Desiderata

Ich kenne keinen vernünftigen Spielfilm zum Thema „Nasebohren“? Warum gibt es den nicht? Oder kenne ich ihn einfach nicht? Wer einen solchen Film kennt, bitte bei mir melden.

Ich kenne nur das Buch „Nasebohren ist schön“, ein Bilderbuch von Daniela Kulot. Das ist ein schönes Buch, aber ein Kinderbuch. Kann nicht mal ein Autor für große Leute einen Roman darüber schreiben? Updike ist leider schon tot, aber von Richard Ford oder J. M. Coetzee wüsste ich schon gerne, was sie dazu mitzuteilen hätten.

Wo wir gerade beim Vermissen sind, irgendwie fehlen mir Typen wie Herbert Wehner, Franz Josef Strauß oder Willy Brandt. Warum nur? Kennen Sie den FSKK? Das ist der Freiwillige Selbst Kontrolleur Körner! Was meinen Sie, wie oft ich mein Selbst kontrolliere? Mein Ich und mein Über-Ich sind total frustriert, weil mein Selbstkontrolleur ihnen wirklich alles rausschneidet, was das Leben lebenswert macht. Ich würde gerne mal jemanden richtig verwünschen, aber es will mir nicht gelingen. Schön wäre es, einen Todfeind zu haben, aber wo soll man den hernehmen? Ich entschuldige mich ja schon bei mir selbst, wenn ich glaube, etwas Dummes gesagt oder getan zu haben. Eigentlich entschuldige ich mich den ganzen Tag. Dabei würde ich gerne mal etwas total Provozierendes schreiben, aber ich traue mich nicht, bzw. niemand kauft es mir ab.

Ich würde z. B. gerne mal einen Drohbrief an Sepp Blatter verfassen, aber natürlich bekäme ich dann Schwierigkeiten mit der Polizei. Meine bürgerliche Existenz stünde auf dem Spiel, was nicht schlimm wäre, wenn sie nur aus mir bestünde. Deshalb werde ich demnächst nach Zürich fahren und Sepp Blatter beschweigen. Ich werde mich an den Fifa-Zaun stellen und werde so lange erdrückend schweigen, bis Sepp Blatter von meinem Schweigen zu Boden gedrückt wird. Sie wissen schon, Blatter ist der kartoffelförmige Mann, der die Fußballweltmeisterschaft meistbietend verhökert. Kann Schweigen strafbar sein? Nein, ich denke nicht.

Kürzlich bestellte ich ein Buch bei Amazon. Es hieß „Identität. Leiblichkeit. Normativität. Neue Horizonte anthropologischen Denkens“. Ein Suhrkamp Taschenbuch. Ein Reinfall. Leblose Wissenschaftssprache. Imponierschreibe, die Reputation will, aber mich nicht zum Denken anregt. Gut, das mag mein Problem sein. Ich hatte gehofft, etwas Anregendes zu finden. Gibt es Körperlandkarten, die uns regieren? Sprechen Muttermale mit uns? Gibt es ein Haut-Ich? In welchen Kategorien wird Fleisch gedacht und konstituiert? Wie formen Normen unseren Körper? Und wie formt unser Körper die Normen, an die wir glauben? Warum ist der Mensch kulturgeschichtlich so vom Blut besessen und warum muss es in der Kunst so oft fließen? Gestern las ich in Adornos „Minima Moralia“. Ich habe nicht alles verstanden, aber mit dem „Verblendungszusammenhang“ werde ich mich morgen auf ein Bier treffen.

 

 

Über Torsten Körner

Torsten Körner wurde zweifelsfrei 1965 in Oldenburg geboren. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin an der Freien und an der Technischen Universität (1989-1996). Während des Studiums erste journalistische Arbeiten. Nach Abschluss des Studiums Promotion über ein film- und kulturwissenschaftliches Thema. Seither freier Autor für verschiedene Medien. Diverse Veröffentlichungen, verschiedene Jury-Tätigkeiten. Als Fernsehkritiker meistens in „Funk-Korrespondenz“, „epd medien“ und „Der Tagesspiegel“ unterwegs. Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

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