Make Love not War: Deutschland 83

Qualität im regionalen Anbau

Ein packender Spionagethriller mit integrierten Liebesdramen, Absurditäten der Politik und feinfühligem Retroschick in Kostüm, Szenerie und Sound, sowohl schlau als auch bewegend und das aus Deutschland? Diese Serie katapultiert den Fokus des deutschen Fernsehens auf den Serienmarkt und zeigt, dass es auch ein wenig anders geht. Nach der Fernsehpremiere in Amerika auf Sundance TV holt RTL die eigenproduzierte Serie ab 26. November zurück in ihr Programm: jeden Donnerstag um 20.15 Uhr.

Internationale Premiere auf der Berlinale, aufgekauft von Sundance TV aus Amerika, die Auszeichnung „beste Serie der Welt“ in Paris und eine lobende Kritik nach der nächsten, es sieht mehr als gut aus für Deutschland 83 und seine Schöpferin Anna Winger sowie ihren Mann und Produzenten Jörg Winger (SOKO Leipzig). Miesepeter würden vielleicht entgegensetzen „Schon wieder nur Erfolg eines deutschen Formats, weil es sich um Deutschlands Geschichte dreht?“. Aber Deutschland 83 ist nicht irgendein Format, sondern durchaus ein Serienformat, das halbwegs anspruchsvoll wie emotional ergreifend ist und es endlich mal nutzt, eine Serie zu sein und kein gesplitteter TV-Film. So wird die Ambivalenz, gerade der weiblichen Figuren, allmählich aufgebaut und der Zuschauer gezwungen, sich oftmals neu zu positionieren. Doch worum geht es eigentlich?

Anders als in Weissensee, in der vordergründig in die Familiengeschichten bzw. -abgründe der Familien Kupfer und Hausmann zur Zeit der DDR geblickt wird und das Thema Stasi die allumfassende Komponente der Geschichte darstellt, spielt Deutschland 83 zwar in einem ähnlichen Zeitabschnitt, fokussiert aber die „Fremd“-Spionage in Thrillermanier und begegnet den Themen Sex und Liebe aus der Coming-of-Age-Perspektive.

Klarer Protagonist ist Martin Rauch alias Kolibri alias Oberleutnant Moritz Stamm – gespielt von Jonas Nay. Der nun als Spion in der DDR eingesetzte Oberfeldwebel wirkt in seiner Jugendlichkeit zusehends verloren in dem Hin und Her aus Ost und West. Er befindet sich inmitten eines immer absurder werdenden Kalten Krieges. Zwar scheinen alle das Gleiche zu wollen, doch militärischer und bürokratischer Stursinn verzahnen sich, sodass die Kommunikation auf der Strecke bleibt. Stattdessen wird eine erstaunliche Verknüpfung verschiedenster Agenten sichtbar, was die ein oder andere actionreiche Verfolgungsjagd mit sich bringt.

Bevor Martin von seiner Tante Lenora Rauch, der Führungsoffizierin der HVA, und dem Generalmajor Walter Schweppenstette als Spion angeheuert wurde, lebte er mit seiner Mutter Ingrid in Kleinmachnow. Seine Freundin Anett spielt eine große Rolle für ihn und wirkt zu Beginn des Formats etwas zu perfekt. Martin ist nicht der einzige Informant in Westdeutschland, auch weitere junge Männer und die wandelbare Agentin Nina lauschen für die DDR.

Im Westen ist Martin als Leutnant Stamm dem Generalmajor Wolfgang Edel untergestellt, ein dominanter Offizier und zweifacher Familienvater, der den Zugang zu seiner Familie, insbesondere zu seinem Sohn Alexander verliert. Als Oberleutnant stellt Alex das militärische Vorgehen Westdeutschlands immer wieder in Frage. Auch Tochter Yvonne möchte alternative Wege gehen und schließt sich einer Kommune der Sannyasins an.

Wolfgang bleibt nicht alleiniges Beispiel, durch das eine tiefe Problematik der ‚väterlichen’ Rolle zwischen Schutz und Unterdrückung besprochen wird. Dabei werden durchaus Parallelen zu politischem Vorgehen der DDR, aber auch dem Umgang mit Demonstranten in Westdeutschland gezogen. So ist es wohl kaum ein Zufall, dass in dieser Serie jeder meint, das Beste für den anderen zu kennen, egal ob Geliebter, Vater, Aktivist, Freundin oder Staat.

Auf Ostklischees wird versucht weitestgehend zu verzichten. So war es den Wingers wichtig, nicht einen weiteren höhnischen Blick auf das Leben in der DDR zu mimen, sondern Ost-West-Standards einfach Unterschiede sein zu lassen. Dennoch kommt der Zuschauer nicht drumherum, mit eleganten Kamerafahrten durch volle westliche Einkaufsregale, holzvertäfelte DDR-Verwaltungsräume oder vorbei an nacktbadenden DDR-Bürgern geleitet zu werden.
Letztendlich lässt sich aber nicht nur der Soundtrack als gelungen bezeichnen mit Peter Schillings Major Tom (Coming Home) als Auftakt im Intro, sondern auch eine namhafte Schauspielklientel vereint Bild, Ton und Musik zu einer beachtenswerten deutschen Serie, die Lob und Preise zu Recht erhielt. Anzusehen sind u.a. die Darstellungen von Maria Schrader (Leonore Rausch), Sylvester Groth (Walter Schweppenstette), Ulrich Nöthen (Wolfgang Edel) oder Ludwig Trepte (Alexander Edel) und vielen anderen.

Freigegeben ab …
Der FSF lagen die ersten drei Episoden der Dramaserie zur Prüfung vor: Weder die Handlung noch der Großteil der bildlichen Darstellungen enthält überfordernde Momente für Kinder. Die Filmgeschichte spielt zwar in Zeiten des Kalten Krieges und des Wettrüstens, dies wird allerdings nicht dramatisch in Szene gesetzt. Während der historische Hintergrund für Kinder schwer erschließbar ist, gestaltet sich der Held der Geschichte durchaus kindaffin. Dieser ist jedoch weder ernsthaft in Gefahr noch verhält er sich augenscheinlich unmoralisch. Die Episoden zwei und drei der achtteiligen Serie enthalten keine Inhalte für Kinder, die negativ nachhaltig wirken könnten, weshalb sie im Tagesprogramm gezeigt werden können. Lediglich die erste Folge zeigt einen Gewaltakt, der unter 12-Jährige ängstigen kann. Ein bildlich dargestellter Kopfschuss in einer für Kinder realitätsnahen und bekannten Umgebung – in einem Zug – führt hier zur Freigabe für das Hauptabendprogramm und der Altersgruppe ab 12 Jahren.

Zur ausführlichen ProgrammInfo auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Henrike Rau

Henrike Rau studierte Architektur an der Universität Kassel. Danach begann sie ein Studium der Digitalen Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und arbeitet aktuell an ihrem Master in Medienwissenschaften. Neben Uniprojekten wie Sehsüchte, der Kinderfilmuni oder Kooperationen mit dem Filmmuseum Potsdam haben Praktika beim UFALab und bei der FSF ihre Ausbildung mit Praxis belebt.

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