„Die Leute würden uns ja einschlafen!“

Unter dem Titel Blühender Blödsinn. Warum Fernseh- und Kinofilme nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben veröffentlichte Tilmann P. Gangloff in der aktuellen tv diskurs einen Beitrag zum Thema Filmklischees. Im Kontext dieses Artikels entstand das folgende Interview mit Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt über die Realitätsnähe deutscher TV-Krimis.

Warum bedient sich die Filmsprache so vieler Klischees?

Ganz einfach: Weil sie einen hohen Wiedererkennungswert haben und Filmzeit sparen.

Nichts ist derzeit so erfolgreich wie die Krimis. Würden Sie zustimmen, dass der Reiz des Genres nicht zuletzt in seiner Nähe zur Realität liegt?

Nein. Erfolgreichster deutscher Krimi ist derzeit der Tatort aus Münster, das widerlegt diese These eindeutig.

Die Tatort-Macher betonen gern den Realismus der Reihe. Warum gibt es dennoch immer wieder offenkundige Verstöße, wenn z. B. Kommissare mit dem SEK-Team eine Wohnung stürmen?

Film gehorcht primär den dramaturgischen Gesetzen und nicht der Authentizität. Die Empathie des Zuschauers mit einem vermummten SEK-Mann, den man im Laufe der Handlung nicht kennengelernt hat, geht gegen null. Die Leute würden uns ja einschlafen, wenn wir den realen Alltag eines Kriminalhauptkommissars akribisch nachzeichneten. Wer Realität sucht, sollte vor die Haustür gehen.

Aber haben Sie nicht selbst Krimis geschrieben, bei denen die Authentizität sehr wichtig war?

© Holger Karsten Schmidt / Fotografin: Ira Zehender
© Holger Karsten Schmidt / Fotografin: Ira Zehender

Das stimmt, bei Mord in Eberswalde und Der Stich des Skorpions z. B. war mir das sehr wichtig, aber bei Mörder auf Amrum oder Harter Brocken völlig schnurz. Es kommt primär darauf an, was man als Autor erzählen will. Deshalb gehe ich auf den ersten Seiten des Drehbuches eine Art Verabredung mit dem Zuschauer ein und gebe dabei auch die Tonart vor. Wenn ich Mörder auf Amrum streng nach Fakten erzählt hätte, hätte ich diese Groteske zugrunde gerichtet. Stattdessen gibt es ein erstes Gespräch der Insulaner in der Kneipe, und man weiß sofort, dass die allesamt neben der Spur sind. Den Drehbüchern zu Mord in Eberswalde und auch Der Stich des Skorpions liegen dagegen authentische Ereignisse zugrunde. Wenn ich einen Kriminalfall anfasse, den reale Menschen durchlebt haben, dann spielt Authen tizität bei mir die erste Geige, und die Dramaturgie beschränkt sich auf Zuspitzungen. Das ist eine Sache der Haltung und des Respekts.

Kommt es vor, dass Sie in einem Drehbuch ein gängiges Klischee extra vermieden haben, der Regisseur es dann aber doch verwendete?

Ja, mehrfach. Ein Beispiel: In einem Showdown richtet der Antagonist die Waffe auf den wehrlosen Protagonisten. Im Buch stumm. Der Regisseur fand’s dann aber beim Drehen gut, dass der Schurke sagt: „Ich hab’ dich noch nie leiden können.“ Da wünscht man sich in die nächste Galaxis. Wie viel Einfluss hat man überhaupt als Autor auf die Umsetzung eines Drehbuches? Den größten Einfluss hat man, wenn man ein Drehbuch abliefert, das in jeder Szene zwingend ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass es auch so umgesetzt wird, es erhöht einfach ein klein wenig die Wahrscheinlichkeit.

Holger Karsten Schmidt (50) ist einer der gefragtesten deutschen Drehbuchautoren. Der mehrfache Grimme-Preisträger (Mörder auf Amrum, Mord in Eberswalde) lebt in der Nähe von Ludwigsburg und ist Dozent für Drehbuch an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Das Interview führte Tilmann P. Gangloff und ist in der aktuellen tv diskurs Im globalen Dorf. Wie Medien unser Leben neu organisieren erschienen. Es ist hier als PDF abrufbar.

Über Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist Journalist und Autor. Er lebt und arbeitet in Allensbach am Bodensee. Als freiberuflicher Medienfachjournalist sowie Fernseh- und Filmkritiker arbeitet er für Fachzeitschriften wie epd medien, Blickpunkt:Film, tv diskurs, das Internetportal tittelbach.tv und diverse Tageszeitungen. Schwerpunktgebiete seiner Arbeit sind Fernsehfilme, Programmentwicklung, Formatfernsehen, Jugendmedienschutz und Kinderprogramme.

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