Neuer Puritanismus oder Verfahrensfehler?

Zur Zeit gucke ich sehr viele französische Kriminalfilme, ich habe gerade eine Reihe über den Film noir fertigstellt, mein Herz an Jean Gabin und diese Traurigkeit in den Verbrechensfilmen verloren. In Unter falschem Verdacht von Henri-Georges Clouzot gibt es dann eine erstaunliche Szene, in der der in einem Mord ermittelnde Kommissar hinter den Kulissen eines Varietés auf eine Tänzerin trifft, die ihre Garderobe verlässt. Ihr Kostüm besteht aus drei winzigen Teilen, die die Brustwarzen und die Scham bedecken. Dieser Film ist aus dem Jahr 1947 – und selbst wenn man bedenkt, dass in Frankreich ein freierer Umgang mit Nacktheit und Sexualität herrscht, war ich überrascht. Diese Freizügigkeit spiegelt sich aber bis heute in großzügigeren Altersfreigaben wider: Stanley Kubricks Eyes Wide Shut beispielsweise, in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben, erhielt in Frankreich keine Altersbeschränkung. Dafür sind neben dem anderen Verhältnis zur Nacktheit zwei weitere Faktoren entscheidend: Im liberalen Frankreich müssen zwar alle Filme einer Kommission (Commission de classification des œuvres cinématographiques) vorgelegt werden, um ein obligatorisches visa d’exploitation zu erhalten, aber es gilt der Grundsatz, dass alle Filme frei zugänglich sein sollen. Die Meinungsfreiheit wird hochgehalten, also kommt die deutliche Mehrheit der Filme ohne Altersbeschränkung ins Kino.

Deshalb haben mich zwei Meldungen aus Frankreich neugierig gemacht. Im vorigen Jahr startete Gaspar Noés 3D-Film Love mit der Altersfreigabe ab 16 Jahren im Kino – wie Nymphomaniac I und Noés Irreversible –, dann wurde die Freigabe jedoch auf 18 Jahre erhöht. Fraglos ist der Film sexuell explizit. Der erigierte Penis des Hauptdarstellers ist mehrfach im Bild, es gibt einen cum shot und sehr viele, sehr bildliche Sex-Szenen.

Love von GASPAR NOÉ  © Alamode Film

Love von GASPAR NOÉ © Alamode Film

Daher ist die Freigabe ab 18 Jahren in Deutschland wenig verwunderlich – aber in Frankreich? Einem Land, in dem Blue is the warmest color ab 12 Jahren gesehen werden konnte? Noch erstaunlicher ist indes der Weg zu dieser Altersfreigabe: Love durchlief die Kommission, die eine Freigabe ab 16 empfahl. Dann kam es zu einer Klage – und ein Verwaltungsgericht in Paris entschied, dass die Ausstrahlung ausgesetzt werden muss, so dass schließlich die Altersfreigabe hochgesetzt wurde. Noch kurioser ist, dass im Februar 2016 Antichrist von Lars von Trier in Frankreich verboten wurde. Ja, der Film aus dem Jahr 2009, der bereits in Kinos zu sehen und auf DVD zu kaufen war, ist nun verboten. Auch hier hat abermals ein Verwaltungsgericht in Paris entschieden, einer Klage stattzugeben – nicht zum ersten Mal. Zweimal wurde bereits gegen den Film vorgegangen, zweimal stellten Gerichte Formfehler fest, die dann beseitigt wurden. Das dritte Urteil hat nun aber eine inhaltliche Begründung, nach der die Szenen von hoher Gewalt und nicht simulierter Sexualität nicht für Zuschauer ab 16 Jahren geeignet seien.

Nun könnte man meinen, dass in diesen Entscheidungen eine allgemeine Trendwende zu sehen ist: Frankreich wird strenger in Altersfreigaben, die Freiheit ist in Gefahr. Jedoch muss man genauer hinsehen. Hinter den Klagen steckt stets die fundemental-katholische Vereinigung Promouvoir, die von rechtskonservativen Anwalt André Bonnet vertreten wird. Hier wird es nun schwierig. Bonnet ist auch bekannt als Patrick André, hatte wohl mal Verbindungen zum Front National, manche vermuten gar, diese Vereinigung existiere gar nicht, sondern sei nur der Deckmantel für seinen Kampf gegen Gewalt und Sexualität. Bonnet versteht sich als Verteidiger der jüdisch-christlichen Werte und Beschützer der Jugend – und dazu gehört der Kampf gegen Sex-Szenen, Gewalt – und Homosexualität. Deshalb klagte er auch gegen die Freigabe von Blue is the warmest color, Fifty Shades of Grey, Baise-Moi und Lars von Triers Nymphomaniac-Filmen. Alles Filme, in denen Sexualität nicht nur gezeigt, sondern auch thematisiert wird.

Nun gibt es in Frankreich nach den Anschlägen von Paris ohnehin eine erhöhte Alarmbereitschaft sowie Sensibilität gegenüber Inhalten, die sich mit dem Islam oder Terrorismus befassen. Doch bevor man von einem neuen Puritanismus in Frankreich spricht, sollte man meiner Meinung nach ein Blick auf das Verfahren an sich werfen: Anscheinend reicht eine einzige Klage, um das gesamte französische Filmfreigabesystem auszuhebeln. Und die nächsten Filme soll Promouvoir/Bonnet/André schon im Visier haben: Fluch der Karibik und Jurassic World.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

30. Mai 2016 von Sonja Hartl
Kategorien: Diskurs, Jugendmedienschutz | Schlagwörter: , , , , , | Schreiben Sie einen Kommentar

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