(De-)Konstruktion von Gender in den Medien

Zur Konstruktion von Geschlecht bei 11- bis 12-jährigen Kindern anhand der medialen Repräsentation von Gender in der Fernsehserie „Berlin – Tag und Nacht“

Der medius ist ein Preis, der wissenschaftliche und praxisorientierte Abschlussarbeiten aus dem deutschsprachigen Raum würdigt, die sich mit innovativen Aspekten der Medien, der Pädagogik oder des Jugendmedienschutzes auseinandersetzen. Der Preis konzentriert sich auf den Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis, fördert interdisziplinäre und internationale Perspektiven. Er wird jährlich von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), dem Deutsche Kinderhilfswerk e.V. (DKHW), der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und der Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF) im Rahmen einer Medienfachtagung verliehen.

Nadine Grau ist eine der medius-Preisträgerinnen 2015 und wurde für ihre Arbeit zum Thema (De-)Konstruktion von Gender in den Medien – Zur Konstruktion von Geschlecht bei 11- bis 12-jährigen Kindern anhand der medialen Repräsentation von Gender in der Fernsehserie „Berlin – Tag und Nacht“ ausgezeichnet. Heute stellt Sie ihre Arbeit im Blog vor – eine ausführlichere Besprechung folgt in einer der kommenden tv diskurs-Ausgaben.

Nadine Grau, medius-Preisträgerin 2015

Können Sie in wenigen Sätzen erläutern, was die Fragestellung Ihrer Arbeit ist, was genau Sie untersucht haben und zu welchen Ergebnissen Sie gekommen sind?

Medien gelten neben Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Peers als Mittler gesellschaftlicher Werte. Auch bezüglich der Reproduktion von Geschlechterdarstellungen wird ihnen eine zentrale Rolle zugesprochen. Davon ausgehend entwickelte ich die Forschungsfrage, wie Kinder vor der Pubertät anhand medialer Repräsentation Geschlecht konstruieren und wie sie im Fernsehen dargestellte Männlichkeit und Weiblichkeit bewerten. Hierfür untersuchte ich die derzeit bei der Zielgruppe sehr beliebte Daily Soap Berlin – Tag und Nacht daraufhin, wie Geschlecht konstruiert, stereotypisiert bzw. untypisch dargestellt wird. Für die Rezeptionsanalyse führte ich Interviews und eine Gruppendiskussion mit 11- und 12-jährigen Kindern durch.

Die Untersuchung belegt , dass die von dem Soziologen Hirschauer entworfene Theorie zur Geschlechterkonstruktion (vgl. 1989; 1993) nicht nur auf reale Interaktionen bezogen werden kann, sondern auch auf die Aneignung von Medieninhalten zutrifft und die Sendung vielfältiges Material bietet, Geschlecht anhand stereotyper sowie untypischer Repräsentationen zu konstruieren und zu dekonstruieren. Es zeigt sich, dass die Kinder bei der Frage, welche Figuren sie als typisch weiblich bzw. männlich wahrnehmen, auf gesellschaftliche Stereotype zurückgreifen und somit gängige Klischees verinnerlicht haben.

Eines der interessantesten Ergebnisse ist, dass die befragten Jungen Figuren bevorzugen, die traditionellen Männlichkeitsentwürfen entsprechen und nicht typisch männliche Rollen deutlich ablehnen. Im Gegensatz dazu scheinen die Mädchen den neuen Geschlechterbildern gegenüber aufgeschlossener. Hier kann an die Theorie der Soziologin Wetterer (vgl. 1995) angeschlossen werden, die besagt, dass für Jungen und Männer mit den Geschlechterverwischungen eher ein Machtverlust einhergehe, während für Frauen mit der Aneignung männlich konnotierter Merkmale ein Machtgewinn möglich sei. Die Mädchen hinterfragen die stereotypen Rollenbilder durchaus kritisch und stellen als typisch weiblich wahrgenommene Figuren als unattraktiv dar. Alle befragten Rezipientinnen bezeichnen ihre jeweilige Lieblingsrolle als untypische Frau und beschreiben sie als beschützend und selbstbewusst. Dies zeigt ein Bedürfnis der Mädchen nach unkonventionellen Frauenfiguren. Leider ist das Medienangebot des deutschen Kinderfernsehens diesbezüglich sehr beschränkt. Die medienpädagogische Empfehlung ist daher, bestehende Formate des Kinderfernsehens zu überarbeiten bzw. zu entwickeln, um ähnliche Möglichkeiten der Dekonstruktion von Geschlecht anzubieten.

