#BerlinerMauer – das Paradoxon „Privatheit“ heute

…oder wo wir eine weitere Leerstelle in der Medienpädagogik bearbeiten müssen.

Gerade lese ich ein Buch, das mir mein Vater geschenkt hat. Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben, die Biografie von Marianne Birthler. Frau Birthler war von 2000 bis 2011 die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) und blickt auf ein – besonders politisch – bewegtes Leben zurück. Ihr Leben ist (auch, nicht nur) geprägt vom Leben in und mit dem Regime DDR und der darin fortwährenden Überwachung durch den Staat. Mit dem (Ost-)Teil der Geschichte meines Landes habe ich mich – wie konnte das eigentlich passieren? – erst als junge Erwachsene intensiv beschäftigt und damit bin ich nicht allein. Viele Menschen verbinden mit der ehemaligen DDR nur unwesentlich mehr als Trabbi oder maximal den Mauerfall. Was hinter dem eisernen Vorhang an Menschenrechts- und Persönlichkeitsverletzungen vor sich ging, das wissen immer noch erschreckend wenig Menschen.

Beitragsbildinsta#BerlinerMauer

Und damit sind wir mitten in einer aktuellen Paradoxie: Es gibt bei Instagram den Hashtag #BerlinerMauer (mehr als 40.000 Markierungen). Für diesen Hashtag posen die User, zumeist junge Menschen, im Selfiestyle vor den Resten der Berliner Mauer. Die Frage, wofür diese Mauer wirklich steht (nämlich Aus- und Eingrenzung und Überwachungsstaat!) und welche Parallele das eigene Smartphone dabei darstellt (nämlich moderne Überwachung und Entgrenzung des Privaten), ist den wenigsten bewusst. Die doppelte Bedeutung der „Überwachung“ früher und heute zu erklären, aufzuklären und die neuen Formen der Überwachung im Netz zu benennen ist eine zentrale Aufgabe der Medienpädagogik – erkenne ich in diesen Tagen einmal mehr.  Über das Kapitel „DDR“ wird offensichtlich viel zu unpräzise diskutiert und gesprochen – wären wir sonst nicht ein bisschen achtsamer, umsichtiger und kritischer in Bezug auf die Dauerüberwachung im Netz? Dabei ist das Thema aktueller denn je und betrifft jeden. Der wichtige Unterschied zwischen unserer Zeit und der ehemaligen DDR ist, dass wir in Frieden und Freiheit leben dürfen. Aber das darf uns nicht unkritischer machen. Beim Lesen der Biografie frage ich mich immer wieder: Wie hielt Frau Birthler den Zustand der Überwachung aus, wissend, dass immer jemand mitlas, dass man erfasst und kontrolliert wurde, dass jemand anderes entschied, ob man diese oder jene Möglichkeit nutzen, kaufen, wählen konnte? Und dann frage ich mich, ob Frau Birthler wohl heute ein Smartphone hat, ob sie Google, WhatsApp und andere Datenkraken nutzt? Hat sie schon mal registriert, wie ihr dank Cookies Vorschläge für auf sie „zugeschnittene“ Seiten gemacht wurden? Was hält sie von Ortungsdiensten? Verschlüsselt sie ihre Mails? Wie bewertet sie die Abhörskandale im letzten Jahr, die Anpassung der Datenschutzgesetze, Vorratsdatenspeicherung zur „Bekämpfung von Kriminalität“ und die Debatte um das „Ende der Privatheit“? Wie bewertet sie als Mutter und Großmutter den unkritischen Umgang unserer Generation mit dem kostbaren Gut Privatheit?

