Das Grimme-Märchen oder: von einem, der auszog, das Spielen zu lernen

Anlässlich der heutigen Verleihung der Grimme-Auszeichnungen (52. Jahrgang) im Theater der Stadt Marl, Sitz des Grimme-Instituts, widmen wir uns der Vorstellung des deutschen Nachwuchstalents Jonas Nay. Die Serie Deutschland 83 mit ihm als Hauptdarsteller erhielt den Grimme-Preis in der Kategorie „Fiktion“.

Ganz ehrlich: Hätte mir jemand erzählt, Jonas Nay sei der neue, schwarzhaarig, gelockte Nachbar aus der Reihenhaussiedlung gegenüber ‒ ich hätte es unreflektiert so hingenommen. Und vermutlich lange nicht mitbekommen, dass dem nicht so ist. Denn bis vor Kurzem war der Name quasi ein weißer Fleck auf meiner medialen Landkarte. Dabei ist Jonas Nay eigentlich längst kein Geheimtipp mehr.

Spätestens seit seiner Hauptrolle als DDR-Oberfeldwebel in der RTL-Serie Deutschland 83 kommt man an dem Lübecker – Jahrgang 1990, als die DDR bereits Geschichte war – im deutschen Fernsehen kaum noch vorbei.

Unter verdecktem Codenamen und mit Pseudonym wird Nay als Martin Rauch von der Hauptverwaltung Aufklärung als Spion in die Bundeswehr eingeschleust. Genug Stoff für acht Episoden, die sogar vor der Deutschlandpremiere in den USA ausgestrahlt wurden. Und für RTL der erneute Beweis, dass sich auch mit handwerklich gut gemachten Geschichtsthemen eine halbwegs akzeptable Quote erreichen lässt.

Der Weg aus dem Nischendasein war für Jonas Nay vergleichsweise linear. Schon beim Abitur 2004 hatte er erste Fernsehluft geschnuppert ‒ bei der NDR-Kinderserie 4 gegen Z als Otti Sörensen, der mit anderen Familienmitgliedern in einer geerbten, aber merkwürdigen Villa lebt. Schon da hagelte es Preise. Anschließend entscheid er sich für eine Ausbildung zum Filmkomponisten und studierte an der Musikhochschule Lübeck Jazz- und Pop-Piano. Denn Musik ist Nays zweite Leidenschaft; erst in der Schule mit der Combo Concerted, später mit der Band Northern Lights, die 2014 sogar ein Album veröffentlichte. Darauf spielt Jonas Nay so ziemlich alles außer Triangel und Tamburin: Klavier, Gitarre, Schlagzeug ‒ und nebenbei singt er noch.

Sollte es mit der Schauspielerei also langfristig doch nicht klappen, müssen wir uns um das Nordlicht keine Sorgen machen. Für den Moment sieht es aber so aus, als würde die Musik noch lange Zeit ein bloßes Hobby bleiben. Denn nach 4 gegen Z folgten Rollen in Serien wie Die Pfefferkörner, Großstadtrevier, Rettungsflieger, Notruf Hafenkante oder dem altehrwürdigen Tatort.

Den vorläufigen Höhepunkt seiner noch jungen Karriere markierte der Film Homevideo, in dem er einen Achtklässler mimt, der aufgrund eines intimen Privatvideos durch soziale Netzwerke gemobbt wird und schließlich mit der Dienstwaffe seines Vaters, eines Polizisten, Suizid begeht. Der Film traf direkt ins Schwarze ‒ und brachte dem Jungschauspieler neben vielen anderen Auszeichnungen einen der begehrten Grimme-Preise ein.

Seitdem kann sich Jonas Nay seine Rollen quasi aussuchen: Im Wesentlichen sind das kaum noch Gastrollen in Serien, sondern primär Hauptrollen in Fernsehspielen ‒ und hin und wieder mal ein Tatort. Gerne aber auch der ein oder andere Kinofilm, etwa David Dietls König von Deutschland, einer Gesellschaftssatire um einen äußerst durchschnittlichen Bundesbürger und seinen Sohn. Und dann kam eben Deutschland 83.

Wenn ein deutscher Fernsehfilm ‒ zumal einer, bei dem es nicht primär um den Zweiten Weltkrieg geht ‒ freiwillig im US-Fernsehen ausgestrahlt wird, dann darf man vermuten, dass dies nicht Nays letzter Auftritt auf dem amerikanischen Kontinent gewesen ist. Bleibt also abzuwarten, ob Jonas Nay zukünftig die eine oder andere Abzweigung nehmen wird.

Ach ja: Übrigens hat er dunkelblonde, glatte Haare …

Über Cornelia Klein

Dr. Cornelia Klein studierte Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und promovierte über die mediale Vorbildkompetenz. Sie arbeitet als Lektorin und Redakteurin bei einem pädagogischen Fachverlag.

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