Kollektiver Schock. Wie Medien in Krisensituationen unsere Gefühle managen

Der Absturz des Germanwings-Airbus am 24. März 2015 war für uns alle ein Schock. Etwa die Hälfte der Opfer waren Deutsche, zudem handelt es sich um eine Strecke, die fast jeder von uns schon geflogen ist. Bis dato vertrauten wir der Fluggesellschaft, die eine Tochter der Lufthansa ist – dank hoher Standards eines der sichersten Flugunternehmen der Welt. Wir reduzierten das gefühlte Risiko eines Absturzes auch dadurch, dass wir den Flug mit Billig-Airlines aus fernen Ländern vermieden. Nach der Tragödie ist alles anders! Unsere Gefühlslage ist aus dem Gleichgewicht geraten. Spontan kam vielen der Gedanke: Nie mehr fliegen!

Dann die quälenden Fragen nach den Ursachen, nach der Situation an Bord und dem Leiden der Angehörigen: Hat die Technik versagt? Ist der Airbus A320 ein unsicheres Flugzeug? Wurde die Abstimmung zwischen Mensch und Computer zum Problem? Was haben die Passagiere direkt vor dem Unglück gefühlt? Wussten sie, dass sie sterben werden? Können die Angehörigen den Verlust jemals verarbeiten?
Die Schockstarre beherrschte die Medien in einer Intensität, wie sie zuletzt während der Ereignisse des 11. September 2001 oder der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean Weihnachten 2004 zu beobachten gewesen war. Es gab Sondersendungen; und auch die Talkshows von Günther Jauch bis Maybrit Illner beleuchteten das Thema unter allen möglichen Aspekten. Man bekam das Gefühl, dass wir in Deutschland über ein unendliches Reservoir von Experten verfügen, die nur darauf gewartet haben, ihr Wissen über Flugzeuge, Fluggesellschaften und die Pilotenausbildung zum Besten zu geben.
Wie immer in solchen Fällen stellen sich auch hier eine Reihe von medienethischen Fragen, so z. B., ob und unter welchen Umständen es vertretbar ist, den vollen Namen des Kopiloten zu veröffentlichen, der nach den bisherigen Erkenntnissen das Flugzeug in voller Absicht gegen das Bergmassiv steuerte. Auch Details von Bildern des Absturzortes hätten aus ethischer, z. T. aber auch aus rechtlicher Sicht zu Problemen führen können. Doch im Großen und Ganzen scheinen bisher die rechtlichen Grenzen sowie die Vorgaben des Pressekodex eingehalten worden zu sein. Interessant ist die gesellschaftliche Funktion, die die mediale Multipräsenz des Flugzeugabsturzes hatte. Dem Zuschauer war schnell klar, dass der Informationsgehalt der Sondersendungen und Talkshows eher gering war. Die Aufarbeitung und Klärung eines Flugzeugabsturzes erfordert akribische Recherche und damit vor allem Zeit. Aber die Frage nach dem Warum war für alle so zentral, dass das Thema keinen Aufschub duldete und zu verschiedensten Spekulationen führte. Das ist menschlich verständlich!
Dass die vermutliche Absturzursache durch die Auswertung des Cockpit Voice Recorders (CVR) dann doch relativ schnell in die Diskussion kam, war so nicht zu erwarten gewesen. Die Faktenlage gab damit wieder neuen Anlass zu Spekulationen und Forderungen nach Konsequenzen: Können wir in Zukunft verhindern, dass selbstmordgefährdete Menschen ein Flugzeug steuern? Ist das Problem erledigt, wenn wir auch in Deutschland die Zwei-Personen-Regel einführen, nach der immer ein Crewmitglied ins Cockpit muss, wenn einer der beiden Flugzeugführer die Pilotenkabine für eine Toilettenpause verlässt?
Ich habe fast alle Sendungen zum Thema gesehen. Es ging mir einerseits wie dem Airbus-Chef Tom Enders, der die vielen Spekulationen beklagte, die manche Experten in den zahlreichen Talkshows anstellten. Doch habe ich andererseits eine gewisse Hochachtung davor empfunden, dass man es schafft, unzählige Programmstunden tatsächlich ohne substanzielle Informationen zu füllen: Journalisten interviewen Journalisten, Journalisten interviewen Bürger oder den Bürgermeister aus Haltern am See – Menschen, die mit dem Absturz oder dessen Ursache nicht direkt etwas zu tun haben. Trotzdem habe ich keine Sendung ausgeschaltet. Warum? Vielleicht ist es das kollektive Trauern, die kollektive Angst vor dem ungewissen Risiko, das wir in den Griff bekommen wollen, obwohl wir genau wissen, dass das nicht geht. Unser Seelenleben war aufgewühlt! Vor allem das Fernsehen hat in dem Moment uns allen das Gefühl vermittelt, damit nicht alleine zu sein. Zusammen unsere Gefühle zu ordnen, um sie hoffentlich eines Tages ertragen zu können, das war möglicherweise das stärkere Bedürfnis des Zuschauers. Erst in zweiter Linie stand der Wunsch nach Information.

Prof. Joachim von Gottberg © FSF
Prof. Joachim von Gottberg © FSF

Das hier veröffentlichte Editorial erscheint in der aktuellen Ausgabe der tv diskurs 72, 2/2015 Toleranz. Medien und die Akzeptanz des anderen und ist als Podcast auf unserer Website abrufbar.

Über Joachim von Gottberg

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Nach seinem Studium der Germanistik und Theologie (Lehramt) baute er in Hannover die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen auf und beschäftigte sich neben Suchtprävention und Jugendkriminalität mit der Wirkung von Medien. Ab 1985 war er als Ländervertreter bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig, bis er 1994 die Geschäftsführung der FSF übernahm. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift tv diskurs. Seit 2006 ist Joachim von Gottberg Honorarprofessor für das Fach Medienethik/ Medienpädagogik an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam-Babelsberg.

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