Das große Vergleichen

Schlanker, erfolgreicher, besser. Social Networks und die Folgen des ständigen Vergleichens für jugendliche Nutzer – wer könnte zu diesem Thema besser schreiben als ambitionierte Jungautoren!?
Das dachten sich auch Prof. Joachim von Gottberg und Barbara Weinert (Chefredakteur und ehemalige Redakteurin tv diskurs), die im Wintersemester 2017/18 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Studiengang „Medien- und Kommunikationswissenschaft“ gemeinsam das Seminar „Schreiben für die Medien“ leiteten. Die Studierenden schrieben tolle und äußerst vielseitige Texte zum Thema. Einige davon veröffentlichen wir im FSF-Blog, so wie diesen hier von Max Neubert.

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Junge Leute können in unserer heutigen Zeit über so ziemlich jeden Schritt auf ihrem Lebensweg frei entscheiden. Das ist ein ganz großes Glück. Angesichts der unzähligen Optionen ist es gleichzeitig aber auch eine Herausforderung, die für manche sogar zu einem schier unüberwindbaren Hindernis wird.

Vor gar nicht allzu langer Zeit sah das noch ganz anders aus: Das Leben war von der Geburt bis zum Tod vorgezeichnet und damit auch recht vorhersehbar. Wer im Mittelalter als Sohn eines Müllers geboren wurde, wurde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Müller. Der Müllerssohn selber hatte dabei vermutlich wenig mitzureden: Die Mühle war da, das nötige Handwerk konnte auf einfachstem Weg in der Familie weitergegeben werden und der Vater musste sich keine Sorgen um die Zukunft seiner hart erarbeiteten Existenzgrundlage machen. Der Sohn wiederum hatte in der Regel vermutlich kein Problem mit seiner schon im Vorhinein feststehenden Karriere, da es harte Zeiten waren und man – salopp gesagt – froh war, wenn man sich das zum Leben Nötige erarbeiten konnte. Der Müller wäre nie auf die Idee gekommen, von einem eigenen Schloss und einer schnittigen Kutsche zu träumen.

Pixabay
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Genau da liegt der Unterschied zu unserer heutigen Zeit: Der Müller hatte diese Möglichkeit überhaupt nicht, da das Schloss dem Adel vorbehalten war. Heute dagegen geht man davon aus, dass jeder alles schaffen kann, solange er nur „fest daran glaubt“, „vom Tellerwäscher zum Millionär“ sozusagen. Für diejenigen, die am Ende der Geschichte als Gewinner dastehen, ist diese Aufstiegsmöglichkeit das Wunderbarste der Welt. Doch leider gibt es nicht nur Gewinner. Im Gegenteil, es gibt auf der Welt deutlich mehr Verlierer als Gewinner. Es wird immer die geben, die – ob nun aus Glück oder Können – erfolgreich sind, und es wird diejenigen geben, die enttäuscht sind, weil ihr Weg nicht zum erhofften Glück geführt hat. Hätten sie eine an irgendeiner Stelle andere Entscheidung treffen sollen?

Mit der Freiheit kommt auch der Zwang zur Entscheidung – und damit für viele der Stress. Es beginnt schon früh: Gymnasium oder Realschule? Französisch oder Spanisch? Bilinguale Klasse? Auslandsjahr oder direkt studieren? Aus Angst, auf der Strecke zu bleiben, beginnen viele Kinder und Jugendliche, sich mit ihrem Umfeld zu vergleichen. Dabei spielt auch die Sorge, etwas zu verpassen eine große Rolle, nach dem Motto: „Lukas ist nach Australien gegangen – ich muss auch.“ Niemand geht auf der Party gern als Erster nach Hause, denn wenn das Gruppenfoto für Instagram erst spät in der Nacht entsteht, ist man möglicherweise nicht mit drauf und ärgert sich am nächsten Tag. Der Effekt ist, dass jeder jeden Trend mitmachen will. Oder es zumindest versucht. Das jedoch geht leider auf Kosten der Vielfalt und der Individualität.

Das ständige Vergleichen und Wie-die-anderen-sein-Wollen dient nicht nur der Selbstbestätigung, sondern ist auch ein Ausdruck dessen, dass wir Teil einer bestimmten Gruppe sein wollen. Dabei wird viel zu oft vergessen, wie toll es sein kann, Anerkennung für etwas zu bekommen, das nicht dem Mainstream folgt oder mit dem man nicht versucht, einer anderen Person nachzueifern. Irgendwoher müssen neue Trends doch schließlich kommen.

Und nicht zuletzt: Es kann keine Welt voller Spitzenverdiener geben. Ärzte verdienen viel Geld, weil sie viel Verantwortung haben und viel Arbeit in die Ausbildung gesteckt haben. Doch nicht jeder Arzt könnte auch gute Brötchen backen oder den Motor eines kaputten Autos reparieren oder einen guten Text schreiben. Es heißt nicht umsonst „das Beste aus sich machen“, mit Betonung auf „sich“. Das bedeutet, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Dass das, was für den einen die beste Entscheidung des Lebens war, für den anderen eine schreckliche Entscheidung sein könnte, muss in Betracht gezogen werden. Vielleicht sollten wir den vermeintlichen sozialen Druck ab und an etwas mehr ausblenden und sagen: „Lukas hatte in Australien die beste Zeit seines Lebens, aber das ist nichts für mich. Ich werde glücklicher, wenn ich Zuhause bleibe und versuche, das Buch zu schreiben, das ich schon immer schreiben wollte. Selbst wenn daraus kein Bestseller werden wird.“

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Über Max Neubert

Max Neubert studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle. Wenn er nicht gerade am Kühe melken in Island ist, dann erwischt man ihn meist beim Musikmachen. Seit der 8. Klasse singt und spielt er Gitarre in einer Band. Er absolvierte ein Praktikum bei der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) und setzt sich nicht nur im Studium, sondern auch in seiner Freizeit gern mit Politik auseinander.

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