Start des FSF-Adventskalenders mit Überall Untote

Von der fünften Staffel The Walking Dead bleibt uns nur noch eine Folge, bis sich TWD in die Winterpause verabschiedet. Am 09. Februar 2015 geht es dann weiter. Normalerweise gibt es bei uns die Ergebnisprotokolle aus der FSF-Programmprüfung zur jeweiligen Episode um 21.00 Uhr – parallel zur Ausstrahlung der Folge auf FOX. Zum Halbfinale stellen wir Euch die Prüfentscheidung zu Episode 508 schon jetzt online.
Und oben drauf gibt es noch ein sehr interessantes Interview mit Sarah Juliet Lauro, in dem sie u.a. über den Ursprung der Zombies spricht.

Ergebnisprotokoll
Prüfauschuss

Hier geht es zur Entscheidung der FSF die Epsiode Code der fünften Staffel The Walking Dead betreffend. *Enthält Spoiler*

Das Zombie-Phänomen im Film, im Fernsehen und in der Gesellschaft

Sarah Juliet Lauro, Fotograf: Robert Muratore
Sarah Juliet Lauro, Fotograf: Robert Muratore

Sarah Juliet Lauro ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Film und Literatur an der Clemson University in South Carolina. Sie hat zu den historisch-kolonialen Wurzeln des Zombie-Mythos promoviert und beschäftigt sich intensiv in Büchern und Artikeln mit den Untoten. Mit tv diskurs sprach sie u. a. über die Entstehung des Zombie-Kults, Zombies als politische Metaphorik und die Erfolgsserie The Walking Dead. Wir veröffentlichen hier nur einen Teil des Interviews, in voller Länge ist es in der aktuellen tv diskurs nachzulesen!

Gerade sehen wir im Kino und vor allem auch im Fernsehen wieder überall Zombies – die Untoten sind wirklich nicht totzukriegen, oder?

Da ist was dran! Im ersten literarischen Stück der Welt finden wir bereits zombieähnliche Figuren, das ist von 2000 v. Chr.! Uns alle eint ja eine Sache: die Sterblichkeit. Figuren, die diesem depressiven Gedanken trotzen, faszinieren uns eben, das kam nie und wird nie aus der Mode kommen. Was sich weiterentwickelt, das ist die Darstellung. Manche Aspekte fallen weg, andere kommen hinzu. Das war schon immer so. Bald ist der Zombie vielleicht kein ansteckender Kannibale mehr. In den Filmen von George A. Romero [Regisseur von Zombie-Filmen wie Die Nacht der lebenden Toten u. a., Anm. d. Red.] ab Ende der 1960er-Jahre z. B. bewegen sich die Zombies noch ganz anders, als wie sie es heute tun. Oder denken Sie an den Film Warm Bodies aus dem letzten Jahr über Zombies, die sich verlieben können! Wobei man hier kritisieren kann: Ein faulender Zombie muss einfach extremen Mundgeruch haben – wer würde den schon küssen? (lacht) Aber im Ernst: Mittlerweile gibt es da auch diese eher zuversichtliche Variante, dass Zombies wieder Menschen werden können.
Das ist aber noch die Ausnahme und oft Kitsch.
Man will damit vor allem zahlende Teenager ins Kino locken. Dennoch sagt es viel über die Beständigkeit und gleichzeitige Wandlungsfähigkeit des Zombies aus.

Wie lautet Ihre persönliche Definition des Zombies?

Das ist eben gar nicht einfach. Meine Basisdefinition ist: Ein Zombie ist ein depersonalisierter Mensch. Hinzu kommen sein Hunger auf Menschenfleisch oder menschliches Gehirn und die Übertragung seines Zustandes durch Bisse auf andere. Aber, wie gesagt, das wandelt sich. Die historischen Wurzeln des Untoten sind da etwas anders.

Und genau das gehört zu Ihren Forschungsinteressen – wo kommt der Zombie denn her?

Ich bin total fasziniert davon, dass der Zombie auch in anderen Ländern außer den USA solch ein Phänomen ist. Für mich ist er nämlich das amerikanische Monster überhaupt. Dennoch kommt der Mythos von woanders, er hat haitianische Wurzeln. Von 1915 bis in die 1930er-Jahre wurde Haiti von den Amerikanern besetzt. Immer wieder berichteten die dort stationierten Soldaten bei ihrer Rückkehr in die USA von dem Voodoo-Kult auf der karibischen Insel. Dieser wurde zuvor von den vielen afrikanischen Sklaven in den Inselstaat importiert. Vor allem erzählten die amerikanischen Soldaten gerne von den toten Menschen, die begraben werden, nach einiger Zeit allerdings wieder aus den Gräbern steigen und dann als Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Untote Sklaven. Heute weiß man, das basierte auf Drogen, die einen Scheintod hervorrufen. Hollywood sah darin schnell eine Geschichte, der erste Zombie-Film kam in den 1930ern und von da an hat sich das weiterentwickelt. Übrigens kam erst in den 1960ern der Hunger auf Menschenfleisch dazu.

