Qualität vor Quote

Der reformierte Deutsche Fernsehpreis konzentriert sich wieder aufs Wesentliche

Seit seiner Gründung im Herbst 1998 stand der von RTL, WDR, ZDF und Sat.1 gestiftete Deutsche Fernsehpreis immer wieder in der Kritik. Meist ging es dabei um inhaltliche Fragen; neue Kategorien legten regelmäßig den Verdacht nahe, sie seien nur deshalb ins Leben gerufen worden, damit die Auszeichnungen nicht nur an ARD und ZDF gingen. Weil das Interesse des TV-Publikums an den meist mehr oder weniger misslungenen Preisverleihungen immer weiter zurückging, beschlossen die Stifter 2010 eine Reform, die in der Branche für einen Aufschrei sorgte: Mit Ausnahme der Auszeichnungen für die besten Hauptdarsteller wurden alle anderen persönlichen Kategorien (Nebendarsteller, Regie, Buch, Kamera etc.) gestrichen. Den Abwärtstrend hielt das nicht auf; 2014 kündigten die Stifter den Vertrag.

(c) Deutscher Fernsehpreis 2016
© Deutscher Fernsehpreis 2016

Nach einer kreativen Pause gibt es nun einen neuen Anlauf. Der Deutsche Fernsehpreis wird zu einem reinen Branchentreff, die Gala am 13. Januar in den Düsseldorfer Rheinterrassen wird nicht im TV übertragen, und die personenbezogenen Preise erleben dank insgesamt zwanzig Kategorien ein Comeback. Gerade bei den Fernsehfilmen gibt es Preiskandidaten, die demnächst auch wieder beim Marler Grimme-Preis – dem traditionellen Gralshüter der deutschen Fernsehkultur – auftauchen werden; das Improvisationsstück Altersglühen – Speed Dating für Senioren (WDR/NDR) von Jan Georg Schütte ist sogar schon in Marl ausgezeichnet worden. Auch Matti Geschonnecks herausragendes Ensemblestück Ein großer Aufbruch (ZDF) ist ein sicherer Grimme-Kandidat. Das Sat.1-Movie Mordkommission Berlin 1 ist zumindest in ästhetischer Hinsicht faszinierend.

Favorit bei den Serien ist Club der roten Bänder (Vox); die Geschichten über eine Schicksalsgemeinschaft Jugendlicher in einer Klinik war der Überraschungs-Hit der letzten Monate, während die RTL-Serie Deutschland 83 zumindest in Sachen Publikumsresonanz enttäuscht hat.

Immerhin ist Hauptdarsteller Jonas Nay als bester Schauspieler nominiert, hat aber mit Tobias Moretti, der gleich für drei Filme antritt, sowie Charly Hübner fast übermächtige Konkurrenten. Gute Aussichten für den Preis als beste Schauspielerin haben Iris Berben (Das Zeugenhaus) sowie Ina Weisse (Ich will dich, Ein großer Aufbruch). Während den Schauspielerinnen und Schauspielern naturgemäß die Schlagzeilen gehören, interessiert sich die Branche im Zweifelsfall mehr für die Menschen hinter der Kamera, denn sie sind die kreativen Kräfte. Wie bei allen Nominierungen kann man über die Namen trefflich streiten: Wenn Altersglühen einer der besten Filme war, müsste dann nicht auch der Regisseur nominiert werden? Lars Becker ist mit Zum Sterben zu früh im Rennen, aber der Vorläufer dieses Krimis, Unter Feinden, war der bessere Film. Geschonneck ist nicht nur für Ein großer Aufbruch, sondern auch für Das Zeugenhaus nominiert, Philipp Kadelbach für sein KZ-Drama Nackt unter Wölfen (auch als bester Film vorgeschlagen). Bei Buch, Kamera und Schnitt tauchen diese Titel ebenfalls wieder auf. Theoretisch könnte es also ähnlich wie beim Oscar eine ganz große Gala für eine Produktion geben, aber die Jury wird garantiert darauf achten, dass beim Preisproporz ähnliche Ausgewogenheit herrscht wie bei den Nominierungen; das hat den Deutschen Fernsehpreis in der Vergangenheit stets berechenbar und daher ein bisschen langweilig gemacht.

Komödiantische Genres waren viele Jahre lang eine Domäne der Privatsender. Beim Grimme-Preis ist die Kategorie „Unterhaltung“ nicht zuletzt deshalb eingeführt worden, damit RTL & Co. bei der Preisverleihung nicht gänzlich leer ausgehen. Beim Deutschen Fernsehpreis ist es fast andersrum: In der Kategorie „Comedy/Kabarett“ sind ARD und ZDF mit Die Anstalt (ZDF), PussyTerror TV (WDR) und der Mockumentary Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war (WDR) unter sich. Dafür ist der Preis „Beste Unterhaltung Primetime“ ein Zweikampf zwischen ProSieben (Joko gegen Klaas, The Voice of Germany) und Vox (Sing meinen Song).

Die Herren Winterscheidt und Heufer-Umlauf sind auch mit Circus HalliGalli (Beste Unterhaltung Late Night) nominiert, ebenso wie Jan Böhmermann (Neo Magazin Royale); alle drei haben 2014 schon den Grimme-Preis bekommen.

Im Flüchtlings- und Pegida-Jahr 2015 gilt ein besonderes Augenmerk naturgemäß der Information. Neben Reportagen und Dokumentationen ist hier vor allem die Kategorie „Beste persönliche Leistung“ interessant: Nominiert sind Anja Reschke für ihren  Tagesthemen-Kommentar zur Hetze im Netz, Dunja Hayali für ihre Interviews bei der Erfurter AfD-Demonstration in einer Ausgabe des ZDF-Morgenmagazins sowie Michel Abdollahi für seine Reportage Im Nazidorf und seine Straßenaktionen im Kulturjournal des NDR.

 

Weitere Informationen: www.deutscher-fernsehpreis.de

Am 26. Februar 2016 erscheint in unserer neuen Reihe Deutsche Nachwuchstalente ein Beitrag zum Hauptdarsteller Jonas Nay der nominierten RTL-Serie Deutschland 83.

Über Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist Journalist und Autor. Er lebt und arbeitet in Allensbach am Bodensee. Als freiberuflicher Medienfachjournalist sowie Fernseh- und Filmkritiker arbeitet er für Fachzeitschriften wie epd medien, Blickpunkt:Film, tv diskurs, das Internetportal tittelbach.tv und diverse Tageszeitungen. Schwerpunktgebiete seiner Arbeit sind Fernsehfilme, Programmentwicklung, Formatfernsehen, Jugendmedienschutz und Kinderprogramme.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *