Nachsehen und Erstbegegnungen – Das Filmfest Hamburg 2015

Binnenalster Filmfest Bild 1 © Filmfest Hamburg / Christian Spahrbier
Binnenalster Filmfest © Filmfest Hamburg/Christian Spahrbier

Bei Filmfesten gibt es sogenannte A-Festivals wie Cannes, Berlin oder Venedig, die aufgrund ihres internationalen Wettbewerbs als besonders bedeutsam gelten. Und für diejenigen, die nicht nach Cannes oder Venedig oder auch Locarno fahren, gibt es auf kleineren Festivals – des Öfteren als „Nachspielfestivals“ bezeichnet – die Möglichkeit, die dort gezeigten Filme nachzuholen. Das Filmfest Hamburg bot in diesem Jahr mit Dheepan und Son of Saul gleich zwei der meistdiskutierten Cannes-Filme und -Preisträger zum „Nachsehen“ an, die zudem auf zwei Schwerpunkte in der diesjährigen Filmauswahl in Hamburg verweisen: Flüchtlinge und der Zweite Weltkrieg.

Als Jacques Audiard im Mai 2015 die Goldene Palme für sein Drama Dheepan erhielt, hieß es sehr schnell, dass der Preis vor allem auf die – weiterhin ungebrochene – Aktualität des Themas seines Films zurückzuführen sei: In seinem Drama erzählt Audiard von Dheepan (Jesuthasan Antonythasan), der die Tamil Tigers hinter sich lässt und von Sri Lanka nach Frankreich fliehen will. Für Familien ist es einfacher, nach Europa zu kommen. Also schließt sich ihm im Flüchtlingslager Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und die verwaiste Illyaal (Claudine Vinasithamby) an. Laut ihren neuen Papieren sollen sie fortan Mutter, Vater und Kind sein. Tatsächlich schaffen sie es nach Frankreich, erhalten eine Sozialwohnung und Dheepan kann als Hausmeister arbeiten. Er überzeugt Yalini, auf die Papiere zu warten, die ihnen ein legales Leben ermöglichen, und allmählich finden sie sich in ihrem neuen Leben zurecht. Aber weder der Gewalt noch ihrer Vergangenheit können sie in Frankreich einfach entfliehen.

Audiard erzählt in Dheepan von den Versuchen, in einem neuen Land ein neues Leben anzufangen – und damit fügt sich sein Film in Hamburg in eine Reihe von Filmen zu diesem Thema ein. Auch der Publikumspreis des Filmfest ging – durchaus überraschend – an den Dokumentarfilm Nice People über somalische Flüchtlinge, die im schwedischen Borlange gelandet sind und sich dort auf Initiative eines lokalen Unternehmers auf die Bandy-Weltmeisterschaft – eine Art Mischung aus Eishockey und Fußball – in Sibirien vorbereiten. Darüber hinaus war das Flüchtlingsthema auch vor und nach den Filmen präsent. So wurde vor jeder Publikumsvorstellung ein Kurzfilm von Lars Becker gezeigt, indem sich Flüchtlinge vorstellen – und nach dem Film wurde auf den obligatorischen Blumenstrauß für anwesende Filmleute verzichtet, sondern stattdessen das Geld gespendet.

CinemaxX Dammtor Bild 4 © Filmfest Hamburg / Martin Kunze
CinemaxX Dammtor © Filmfest Hamburg/Martin Kunze

Das zweite große Thema beim Filmfest Hamburg war der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. In Atom Egoyans Remember startet Zev (Christopher Plummer) einen Rachefeldzug gegen einen ehemaligen KZ-Wärter; in dem Dokumentarfilm A Nazi Legacy: What our fathers did begibt sich der britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands mit Niklas Frank und Horst von Wächter auf eine Reise nach Polen und in die Ukraine, um sie mit den Taten ihrer Väter zu konfrontieren. Magnus Gerttin erzählt in seinem Dokumentarfilm Every Face Has A Name von KZ-Überlebenden, die im April 1945 im Hafen von Malmö ankamen, und erhielt dafür den Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung für den politischen Film. Und in Unter dem Sand widmet sich Martin Zandvliet der Geschichte deutscher Kriegsgefangener, die in Dänemark zur Räumung von Landminen an der Westküste eingesetzt worden.

Es sind allesamt Filme, die zu Diskussionen und zum Nachdenken einladen – am meisten beschäftigt hat mich aber Son of Saul, der 107 Minuten lang in das Innere der Tötungsmaschinerie in Auschwitz blickt. Saul (Géza Röhrig) ist einem Kommando zugeteilt, das direkt im Krematorium arbeiten muss: Er führt die Menschen, die „Stücke“, in die Gaskammer und schafft anschließend ihre toten Körper in die Verbrennungsöfen. Die Kamera bleibt bei seinem Blick, das gesamte Grauen ist aus seiner Perspektive zu erleben. Obwohl er nicht mehr genau hinschaut, sondern verdrängt, ist durch die Tonspur und die Bekanntheit dessen, was nicht gezeigt wird, die Entsetzlichkeit umso deutlicher zu spüren. Als Saul dann in einem der getöteten Kinder seinen Sohn zu entdecken glaubt und ihm ein Begräbnis ermöglichen will, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, der eigentlich aus Thrillern bekannt ist. Damit verbindet der ungarische Regisseur László Nemes in seinem Debütfilm den Holocaust mit Spannung – und führt der Frage, wie man das Unzeigbare zeigt, eine hochinteressante, neue und durchaus zu diskutierende Antwortmöglichkeit hinzu.

Zu Dheepan und Son of Saul kommt mit Mustang ein dritter politischer Film, der nicht nur dem Art Cinema Award in Hamburg erhalten hat, sondern fast schon intim von dem Leben von fünf Schwestern erzählt, denen eines Tages nachgesagt wird, sie hätten sich „unsittlich“ verhalten. Daraufhin werden sie von ihrem Onkel im Haus eingesperrt und sollen nacheinander verheiratet werden. Indem Deniz Gamze Ergüven ganz nah an ihren Protagonisten bleibt, ermöglicht sie ebenfalls einen Blick in das Innere einer Gesellschaft, die es hinnimmt und unterstützt, dass Mädchen nicht mehr zur Schule gehen und gefangen gehalten werden – verweist jedoch zugleich darauf, dass das Leben in der Türkei nicht überall so ist: In Istanbul wäre ein freieres Leben möglich.

Zumindest mein Filmfest Hamburg war somit geprägt von politischen Filmen, aber inmitten der insgesamt 172 Filme, die in der letzten Woche gezeigt wurden, gab es bestimmt noch mehr zu entdecken. Doch allein mit der neuen Sektion „Veto!“ wurde dem politischen Film eine wohltuend starke Präsenz verliehen – und ich in meinem Glauben bestärkt, dass Filme etwas verändern können.

Trailer: https://www.youtube.com/user/FilmfestHamburg

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *