Who wants to fuck – Kalkulierter Tabubruch als virales Marketing

Dass Christian Ulmens satirische Comedy-Show Who wants to fuck inmitten der aktuellen Sexismusdebatte ausgestrahlt wird, ist Zufall. Der Wirbel, der um die Sendung bereits im Vorfeld veranstaltet wurde, kann dadurch nur befördert werden. Den Machern dürfte das entgegenkommen, denn sie setzen im Marketing von Anfang an auf Negativschlagzeilen. Ob die Sendung die Diskussion wert war, wird sich zeigen. Passenderweise am „Tag der Liebenden“, dem 14. Februar, wird die erste Folge der zwölfteiligen Show auf Tele 5 ausgestrahlt.

Who wants to fuck (WWTF) ist eine TV-Satire auf die Game- und Kuppelshows der hiesigen Fernsehlandschaft. Christian Ulmen mimt als Moderator die Kunstfigur Uwe Wöllner, ein leicht zurückgeblieben wirkender, arbeits- und distanzloser Computerfreak, der sich auch das Konzept der Sendung ausgedacht haben soll: „Zwei vergebene, erfolgreiche Männer treten in der Show gegeneinander an. Jeder wettet: `Meine Freundin ist die Geilste – und: Alle Männer dieser Welt möchten mit ihr schlafen.‘ In vier Spieldisziplinen schicken die Männer ihre Freundinnen zum Punktesammeln: ins Café, ins Bordell oder sogar auf den Straßenstrich. Derjenige, dessen Freundin die meisten eindeutigen Angebote bekommt, gewinnt – und zwar laut Wöllner, „einen Kranz, auf dem ‚Everybody wants to fuck my Girlfriend‘ steht“ (Pressemitteilung zur Sendung von Tele 5, 16.01.2013).
Dass jemand auf eine derartige Idee kommen kann, ist tragendes Element der beabsichtigten Mediensatire. Schließlich ist Wöllner, so Ulmen im Interview mit dem Cicero, als eine Art „Medien-Kaspar-Hauser“ gedacht: Er ist nicht in Dunkelheit, sondern mit dem Fernsehen aufgewachsen, mit Sendungen wie Der Bachelor und Die Schöne und der Freak, die von der Grundidee ähnlich menschenverachtend seien, die Dinge aber nicht beim Namen nennen würden. „Diese Formate tragen alle recht schöne Mäntlein … so dass viele Zuschauer gar nicht checken, was daran scheiße ist. Uwe ist einer dieser Zuschauer.“ Das Ergebnis der Versuchsanordnung, was sich „einer wie Uwe für ne Show ausdenken“ würde, ist daher, so Ulmen, nur „plausibel und folgerichtig.“
Bereits im Vorfeld hat allein die Ankündigung der Sendung mit dem provokanten Titel für Aufregung gesorgt. Die Macher sind daran nicht unschuldig, sondern haben die Empörungswelle weiter angeheizt. In der Presseankündigung wird der Begriff Satire konsequent vermieden, wird die Sendung als „Gameshow für die ganze Familie (Wöllner)“ und der Moderator als „Entdeckung“ Christian Ulmens vorgestellt. Ein Link führt zur Stellungnahme des „Produzenten“ Gero Schorch, der sich für den Eindruck entschuldigt, die Sendung propagiere ein falsches Frauenbild – um gleich noch einen draufzusetzen: „Es ist nur so: Wir brauchen die Quote!“
Für Ulmen gehört der Shitstorm „zum Gesamtkunstwerk“, und er bleibt erwartungsgemäß nicht aus: Die Sendung wird als „sexistische Kackscheiße“ in feministischen Blogs scharf kritisiert, Twittermeldungen und Facebook-Kommentare werden organisiert, Verbotsforderungen werden laut. Eine an den bayerischen Medienrat gerichtete Petition, die (noch nicht angelaufene) Sendung „unverzüglich“ abzusetzen, wird inzwischen von über 1500 Menschen unterstützt.
Gründe für ein Sendeverbot erkannte die FSF in den bislang vorgelegten vier Folgen indes nicht. Die „grobschlächtige Parodie“ richte sich an ein junges Publikum, das „Spaß an der Verletzung von Tabus hat, insbesondere beim Reden über Sexualität und beim Spiel mit Geschlechtsrollenzuschreibungen“, heißt es im FSF-Gutachten zur Folge 3, die ursprünglich als Auftakt der Reihe gedacht war. Die Darstellung von der Frau als Sexobjekt sei „erkennbar überzogen“, die Frauen wirkten „nicht fremdbestimmt“, würden die Männer mit ihren deutlichen Angeboten zum Sex zum Teil auch „verschrecken“ und könnten „nicht immer landen“. Die „fehlende Perfektion“ und der „deutliche Unernst“ würden die Parodie unterstreichen, so dass es Zuschauern ab 16 Jahren gelingen werde, die Sendung als solche zu dechiffrieren (FSF-Porgramminfo Who wants to fuck).
Unterdessen wird weiter an der Entrüstungsspirale gedreht: Auf der Tele 5-Seite bedankt sich Produzent Schorch in einem zweiten Video bei „den Feministinnen, die mit diesem Shitstorm als großartiges Marketing-Tool für Aufmerksamkeit gesorgt haben“. Als Zeichen des Danks „Vertreterinnen der eigenen Zunft“ einladen zu wollen und in der ersten Ausgabe nun das Special „Who wants to fuck my lesbian girlfriend“ zu zeigen, dürfte für weiteren Unmut sorgen.
Damit Ulmens Konzept aufgeht, muss das „Gesamtkunstwerk“ stimmen, das nur mit dem Wissen um Wöllner als Kunstfigur im Medienbetrieb und dem Spiel mit diversen Subtexten funktioniert. Wer in der „Uwe-Wöllner-Saga“ nicht zuhause ist, wird der Sendung dagegen kaum etwas abgewinnen können: zu wenig bissig, zu wenig überzogen und letztlich auch zu wenig entlarvend. „Diese ganze Metaebene von Satire und Aufdecken ist nicht dauernd präsent, wenn ich mit Uwe Wöllner unterwegs bin“, bringt Ulmen selbst das Unbehagen vieler Kritiker auf den Punkt. Insofern ist die Sendung Who wants to fuck womöglich als Satire nicht gelungen, als Beispiel für modernes Shitstorm-Marketing ist sie es allemal.

Über Claudia Mikat

Claudia Mikat ist seit 2015 Geschäftsführerin Programmprüfung und hauptamtliche Vorsitzende der FSF-Prüfausschüsse. Sie studierte Erziehungswissenschaften/Freizeit- und Medienpädagogik an der Universität Göttingen. Danach arbeitete sie als freiberufliche Medienpädagogin, als Dozentin und in der Erwachsenenbildung. Von 1994 bis 2001 leitete sie die Geschäftsstelle der FSF und wechselte dann in die Programmprüfung, die sie seit 2001 verantwortet.

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