„Big Brother is watching you“ oder: Nach dem Spiel ist vor dem Taggen

„Waren Sie einer der Glücklichen beim UEFA-Champions-League-Endspiel 2013? Mit der unglaublichen I Was There-Applikation von UEFA.com können Sie es beweisen.“

Es gibt noch einmal Grund zum Jubeln, am Montag danach, nach dem deutschen Finale im Wembley-Stadion – auf der Seite des Europäischen Fußballverbandes. Dank der „unglaublichen ‚I Was There’-Applikation“ mit dem „spektakulären“ 360-Grad-Panorama-Bild kann man hier nun stundenlang herumsuchen, ran – und rauszoomen, Falten und Pickel zählen (funktioniert leider nur auf den billigeren Plätzen unten), Brillen – und Schuhmarken erkennen.

Endlich mal beruhigt feststellen, dass die armen Balljungs hinter den Werbebanden nicht das ganze Spiel kauern müssen, sondern auf kleinen weißen Höckerchen sitzen.

Screenshot I WAS THERE, http://en.iwasthere.uefa.com/ , Balljunge

Oder da: Die fesche Lederhose des Herrn in Reihe 3. Focus-Chef Helmuth Markwort ist gut zu erkennen, hat das richtige Shampoo benutzt und den Bayernschal im Anschlag. Angela Merkel plaudert mit UEFA-Boss Michel Platini – was auch immer, es ist ganz sicher gut für Deutschland. Und da: Ein namentlich noch nicht bekannter Mann hinter Edmund Stoiber und Frau Karin (die der Ex-Landesvater laut Focus liebevoll „Muschi“ nennt) schnäuzt sich die Nase – vermutlich während der ersten 20 Minuten, als von den Bayern wenig zu sehen war. Eine Einblendung von Uhrzeit und Spielstand wäre hier ganz sicher einer lückenlosen Aufklärung dienlich. Also: „Hier können Sie mit UEFA.com beweisen, dass Sie dabei waren!“ Das ist quasi die freundliche Einladung zur Umkehr der Beweispflicht. Aber noch ist es ja nicht strafbar, ein Championsleague-Finale zu besuchen. Auch, wenn man immer wieder von mafia-ähnlichen Methoden innerhalb der Fußballverbände hört. Entspräche das den Tatsachen, wäre man ja als Kartenkäufer irgendwie Kunde einer kriminellen Vereinigung.

Allerdings, gut zu wissen: Dank der „unglaublichen ‚I Was There’-Applikation“ der UEFA wäre jetzt die Identifikation krimineller Kickerkunden für die aufmerksamen Sicherheitsbehörden ein Kinderspiel. Ließe Google seine Gesichtserkennungssoftware drüber laufen, über die offiziell 86 298 Zuschauer, könnte man das unter gewissen Umständen noch ein wenig einfacher haben, hätte aber vermutlich auch gleich wieder die Datenschützer auf dem Hals. So muss man noch den Nutzer bitten, erkennungsdienstliche Maßnahmen einzuleiten – gegen sich selbst oder andere: „Die Fans können sich selbst in der Menge suchen und markieren. Sie können auch Ihre Freunde markieren und die Bilder per E-Mail, Twitter und Facebook verschicken.“

Beweisen, das man da und dort war, mit Name, Adresse und Foto, ist ohnehin längst allgemeiner Netz-Trend. Kurz nach Mittag blinken schon eine Menge neutraler, roter oder schwarzgelber T-Shirt- Markierungen im virtuellen Wembley-Stadion, namentlich benannt, getaggt eben. Könnte man nicht auch Bankräuber und Terroristen einladen, sich und ihre Freunde auf den Panoramabildern von Sparkassen-Räumen und öffentlichen Plätzen zu markieren? Genug Angeber gibt es doch unter denen auch.

Sehen und gesehen werden. Nur die im Dunkeln, in den schlecht ausgeleuchteten hinteren Tribünenreihen, die sieht man nicht. Verdunklungsgefahr? Apropos: Noch hat keiner Uli Hoeness markiert. Aber den haben die Behörden ja ohnehin auf dem Schirm. Und Hoeness hat ein Alibi für den vergangenen Samstagabend. Dank der „unglaublichen ‚I Was There’-Applikation“. Ein Vorgeschmack auf die schöne neue Welt.

Über Sven Hecker

Sven Hecker, geboren 1966, lebt und schwebt als freier Journalist in Berlin. Um nicht völlig abzuheben, hat er sich Schwerpunkte gesetzt: Alltags- und Zeitgeschichte, Politik und Medien. Macht sich aber auch darüber hinaus Gedanken über die Welt, und darüber, ob sie noch zu retten ist und wenn ja, durch wen. Schreibt das alles auf, fürs Radio, gelegentlich auch für Zeitschriften und Fernsehen.

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1 Kommentar zu “„Big Brother is watching you“ oder: Nach dem Spiel ist vor dem Taggen

  1. Mir bleibt auch irgendwie der Sinn hinter dieser ganzen Sache verborgen. Klar es geht ums gesehen werden, aber wenn man dort war, dann hat man doch eh schon längst ein Foto von sich und Stadion etc. auf Facebook veröffentlicht oder sich ein Poster ausgedruckt und über sein Bett gehängt. Aber naja wer es nötig hat! ;)