Blinde Flecken und Leerstellen in der Medienpädagogik: Überwachung 2.0

Ortswechsel: Aachen vor einigen Tagen. Anlass: die Frühjahrstagung der Sektion Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehung (DGfE). Viele Stimmen kommen zu Wort, um aktuelle Spannungsfelder und blinde Flecken in der Medienpädagogik zu diskutieren. Prof. Dr. Isabel Zorn (FH Köln) arbeitet in ihrem Vortrag eine besondere Herausforderung der Medienpädagogik heraus: die Aufgabe, nicht nur Jugendlichen, sondern der ganzen Gesellschaft den Umgang mit „Privatheit“ wieder in Erinnerung zu rufen. Warum, beanstandet sie, ist nicht längst ein Aufschrei durch die Bevölkerung gegangen, blickt man auf die weltweite Datensammelei im Netz? Als Gegenstück erinnert sie an das Volkszählungsurteil 1983 und daran, wie vehement sich Deutsche damals gegen eine Erfassung ihrer Daten wehrten. Aus heutiger Sicht handelt es sich fast um eine „Banalität“, wofür die Menschen damals auf die Straße gingen, verglichen mit den Big-Data-Dimensionen heute. Und was machen die Nutzer im Zeitalter der Digitalisierung? Akzeptieren jede Zwangsänderung der AGB bei Facebook ohne Murren, nehmen Hacker- , Abhörskandale und Datenlecks schicksalsergeben hin und bleiben weitestgehend stumm. Prof. Dr. Zorn erinnert – und damit ziehe ich die Parallele zum Buch – auch an die Bedingungen in der ehemaligen DDR, wo Überwachung systematisch und verbrecherisch vollzogen wurde und man der Kontrolle durch das Regime hilflos und z.T. ahnungslos ausgeliefert war. Telefone, geöffnete Briefe, heimlich aufgenommene Bilder und Protokolle über den Verlauf des Alltags waren an der Tagesordnung. Viele Dokumente dieser Zeit finden sich im BStU in Berlin.

Die Paradoxie der modernen Überwachung: wir akzeptieren

Und heute? Die moderne Form der Überwachung scheint legal, transparent, sichtbar und – welche Paradoxie – wir stimmen ihr jedes Mal, wenn wir eine App herunterladen oder ein neues Smartphone kaufen, bei Amazon shoppen oder Google nutzen, zu. Ich beginne zu begreifen, dass sich Menschen dieser Erfassung und Kontrolle durch Staat und Wirtschaft nicht nur bewusst sind, sondern sie genussvoll in Anspruch nehmen. Der Preis: Privatheit. Ich als Smartphone- und App-Nutzerin gehöre übrigens auch zu jenen Genussmenschen. Das Problem: Es gibt keine guten Alternativen. Entweder wir stimmen den Bedingungen zu, oder es gibt eben keinen Anschluss an die digitale Welt mitsamt den Monopolen Facebook, Google und Co. Die Mehrzahl der Menschen lädt eine App herunter, liest sich im besten Fall die „Berechtigungen“ kritisch reflektiert durch und klickt dann doch zähneknirschend auf „akzeptieren“. Wir wollen die App nutzen, also beißen wir in den sauren Apfel. Wir wissen, dass nun der Zugriff auf die Kamera, das Telefonbuch, die Textnachrichten, die Speicherkarte, das Mikrofon und so weiter und so fort möglich ist. Aber irgendwie verliert das im Alltag immer wieder seine Brisanz. „Warum sollte sich die NSA denn für mich, meine Nachrichten oder meine Bilder interessieren?“ oder „ich hab’ doch nichts zu verbergen“ – den Satz höre ich regelmäßig in der Schule. Gegenfrage stellen, schlägt Frau Zorn vor: Die Vorhänge ziehst du doch abends auch immer noch zu, oder? Und schreibst du jedem deinen Kontostand auf einen Schmierzettel?