Noch wichtiger als der Wandel der fiktiven Geschlechterbilder ist jedoch die Veränderung des realen Geschlechterverhältnisses, in dem Kinder und Jugendliche aufwachsen und das auch die Mediendarstellungen beeinflusst. Heranwachsenden sollten stärkere Bezüge zu nicht traditionellen Geschlechterentwürfen im (pädagogischen) Alltag geboten werden, wobei herausgefunden werden sollte, wie sie vor allem für Jungen an Attraktivität gewinnen könnten.

Wo kann man Ihre Arbeit lesen oder wie kann man sie beziehen?

Meine Arbeit kann über die Bibliothek der Alice-Salomon-Hochschule bezogen werden. Leser Ihres Blogs an der Arbeit interessiert sein, können sie mir eine Anfrage über nadine-grau@outlook.de senden.

Weitere Veröffentlichungen der medius-Preisträger 2015

Thomas Rakebrand, mit seiner Masterarbeit Gehört das dann der Welt oder YouTube? Junge Erwachsene und ihr Verständnis vom Urheberrecht im Web 2.0 ist ebenfalls diesjähriger mediusPreisträger. In der aktuellen tv diskurs 3/2015 ist eine Besprechung seiner Publikation, die aus seiner prämierten Masterarbeit hervorgegangen ist, erschienen. Die Besprechung wurde bereits vor der Jury-Entscheidung verfasst und erfolgte unabhängig von der Preisvergabe. Sie steht hier als Download zur Verfügung.
Bereits im August haben wir im Blog die Kurzvorstellung der 2. medius-Preisträgerarbeit von Melanie Pfeifer LOL!? – Eine qualitative Untersuchung zu subjektiven Bewertungen von Online-Konflikten unter Jugendlichen veröffentlicht.

Zum medius 2016

Ausgezeichnet werden Abschlussarbeiten aus dem deutschsprachigen Raum, die sich mit innovativen Aspekten aus dem Medienbereich, der Pädagogik oder dem Jugendmedienschutz auseinandersetzen. Im Vordergrund stehen die Kriterien Interdisziplinarität (Impulse, die Medientheorie und Praxis mit anderen Disziplinen der Sozialpädagogik oder Schulpädagogik verbinden), Theorie-Praxis-Verbindung (die sinnvolle Verbindung und kritische Reflexion von Medientheorie und -praxis, eine Beschäftigung mit der Lebenswelt von Kindern und deren Chancengleichheit sowie ihrer Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen ist hierbei im besonderen Maße erwünscht) und Internationalisierung (Arbeiten, die unter Berücksichtigung der internationalen Forschungslage die aktuelle Medienentwicklung reflektieren).

Es können Arbeiten von Fachhochschulen und Hochschulen eingereicht werden, die 2014 oder 2015 abgeschlossen worden sind (i.d.R. BA, Master, Magister, Diplom, Staatsexamen). Vorschlagsberechtigt sind die betreuenden Dozentinnen und Dozenten. Die Absolventinnen und Absolventen können ihre Arbeit auch selbst einreichen, wenn sie den Nachweis erbringen, dass diese mit „sehr gut“ bewertet worden ist. Beigefügt sein müssen eine ein- bis zweiseitige Zusammenfassung der Arbeit, die Abschlussarbeit als PDF auf CD, eine Begründung, warum die Arbeit für den medius vorgeschlagen wird und, sofern vorhanden, das Gutachten der Dozentin bzw. des Dozenten.
Einsendeschluss ist jeweils der 30. November.

Quellen:
Hirschauer, Stefan (1989): Die interaktive Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit. In: Zeitschrift für Soziologie Jg. 18. Heft 2. 1989. S. 100 – 118.

Hirschauer, Stefan (1993): Dekonstruktion und Rekonstruktion. Plädoyer für die Erforschung des Bekannten. In: Feministische Studien 11. Heft 2. 1993. S. 55 – 67.

Wetterer, Angelika (1995): Dekonstruktion und Alltagshandeln. Die (möglichen) Grenzen der Vergeschlechtlichung von Berufsarbeit. In: Wetterer, Angelika (Hrsg.) (1995): Die soziale Konstruktion von Geschlecht in Professionalisierungsprozessen. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag. S. 223 – 246.

Über Nadine Grau

Nadine Grau schließt gerade ihr Masterstudium Bildungswissenschaften an der Freien Universität Berlin ab. Seit März 2015 ist sie als Medienpädagogin im Medienkompetenzzentrum Steglitz-Zehlendorf in Berlin tätig, seit 2013 als freie Dozentin und Medientrainerin für Schule, Jugendarbeit und Familie.

16. September 2015 von Nadine Grau
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