartig gespielt, aber der Film funktioniert nur, wenn man über einige psychologische Unwägbarkeiten hinwegsieht. Und in Limbo scheint kaum Interesse an den Figuren zu bestehen, stattdessen blickt die Kamera beständig an ihnen vorbei. Deshalb konnten beide Beiträge mühelos den Ruf des kopflastigen deutschen Kinos bestätigen.

Über eine Fernsehserie

In der Reihe „Zabalgeti“ lief mit Bruno Dumonts P’tit Quinquin auch eine Fernsehserie, die ich eingeplant hatte – bis ich entdeckte, dass die ersten beiden Folgen bereits einen Tag vor Beginn des Filmfestivals auf Arte zu sehen waren. Es ist schade, dass damit dieser Serie zumindest in Frankreich und Deutschland – und Arte ist in Spanien ebenfalls zu empfangen – ein Teil der Aufmerksamkeit genommen wurde, die es sonst auf diesem Festival bekommen hätte. Denn hier läuft einfach zu viel anderes, als dass ich mir eine Serie ansehen würde, die ich im Fernsehen zu Hause auf dem Sofa gucken kann.

Insgesamt war es ein durchschnittlicher Filmjahrgang in San Sebastian, aber die Stadt am Meer hat sich von ihrer besten Seite gezeigt. Meistens war es warm, in jeder noch so kleinen Bar wurden leckere Pintxos serviert – und sogar mit meinem mehr als mäßigen Spanisch konnte ich mich durchschlagen. Nur über eines bin ich noch nicht ganz hinweg: Die Stadt San Sebastian kürzt sich mit SS ab, sodass überall T-Shirts mit der Aufschrift „I love SS“ zu kaufen sind. Das ist verstörend.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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