Es ist Bewusstsein für die Überwachung vorhanden und es besteht sogar eine gewisse „Lust an der Überwachung“. Das ist der Deal. Wir bekommen, als Zugeständnis zur Erfassung unserer Daten, etwas „geschenkt“. Nämlich kostenlose Apps, die Möglichkeit zur Kommunikation und Partizipation, Austausch, eine Ökonomisierung von Prozessen, die lustvolle Erfahrung des „Wahrgenommenwerdens“. Zorn nennt ein Beispiel: die Aufnahmefunktion von Google. Eine wunderbare Alternative für alle, die nicht gerne tippen. Oder? Google darf auf die Aufnahme zugreifen und ändert auch schon mal einen Satz – und verändert damit dessen Bedeutung. In der DDR war das Abhören von Telefonen ein Eingriff in die Privatsphäre ohnegleichen – bei Google zahlen wir die Wanze im Telefon bzw. den Preis des potenziellen Abhörens gleich mit. Wenn im Film Das Leben der Anderen die Stasimitarbeiter fremde Briefe öffnen, empfinden wir das als Verletzung des Briefgeheimnisses. Lesen Facebook, die NSA oder die Wirtschaft mit (nur zu unserem Schutz oder zur Optimierung unseres Shoppingvergnügens – wohlgemerkt), dann tolerieren wir das widerstandslos. Würde uns im Buchladen jemand absichtlich Bücher oder Filme vorenthalten, so wären wir wahrscheinlich entrüstet. Und im Netz? Gerade wurde bekannt, dass Google Suchergebnisse gefälscht haben soll. Suchen wir von zwei Rechnern aus dasselbe Wort mit Google, so erhalten wir je nach Computer unterschiedliche Suchergebnisse – denn Google „kennt“ die Nutzer schon seit Jahren. „Google hat da schon mal etwas vorbereitet“, könnte man sagen. Ist das nicht eine Form von Zensur? Ach ja, und dass Payback alles über das Neugeborene weiß, was es isst, was es trägt und welche Popocreme ihm gut bekommt, das nehmen wir auch in Kauf. Schließlich wollen wir die Punkte haben. In vielen Fällen geht es den Datendealern übrigens primär ums Geldverdienen, denn unsere Daten sind Gold wert. In anderen Fällen aber werden im Hintergrund umfassende Profile von Menschen erstellt, die irgendwann einmal falsch ausgelegt werden könnten.

In Aachen blicken wir auf blinde Flecken, auf Leerstellen und schwarze Löcher in der Medienpädagogik. Zorn ergreift die Gelegenheit, die Leerstellen auch in der Praxis zu suchen. Sie trifft damit (zumindest bei mir) ins Schwarze. Eine ausführliche Antwort darauf, wie wir den kompetenten Umgang mit Privatheit und unseren Daten angehen sollen, erhalten wir an diesem Tag nicht. Dazu fehlt in den Kurzvorträgen und der anschließenden Diskussion die Zeit. Die Quintessenz jedoch lautet: Bewahrpädagogische Ansätze machen keinen Sinn, denn die Nutzung digitaler Angebote und der damit einhergehende Genuss ist Menschen allen Alters wichtig geworden und gestaltet unser Leben mit. Daher müssen wir uns fragen, wer sich mit der (Medien-)Bildung all der (un-)freiwilligen Nutzenden befassen soll – und vor allem was wir thematisieren. Wie wir Manipulation erkennbar und bewusst machen. Zorn fordert: Sie müssen sich jedes Mal bewusst entscheiden, ein Angebot zu nutzen. Ich werde die Parallele zur DDR in meinen Schülerworkshop weiterhin ansprechen, nun noch vehementer, und damit auch einen Dienst an unserer Geschichte tun. Aber erstmal will ich mehr zu dem Thema im Netz recherchieren – mit Ixquick, und nicht mit Google. Meinen Artikel werde ich später trotzdem auf Facebook posten, für die FSF bloggen und per Mail an meine Freunde verschicken. Mal sehen, wer ihn alles (mit-)liest.

 

Über Eva Borries

Eva Borries ist Diplom-Medienpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Landau. Außerdem arbeitet sie deutschlandweit als Referentin für Medienkompetenz. Sie entwickelt individuelle medienpädagogische Fortbildungen, Vorträge und Workshops.

31. März 2015 von Eva Borries
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