„Generation Porno?“ Internetpornografie & Sexting als Themen in der Jugend- und Heimerziehung

„Generation Porno?“ Internetpornografie & Sexting als Themen in der Jugend- und Heimerziehung von Eva Borries (c) FSFKürzlich erhielt ich von einer Fachschule für angehende Jugend- und Heimerzieher den Auftrag, im Rahmen einer Projektwoche einen Workshop über das Thema „Sexualität“ anzubieten. Das Interesse an meiner Arbeit wurde durch meinen Artikel in der tv diskurs über das Workshopkonzept „Generation Porno? Jetzt entscheide ich!“ geweckt. Die Schule entschied daraufhin, dass es sinnvoll ist, Internetpornografie (und das Sexting) zu integrieren, als Teil der heutigen Sexualität vieler Jugendlicher. Gerade bei Arbeit in Jugendheimen ist es wichtig, sich mit Pornografie auszukennen, denn Heimerzieher sind wichtige Vertrauenspersonen. Sie brauchen daher praktisches Handwerkszeug, um Fälle aufzuarbeiten, eine geeignete Sprache; eine Haltung zum Thema und vor allem „Türöffner“, um an das peinliche Gebiet Porno heranzukommen. Da passt unser Workshop ideal. In der Gruppe befinden sich Männer und Frauen, was unserer Forderung nach einem gemischtgeschlechtlichen Referententeam entspricht – und den Workshop umso spannender macht.


Kennenlernen und die Stimmung lockern

Die erste Übung lockert die Stimmung auf: Jeder erhält fünf Begriffe, die aus der aktuellen Medien- und Jugendwelt stammen. Untereinander darf nun je nach Passung getauscht werden. Bei der Auswertung im Plenum erläutern die Begriffe, die ihnen nach dem Tauschen gehören. Die meisten haben nun Begriffe, die zum eigenen Mediennutzungsverhalten und in die Lebenswelt passen, einige Begriffe wurde man dagegen nicht los. Mit Absicht haben wir auch peinlichere Begriffe wie Selbstbefriedigung, youporn oder „unten rum rasiert“ eingebaut, die nun zur Sprache kommen. Praktisch für uns, denn auch das Thema „Pornografie“ kommt beiläufig auf den Tisch. Die Übung eignet sich nicht nur für Erwachsene gut, sondern auch, um mit Mädchen oder allgemein mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Begriffsklärung und Verständnis: Pornografie? Was ist das eigentlich?„Generation Porno?“ Internetpornografie & Sexting als Themen in der Jugend- und Heimerziehung von Eva Borries (c) FSF

Was bedeutet Pornografie für mich und wie definiert es der Gesetzgeber? Wo sind eigene und rechtliche Grenzen? Was ist okay, was geht gar nicht? Nun trennt ein Seil den Raum in zwei Pole, wobei der eine Pol Erotik und der andere Pornografie heißt. Mithilfe einer Auswahl an Bildern (wobei sich diese explizit nur für die erwachsene Zielgruppe eignet, da zwar nicht pornografisch, aber z.T. sehr konkret) soll jeder seine eigene Position einnehmen: Ist das schon Pornografie, oder noch Erotik? Dadurch entsteht ein spannendes Gespräch über Definitionen, eigene Einstellung, über Ästhetik und die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Von uns werden im Gespräch wichtige Fakten eingebaut, die den Teilnehmer praktisch helfen können, Entscheidungen zu treffen. Es zeigt sich u.a., dass Mädchen Grenzen früher ziehen als Jungen[1]. So auch in der Gruppe: Die Frauen stehen stets einen Schritt entfernt von den Männer. Gruppendynamik oder Geschlechtereffekt? In jedem Fall spannend. Die Übung ermöglicht, abgewandelt für das entsprechende Alter, viele Gespräche und das Aufgreifen von Vorurteilen mit jungen Menschen.

Ebenso wichtig: Fakten und Know-how als Grundlage für die Praxis

Was ist bei Pornografie erlaubt, was ist verboten? In welchen Grauzonen bewegen wir uns bei Sexting? Worauf müssen Pädagogen in konkreten Sexting-Fällen achten? In einer Mischung aus Vortrag und Gespräch zeigen wir, dass bei Sexting eine Stigmatisierung des Opfers als „schuldig“ einfach ausgesprochen ist. Auch im Workshop müssen wir betonen: Niemand ist „selber schuld“. Es ist ungemein wichtig, dass Erwachsene bei Sexting von einfachen Schuldzuweisungen absehen. Zudem gilt es, den Systemcharakter zu erkennen: einen Sexting-Fall befeuern immer mehrere. Nicht nur der- oder diejenige, die den Sext, also die beim Sexting versendete Nachricht veröffentlicht, sondern auch diejenigen, die die Inhalte liken und teilen. Jungen sind entgegen vieler Annahmen ebenso betroffen wie Mädchen. Rechtlich gilt es zu wissen: Nur in seltenen Fällen handelt es sich um Kinder- und jugendpornografischen Bildern, ein Teenie in Unterwäsche hat noch nichts mit Pornografie zu tun. Viel häufiger wird der höchstpersönliche Lebensbereich eines Menschen und das Recht am eigenen Bild verletzt. Außerdem schärfen wir die Wahrnehmung für die Gefühle und Empfindungen von Jugendlichen bei der Konfrontation mit Pornos. Pornografie wird bewusst aufgesucht, aus Neugier und Unterhaltungszweck, was Erregung und Lust auslöst. Und doch ist nicht alles geil, was nackt ist. Viele erleben Pornografie ungewollt, fühlen Ekel, Scham und Wut. Sie sind umso blockierter, wenn sie eigentlich um Hilfe bitten wollen. Ist man in der Praxis mit diesem Wissen ausgestattet, beobachtet man die eigene Jugendgruppe anders.

Die Sicht der Menschen auf der Straße als Spiegel der Gesellschaft

Abschließend diskutieren wir mithilfe einer Sequenz aus dem Filmprojekt Geiler Scheiss über Ansichten zum Thema Pornografie: Wie ist die Wahrnehmung von Frauen und Männern in der Sequenz in Bezug auf Pornos? Welchen Einfluss von Pornografie sehen die Befragten im Hinblick auf Partnerschaften? Außerdem diskutieren wir die heikle Frage, ob und ab wann mit dem Thema „Pornografie“ präventiv begonnen werden soll. Der Konsens nach dem heutigen Tag: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Darüber reden muss man allerdings zwangsläufig irgendwann einmal. Richtig so. Jede Schulklasse, jede Jugendgruppe und jeder Jugendliche reagiert anders, beginnt früher oder später, und braucht entsprechend anderen Input. Umso wichtiger, dass Pädagogen – egal ob in der Schule, in der Heimerziehung, in der Jugendhilfe oder in der Schulsozialarbeit – darauf vorbereitet sind. Der Workshop Generation Porno hat in Heidelberg ein ganzes Stück dabei geholfen – sagt unser Gefühl und bestätigte das anschließende Feedback der Gruppe.

[1] .Dabei nehmen wir Bezug auf die Studie Porno im Web 2.0 (Grimm et al., 2011), in der Geschlechterunterschiede gut herausgearbeitet wurden.

Über Eva Borries

Eva Borries ist Diplom-Medienpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Landau. Außerdem arbeitet sie deutschlandweit als Referentin für Medienkompetenz. Sie entwickelt individuelle medienpädagogische Fortbildungen, Vorträge und Workshops.

21. August 2014 von Eva Borries
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