Was ist die Liebe gegen einen Diamantanhänger?

Am heutigen Nachmittag um 16 Uhr läuft das neue Format Kiss or Cash auf RTL II an. Es ersetzt die Nachmittagssendung Privatdetektive im Einsatz in Los Angeles.

In Kiss or Cash geht es um die Anbahnung von Liebesbeziehungen. Auf der Ferieninsel Ibiza haben sechs junge Frauen fünf Tage lang Zeit, um einen Mann zu bezirzen – mit Charme, Chic, Erotik und guten Ideen, wie die langen Tage herumzubringen sind. Jeden Abend verteilt der Umworbene vier Armbandanhänger an diejenigen Frauen, mit denen er sich besonders gut verstanden hat. Doch wenn er sich dann endlich für die eine Dame seines Herzens  entschieden hat, hält sie das Heft des Handelns in der Hand. Denn nun kann sie sich für „kiss“ entscheiden und sich mit ihrem Verehrer einlassen ­­­– oder für „cash“. Dann tauscht sie ihre Armbandanhänger für 50 Euro pro Stück in Bargeld um und lässt ihn stehen.

Die Serie richtet sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum, das sich entwicklungsbedingt in einer vergleichbaren Problemlage befindet wie die Dauerflirter auf Ibiza: Was gefällt dem anderen Geschlecht? Wie wirke ich unwiderstehlich? Wie kann ich mich gegen die (weibliche) Konkurrenz durchsetzen, und wie fühlt es sich an, wenn ich wirklich verliebt bin? In der Serie setzen die jungen Frauen auf Altbewährtes wie Posieren, Berührung, Geschenke, theatralische Szenen oder Bemutterung. Dazu passt die im Konzept vorgegebene Rolle des großzügigen Mannes, der das erotisch übergehauchte Gefallen allabendlich mit Diamantanhängern belohnt. Ein launiger Kommentar fasst das harmlose Geschehen zusammen und ordnet es ein – allerdings nicht für den Wissens- und Erfahrungshorizont von Kindern.

Nun ist es nicht so, dass die Protagonisten die sorglose Zeit auf Ibiza genießen und sich amüsieren, wie man es bei satten, gesunden, jungen Menschen im Urlaubsmodus erwarten könnte. Ganz im Gegenteil. Unter den Frauen wird gezickt und gezetert, als fehlten ihnen elementare kommunikative und soziale Fähigkeiten – was vermutlich weniger an den Persönlichkeiten liegt als an den Vorgaben der Produktion. Der Umgang zwischen den Geschlechtern ist hingegen überwiegend freundlich, behutsam und vorsichtig. Die Äußerungen zum Thema Sex grenzen an Prüderie, und Alkohol ist kaum im Spiel.

Es kommt auch nicht zur Sprache, welche Wünsche und Träume, Sorgen und Nöte die potenziellen Partner haben. Wie sie die Welt sehen, sich die Zukunft vorstellen oder was sie bisher geprägt hat, bleibt im Dunklen. Die Beteiligten entwickeln daher kein Profil und wirken wie Marionetten in einem rigiden Konzept, das keine Persönlichkeiten zulässt. Die verbissene Suche nach der großen Liebe wird so gleichzeitig behauptet und karikiert.

Es ist anzunehmen, dass ab 12-Jährige den Realitätsgehalt der Sendungen und das Ausschnitthafte schon einschätzen oder zumindest erahnen können. Kindlichen Zuschauern unter 12 Jahren suggeriert die ganze Machart hingegen noch Authentizität. Daher stellt sich aus Perspektive des Jugendschutzes in erster Linie die Frage, ob das Format attraktiv genug ist, um die Selbstbilder, Körperbilder und Rollenbilder von älteren Kindern in entwicklungsbeeinträchtigender Weise zu beeinflussen.
Der FSF wurden drei Episoden zur Prüfung vorgelegt, die Dokusoap Kiss or Cash wurde für Zuschauer ab 12 Jahren verbunden mit einer Ausstrahlung im Tagesprogramm freigegeben. Zur ausführlichen ProgrammInfo zur Sendung Kiss or Cash auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Susanne Bergmann

Susanne Bergmann ist Dozentin und Autorin, u.a. für den Kinderfunk von rbb und dlr. Seit 1995 Prüferin bei der FSF. Seit 2020 Ehrenamtliche Richterin am Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen.