Überzogen, dennoch realitätsnah?

Schon in der Schlange vor dem Ticketschalter ist klar, dass das kein gewöhnlicher Kinobesuch wird: Vor mir, hinter mir, links und rechts neben mir – überall wird Polnisch gesprochen. Seit einiger Zeit schon laufen in mehreren Multiplex-Ketten regelmäßig Filme aus unserem Nachbarland in OmU, um die große polnische Community hierzulande zu bedienen. Am 21. Oktober war auf diese Weise Kler bundesweit zu sehen.

Dass dieser Film in seiner Heimat Aufsehen erregt und sich zu einem veritablen Skandalerfolg entwickelt hat, ist den Feuilletonlesern in Deutschland kaum verborgen geblieben. Regelmäßig berichten Zeitungen und TV-Sender, wenn wieder ein neuer Zuschauerrekord aufgestellt, die nächste Marke geknackt wird. Aktuell steht Kler bei über 3,5 Millionen Besuchern, was ihn zum meistgesehenen Film des Jahres macht. Seit 1989 lockten überhaupt nur vier Filme mehr Zuschauer in die Kinos. Im Multiplex meiner Wahl war der Andrang schon im Vorverkauf so groß, dass er statt wie vorgesehen in einem Kinosaal gleich auf vier Leinwänden läuft.

Meine Frau hat auf KLER besonders hingefiebert. Sie ist im Polen der 1970er-Jahre geboren, mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. an der Spitze der katholischen Kirche aufgewachsen, wie die meisten ihrer Landsleute tief im Glauben verwurzelt – und mittlerweile äußerst kritisch nicht der Religion, aber der Institution Kirche gegenüber eingestellt. Die lange anhaltende Negierung jedweder Missbrauchsfälle ist dabei ein Grund für die zunehmend ablehnende Haltung vieler, vor allem junger Polen, ein mindestens ebenso großer Aufreger sind die Seilschaften der polnischen Kirche mit dem Staat. Wenn wir auf Heimatbesuch sind, kann ich den Gesprächen meiner Frau mit Familie und Freunden ob meiner mangelnden Polnischkenntnisse meist nicht folgen, doch wenn es um dieses Thema geht, lässt sich das universelle Wort „Mafia“ immer wieder heraushören, um die Institution Kirche und ihre Verbindung zur Politik zu beschrieben. Es mag daher auch bezeichnend sein, dass sich die Regierung in Warschau vor den Klerus stellte und vom Kinobesuch abriet – mit der Folge, dass das Publikum nur noch neugieriger und gespannter auf Kler wurde.





Missbrauch, Korruption und die Einflussnahme der Kirche in Politik und Gesellschaft sind denn auch die zentralen Themen von Kler. Überspitzt formuliert, oft pointiert, manchmal überzogen, auf der formalen Ebene ein gelungener Film. Die Reaktionen der polnischen Besucher in meinem Kino – von Anfang 20 bis Mitte 60 war jede Altersklasse vertreten – sind jedoch anders, als ich es erwartet hatte. Natürlich wird die Satire und das Überzogene in der Erzählung erkannt, doch viele nicken nur und sagen, genau so ist es doch – und alle wissen es. „Der Film“, so meint meine Frau zu mir, „ist näher an der Realität als Du dir das vorstellen kannst“. Dass es endlich Zeit wurde für einen solchen Film ist zu hören, dass er aber schon viel früher hätte gemacht werden sollen. Und andere hoffen, dass sich durch die losgetretene Diskussion nun auch etwas ändern möge und Missbrauchsopfer Entschädigung erhalten werden.

Man mag zu der Institution Kirche und zu Kler stehen, wie man will – dass ein Kinofilm in der heutigen Zeit in der Lage ist, einen gesellschaftlichen Diskurs zu entfachen, ist grundsätzlich so selten wie begrüßenswert. Dass es ausgerechnet in Polen und ausgerechnet mit dieser Thematik geschieht, erscheint umso bemerkenswerter.

Über Jens Dehn

Jens Dehn studierte Film- und Theaterwissenschaft sowie Kulturanthropologie an der Universität Mainz. Seit 2007 arbeitet er als freier Journalist für Print- und Online-Medien und schreibt hauptsächlich über Film und Fernsehen.

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