Verletzendes Online-Verhalten? Nicht mit uns! Wie man das Thema erfahrbar macht.

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Screenshot Ethik macht klick, Baustein 2 © klicksafe

Wie kann man einen Elternabend zum Thema „Verletzendes Online-Verhalten“ erlebbar machen? Indem man weg geht von reinen Vorträgen, bei denen Erwachsene zuhören und dann wieder gehen dürfen. Indem man praktische, lebensnahe Übungen einbaut und sich so traut, die Gäste von ihren Sitzen zu holen. Und indem man Eltern und Kinder zusammen an einen Tisch bringt. Mein „neuer“ Abend besteht aus praktischen Übungen, Vortragselementen und vor allem aktivem Austausch. Als Inspiration dient das Modul Ethik macht klick [1] von klicksafe (mehr dazu hier: https://blog.fsf.de/medienpadagogik). Drei Übungen aus dem Handbuch habe ich ausprobiert und z. T. weiterentwickelt. Bilanz: unbedingt ausprobieren!

Was verletzend ist, kann man nicht definieren – Übung „verletzend oder nicht?“

In Übung 1 werden Eltern und Kinder gebeten zu bestimmen, ob eine mediale Situation aus eigener Sicht verletzend ist oder nicht. Als Maß dienen auf dem Boden liegend zwei Pole – am einen Ende des Raumes der Pol „verletzend“, am anderen der Gegenpol „nicht verletzend“. Als Beispiele nutze ich fertige Situationskarten aus Ethik macht klick. Das Plenum soll sich auf den Polen oder dazwischen positionieren.  Das Spannende: Eltern stehen bei den Situationen immer wieder dort, wo die eigenen Kinder nicht stehen. Und es besteht ein Wissensgefälle zwischen Alt und Jung. Auswertung im Plenum: „Was ist Euch/Ihnen aufgefallen?“ Die Übung zeigt, dass verletzende Situationen unterschiedlich stark (bzw. verletzend) wahrgenommen werden. Es gibt keine feste Norm oder Definition, was verletzend ist und was nicht. Letztlich ist jeder Mensch verletzlich. Und: Nicht nur Kinder untereinander, sondern besonders Eltern und ihre Kinder unterscheiden sich in der Wahrnehmung dessen, was grenzverletzend ist.

Was macht Anonymität im Netz mit uns? Übung „Offline Posting“ abwandelt

In Übung 2 und 3 geht es um Unterschiede in der Kommunikation im Netz versus offline. Erster Schritt: Wenn uns etwas gefällt, liken wir es, oder kommentieren es überschwänglich, während wir im Vergleich Komplimente und nette Worte offline sparsamer einsetzen. Wieso ist das so? Die Übung „Offline Posting“ fordert das Plenum, mal „in echt“ anzuerkennen. Jeder soll dem Sitznachbarn ein Kompliment machen, direkt ins Gesicht. Und wie war´s? „Ein komisches Gefühl, aber auch irgendwie schön, die Freude beim anderen zu sehen“, merkt ein Junge an. „Schon ungewohnt“, meint ein Vater. Stimmt, im Netz fällt es uns leichter, Komplimente zu machen und anzuerkennen – unter dem Deckmantel der Anonymität. Das hat Vor- und Nachteile.

Verletzen im Netz geht einfach(er) – Übung  „In your face“

Bei „In your face“, der dritten Übung, wird es ernst: Der Sitznachbar muss fiktiv beleidigt werden (wichtig, es sollte nichts Wahres sein) und zwar direkt ins Gesicht. „Und als nächstes dreht Euch um und sagt dasselbe nochmal, nur dass Ihr Euren Ansprechpartner nicht mehr seht. Wie fühlt sich das an?“ „Geht leichter. Das ist wie im Netz“, beobachtet ein Junge, „da sehe ich die Person auch nicht unbedingt und bekomme kein direktes Feedback“. „Und ich sehe nicht, wie die andere Person das verletzt, ich sehe ja die Reaktion nicht“, ergänzt jemand. Genau das soll die Übung verdeutlichen – im Netz geht uns ein fieses Wort schneller von der Hand, weil der direkte Kontakt fehlt. „Und wie fühlt es sich an, wenn man nur hört oder liest, was andere über einen sagen?“ – „Ziemlich mies“, stimmen alle zu. Mit den beiden Übungen macht man, besonders bei weniger netzaffinen Menschen, das Erleben im Netz – Schönes wie Verletzendes – aus Sicht der Adressaten als auch aus Sicht des Empfängers greifbarer, als wenn man die Eigenschaften der digitalen Welt nur beschreibt.

Was kann ich tun – proaktive Lösungen zur Übung „verletzend oder nicht

Um auch proaktive Lösungen mit auf den Weg zu geben, schauen wir noch mal auf die Situationskarten aus Übung 1. „Was könntet ihr in den einzelnen, z.T. ja echt verletzenden Fällen tun?“, frage ich vor allem die Heranwachsenden, „sowohl wenn ihr selbst oder auch wenn jemand anderes betroffen ist? In welche Rolle, die wir heute auch thematisiert haben, könntet ihr euch wie begeben? Zuschauer, Helfer oder sogar Held?“ Viele unterschiedliche technische und prosoziale Ideen werden genannt, die v.a. zweierlei zeigen: Gemeinsam finden wir eine Lösung und die jungen User sind besser aufgestellt, als ihre Eltern erwarten. Es kann also hilfreich sein, Ideen und Lösungen zu den verletzenden Situationen gemeinsam zu suchen und anzugehen. In jedem Fall muss man es angehen!

[1] Ethik macht klick, Baustein 2,  S. 73 f. http://www.klicksafe.de/themen/medienethik/verletzendes-online-verhalten/

Über Eva Borries

Eva Borries ist Diplom-Medienpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Landau. Außerdem arbeitet sie deutschlandweit als Referentin für Medienkompetenz. Sie entwickelt individuelle medienpädagogische Fortbildungen, Vorträge und Workshops.

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