Gefühlte Grenzüberschreitung

Überlegungen zur Bedeutung von Kriterien in der Ethik

Eine der wesentlichen Aufgaben der Ethik und den daraus entstehenden Regelsystemen ist es, Ordnung und Verlässlichkeit in das Chaos des menschlichen Zusammenlebens zu bringen. Regeln müssen praktikabel und anwendbar sein, sie müssen aber auch von allen Beteiligten als einigermaßen gerecht akzeptiert werden, denn nur so können wir Menschen darauf vertrauen, dass sie von möglichst vielen eingehalten werden. Wer bei Grün über die Kreuzung fährt, muss sich darauf verlassen können, dass die anderen bei Rot halten – sonst knallt es.
Bei abstrakten ethischen Prinzipien wird es allerdings komplizierter. Selbst das Tötungsverbot, das wir in allen Religionen, aber auch in den Gesetzen fast aller Staaten finden, gilt nicht absolut. Bei Notwehr ist die Ausnahme noch verhältnismäßig nachvollziehbar. Komplizierter wird es z. B. bei der Frage, unter welchen Umständen in Deutschland die Sterbehilfe erlaubt sein soll. Die katholische Kirche verweist darauf, dass Gott jedem Menschen das Leben geschenkt hat – und nur er es wieder nehmen kann. Andere verweisen auf das Recht der Selbstbestimmung, das auch für die Beendigung des eigenen Lebens gelte.
Der Philosoph Andreas Urs Sommer hat das Problem im Titel seines 2016 erschienenen Buches auf den Punkt gebracht: Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt. Werte existieren als gesellschaftliche Konstrukte, als Versuch, aufgrund religiöser Gebote oder philosophischer Formeln wie Immanuel Kants „kategorischem Imperativ“ Prinzipien zu entwickeln. Max Weber nennt das Gesinnungsethik – und dieser Begriff weist darauf hin, dass dabei nicht nur rationale Überlegungen richtungsweisend sind. Weber stellt dem die Verantwortungsethik entgegen, die im konkreten Falle abwäge, was für möglichst viele Beteiligte eine vernünftige Lösung darstellen könnte. Kant würde das ablehnen, weil er befürchtet, man werde sich die Argumente so lange zurechtbiegen, bis das Ergebnis passe. Er nennt das „Vernünfteln“. Jürgen Habermas schlägt die Diskursethik vor, er glaubt nicht an absolute Prinzipien. Aber auf welcher Grundlage führen wir die Diskurse? Ebenso wie Kant baut Habermas wohl auf die menschliche Vernunft. Emotionen spielen bei beiden keine große Rolle.
Auf einer Veranstaltung zum Thema „Bildethik“, die als Grundlage für diese Ausgabe dient, entstand der Eindruck, dass ethische Positionen erkennbar von den Emotionen der Diskutanten beeinflusst wurden. Was fühlt der Ethiker beim Anblick des Bildes eines auf der Flucht umgekommenen Kindes am Strand einer griechischen Insel? Das Bild emotionalisiert so stark, dass dadurch jedes rationale Prinzip torpediert wird: Man möchte quasi über die eigene Stellungnahme zu dem Bild dem toten Jungen eine Art letzte Ehre erweisen. Wir übertragen unsere eigenen Gefühle auf ihn und stellen Vermutungen an: Dass der Junge sein Persönlichkeitsrecht schützen würde wollen und gegen dieses Bild vorginge. Aber vielleicht hätte der Junge auch gewollt, mit diesem Bild aus der Anonymität herauszutreten, um so vielleicht mehr Verständnis für Menschen zu schaffen, die vor Tod oder Hunger fliehen. Wieder andere glauben, nur die Veröffentlichung des Bildes würde dem Wunsch des toten Jungen am ehesten gerecht werden.
Auf der Tagung wurden verschiedene ethisch grenzwertige Beispiele gezeigt – und obwohl das Publikum aus Fachleuten bestand, herrschte selbst bei der Anwendung identischer Kriterien nur selten Konsens. Man kann das so interpretieren, dass die gefühlsbedingte Bewertung rational entwickelte Kriterien dominiert. Diese Überlegung sollte man im Rahmen der Bildethik zumindest auch berücksichtigen.

 

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und Chefredakteur der Fachzeitschrft tv diskurs © Sandra Hermannsen
Prof. Joachim von Gottberg © Sandra Hermannsen

Das hier veröffentlichte Editorial der aktuellen tv diskurs-Ausgabe 83 Mächtige Bilder, ohnmächtige Ethik ist als Podcast hier abrufbar.

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und Chefredakteur der Fachzeitschrft tv diskurs.

Über Joachim von Gottberg

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Nach seinem Studium der Germanistik und Theologie (Lehramt) baute er in Hannover die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen auf und beschäftigte sich neben Suchtprävention und Jugendkriminalität mit der Wirkung von Medien. Ab 1985 war er als Ländervertreter bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig, bis er 1994 die Geschäftsführung der FSF übernahm. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift tv diskurs. Seit 2006 ist Joachim von Gottberg Honorarprofessor für das Fach Medienethik/ Medienpädagogik an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam-Babelsberg.

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