Jubel in Athen

Keine schlechte Idee, im Dezember nach Griechenland zu fliegen. Dort scheint die Sonne und es ist entschieden wärmer. Aber ist man als Deutscher auch willkommen? Zumindest der Taxifahrer lächelt und schon die Fahrt ins Hotel wird zum Erlebnis. In den alten Daimler einsteigen und erstmal gemeinsam eine rauchen – ein herrliches, längst vergessenes Gefühl, und wir kommen schnell ins Gespräch. Über das Wetter, die Familie und natürlich über die Krise. Er erzählt von seinen Kindern, die bei einer amerikanischen und einer schweizer Firma arbeiten und deshalb mit ihren Jobs Glück hätten. Er selbst bessert sich die Rente mit Taxifahren auf, aber im Freundeskreis gäbe es viele Familien mit mehreren Kindern, in denen gleich beide Elternteile die Arbeit verloren hätten. Der Rutsch von der empfundenen Mittelklasse in die reale Armut. Der Taxifahrer zeigt auf geschlossene Ladenzeilen und spricht von vielen jungen Leuten, die keine Aussicht auf Arbeit hätten und nur noch weg wollten aus Griechenland. Plötzlich stehen wir schon vor dem Hotel. Seine letzte Frage an mich: warum ich eigentlich in Athen sei. Mit jungen Leuten hat das auch zu tun, versichere ich ihm …

Seit zehn Jahren unterstützt die FSF das Projekt doxs!. Dieses ist mehr als ein Festival des Dokumentarfilms für Kinder und Jugendliche. Doxs! veranstaltet medienpädagogische Workshops an Schulen, geht auf Tour durch Deutschland und schließlich, im wahrsten Sinne des Wortes, über Grenzen. Die von doxs! kuratierte und vom Goethe-Institut verbreitete „JUNGE HELDEN“-DVD ist ein in Europa einzigartiges Projekt und gleichzeitig ein Versuch, mit Dokumentarfilm medienpädagogisch international agieren zu können. Die DVD-Edition umfasst 26 Filme aus zehn Ländern Europas für Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 15 Jahren. Nach meinem Besuch in Russland standen jetzt Workshops mit griechischen Kindern und Jugendlichen auf dem Programm. Auf dem Dokumentarfilmfestival „Cinema & Wirklichkeit“ in Athen präsentierte doxs! dokumentarische Arbeiten für Kinder und Jugendliche. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Athen stellte doxs! Dokumentarfilme der Edition JUNGE HELDEN vor und lud zum Filmgesprächen ein.

Am ersten Tag kommen über 200 Kinder ins Kino und wir sehen einen französischen Film. Dieser erzählt von einem achtjährigen, kolumbianischen Jungen, der äußerlich glücklich, seine Familie und Freunde aus dem Vorort eines verarmten kolumbianischen Dorfes zeigt. Gleich im Anschluss geht es weiter mit einem Film aus der Perspektive eines holländischen Jungen, den es unglaublich nervt, ständig eine Zahnspange tragen zu müssen. In seiner Fantasie befreit er sich von allen Regeln und zerstört am Ende auch die Zahnspange selbst. In den sich daran anschließenden Gesprächen kommt die Frage auf, warum der kolumbianische Junge glücklicher wirkte als der Holländer, obwohl die Lebensverhältnisse des kolumbianischen doch offensichtlich dramatischer sind. Einige Kinder sahen aber auch hinter die äußerlich glücklich scheinende Fassade des kolumbianischen Jungen, aus dem ersten Film. Schildern dass man in vielen Bildern aus dem Umfeld des ersten Films sehen könne, wie es den Erwachsenen geht, wenn die Armut ein Leben lang bleibt. Besonders aktiv wurden die Kinder als es darum ging, darüber zu sprechen welche Regeln sie gern durchbrechen wollen. Wie überall auf der Welt wurden Dinge genannt wie länger Fernsehen oder Computerspielen zu dürfen, keine Hausaufgaben mehr erledigen zu müssen, überhaupt schulfrei zu haben und im Kino sitzen zu können – so wie jetzt gerade – eben den ganzen Tag lang! Einige Kinder forderten, dass so eine Art Filmgespräch öfters passieren müsste. Als ich die Frage stellte ob sie sowas wiederholen wöllten, brach regelrechter Jubel aus.

Am zweiten Tag sahen 12-jährige Schülerinnen und Schüler einen griechischen Film, der die Geschichte von Jungen und Mädchen einer Kleinstadt erzählt, die sauer darüber sind, dass ihnen kein Bolzplatz zur Verfügung steht. Sie beschließen direkt zum Bürgermeister zu marschieren und von ihm zu fordern, dass sich das ändert. Mit Hilfe verschiedenster Filmtechniken (Videotagebuch, versteckte Kamera usw.) zeigte der Film nicht nur das Spektrum filmischer und journalistischer Arbeit auf, sondern erzählte eine Geschichte, in der Jugendliche erkennen, was es heißt, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und für die eigenen Interessen zu kämpfen. Der Film lässt erahnen, dass der Bürgermeister nur leere Versprechungen macht – was die  Kinder als sehr realistisch und gut dargestellt empfanden. Sehr präzise und klar benannten sie die Szenen im Film, die nachgestellt wurden. Somit wurde sehr schnell deutlich, wie gut Jugendliche in diesem Alter die Grenze zwischen Fiktion und Realität erkennen. Viele der Kinder beschäftigte die Frage, ab wann man denn nicht mehr von einem Dokumentarfilm sprechen könne. Und so gerieten wir schnell in einen Diskurs, der auch in der Fachwelt noch nicht endgültig zu Ende geführt wurde. Damit schloss das Filmgespräch mit den Kindern und Jugendlichen und meine Zeit auf dem Dokumentarfilmfestival „Cinema & Wirklichkeit“ ging zu Ende.

Leider war nur wenig Zeit, um Athen zu besichtigen. Ich genoss noch ein wenig die Nähe zur Akropolis (die leider geschlossen war)und stieg auf einen der Hügel, um die sich diese Stadt auf beeindruckende Weise manifestiert. Dann ging es schnell zurück zum Hotel und dort wartet er schon wieder, mein Taxifahrer. Einsteigen, erstmal eine rauchen und erzählen.

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Über Leopold Grün

Leopold Grün arbeitete ein Jahr als Grundschullehrer in der DDR, absolvierte anschließend ein Studium der Sozial- und Medienpädagogik in München. An der Humboldt-Universität Berlin studierte er Sozial- und Politikwissenschaften und schloss 2001 an der TU Berlin als Diplom-Medienberater ab. Seit 1996 als Medienpädagoge bei der FSF tätig. Ab 2004 arbeitet er gleichzeitig als freier Filmemacher: Der Rote Elvis und Am Ende der Milchstraße sind unter seiner Regie entstanden.

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