Sprechen wir über The Walking Dead als die einflussreiche Zombie-Produktion der Gegenwart. Was bringt die Serie des US-Kabelsenders AMC dem popkulturellen Zombie-Universum Neues?

Ich mag die Serie nicht wirklich, denn zum einen geht es hier, wie bereits gesagt, eigentlich gar nicht um Zombies, sondern um die noch nicht infizierten Menschen. Aber es gibt noch einen zweiten, wichtigeren Grund, warum ich von The Walking Dead wenig angetan bin: Die Serie ist mir zu waffenverliebt. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland oder woanders auf der Welt ist, aber in den USA haben wir gerade ein riesiges Waffenproblem – und die Serie spielt den Waffenaktivisten extrem in die Hände. Denn sie suggeriert: Am Ende brauchen wir Waffen, um unser Leben und unsere grundlegendsten Werte zu verteidigen. Die Fans der Serie kommen zu einem großen Teil aus diesem Lager. Aber natürlich nicht alle.

Was sagen Sie zu anderen Aspekten in der Serie?

Ich war gerade zu Beginn der Serie sehr unglücklich mit der Darstellung der Frauen. Man sieht sie z. B. oft Wäsche waschen, während die Männer unterwegs sind, Essen besorgen oder Zombies jagen. Das war und ist bis heute oft sehr geschlechtsstereotypge halten. Und selbst, wenn die Frauen in der Serie versuchen, etwas daran zu ändern, endet das meistens schlecht für sie. Unter den weiblichen Charakteren finde ich nur Michonne [gespielt von Danai Gurira, Anm. d. Red.] wirklich interessant.

Danai Gurira als Michonne – The Walking Dead © Gene Page/AMC
Danai Gurira als Michonne – The Walking Dead © Gene Page/AMC

Diese Figur ist ein höchst intelligenter Rückverweis auf den Originalmythos des haitianischen Zombies. Nicht nur, weil sie Afroamerikanerin ist, sondern auch, weil sie ja zu Beginn stets zwei weiße angekettete Zombies mit sich führt – ein Spiel mit dem Zombie-Ursprung über die afrikanischen Sklaven und den europäischen Kolonialismus. Für mich und offensichtlich auch für Robert Kirkman [Autor der Comicbuchreihe und Executive Producer der Serie, Anm. d. Red.] steht der Zombie immer in Verbindung mit Sklaverei und Machtlosigkeit. Wenn wir heute Zombies darstellen, rufen wir auf eine Art auch immer die Geister der Sklaverei zurück, die wir nicht wirklich verarbeitet haben. Ein intelligenter Schachzug der Serienmacher!

Wie wird sich der Zombie zukünftig weiterentwickeln?

Wie bereits erwähnt, wird es sicherlich noch mehr ökologische Bezüge geben. Ansonsten würde ich gerne mal Zombies sehen, die Waffen benutzen können. Für mich sind die echten Zombies momentan die, die – ich spreche jetzt über die USA – einfach ein Maschinengewehr kaufen und damit dann ein ganzes Einkaufszentrum plattmachen. So etwas geschieht in meinem Land ohne Folgen. Also, natürlich gehen diese Leute dafür ins Gefängnis, aber gesellschaftlich ändert sich nichts. Das passiert immer öfter, und damit kommen wir doch der realen Zombie-Apokalypse gefährlich nahe. Vor allem auch in Verbindung mit Drogen geschehen schlimme Dinge. Haben Sie von der Miami-Zombie-Attacke 2012 gehört? Ein Mann auf Drogen hat einem anderen auf offener Straße das Gesicht wörtlich herausgefressen, sie brauchten mehrere Schüsse, um ihn zu töten. Wo ist da noch der Unterschied zum Film? Der Zombie zeigt uns selbst als unseren größten Feind, da wäre es nur konsequent, wenn er auch bald mit Waffen hantieren könnte. Das könnte den Leuten über unsere Waffenpolitik zu denken geben. Letztendlich würde ich mir aber auch mehr konkrete narrative Rückbezüge zur kolonialen Geschichte des Zombies wünschen.

Das Interview führte Hendrik Efert. Das vollständige Interview ist in tv diskurs 4/2014 erschienen.

Über Hendrik Efert

Hendrik Efert ist freier Medien- und Kulturjournalist mit den Schwerpunkten Popkultur, Film und Fernsehen. Er arbeitet u. a. für das Deutschlandradio, den WDR sowie einige Printmagazine und schreibt manchmal für die tv diskurs.

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